Eingestürzte Wertheimer Stadtmauer Mauersturz vor Gericht
Drei Monate vor dem Einsturz der Wertheimer Stadtmauer ist die Befestigung von Bauexperten untersucht worden. Ein Gericht soll nun klären: War das Unglück vermeidbar?
Drei Monate vor dem Einsturz der Wertheimer Stadtmauer ist die Befestigung von Bauexperten untersucht worden. Ein Gericht soll nun klären: War das Unglück vermeidbar?
Wertheim - Für Christian Freudenberg sind es bange Stunden des Wartens gewesen an jenem Morgen des 17. Dezember 2019. Rettungskräfte suchten in dem Schuttberg in der Altstadt von Wertheim (Main-Tauber-Kreis) mit Hunden nach Verschütteten. Schließlich konnten sie Entwarnung geben: Unter dem Stein- und Erdhaufen ist kein Mensch begraben. „Das ist das Wichtigste gewesen damals“, sagt Freudenberg.
Stunden zuvor war ein Teil der historischen Stadtmauer mit einem gewaltigen Rums ins Rutschen geraten und eingestürzt. Der zehn Meter breite und acht Meter hohe Abschnitt gehört Freudenberg ebenso wie das angrenzende Wohnhaus; er hatte es damals vermietet. Die Sandsteinmauer stützt den Berg ab, auf dem die Wertheimer Burg aus dem 12. Jahrhundert thront. Die Erleichterung, dass bei dem Einsturz niemand zu Schaden gekommen war, wich bald der Frage: Wie konnte das passieren?
Spekuliert wurde, ob die Regengüsse der Tage zuvor die Erde ins Rutschen und die Mauer zum Einstürzen gebracht haben. Vor Gericht geht es darum, ob das Ganze hätte verhindert werden können. Denn Christian Freudenberg hatte schon im September Risse in der Befestigung entdeckt und eine auf Mauersanierungen spezialisierte Baufirma zurate gezogen. Die Geschäftsführer hatten sich den Schaden angeschaut und Probebohrungen angeboten, um die Mauerstärke und die Zusammensetzung des Mörtels zu klären und auf dieser Basis ein Sanierungskonzept zu erstellen.
Zur Auftragsvergabe kam es nicht, Freudenberg wollte erst Rücksprache mit dem Denkmalschutz und seiner Versicherung halten wegen der Kosten. Dennoch fordert der Eigentümer von der Firma nun 150 000 Euro Schadensersatz für die Kosten des fast vollendeten Wiederaufbaus des historischen Mauerwerks: Die Experten hätten ihn auf die Dringlichkeit einer Sanierung hinweisen müssen.
Das weisen Alexander Ross und Jens Langenake, die Geschäftsführer der Bau-Sanierungstechnik GmbH, bei dem Gütetermin vor dem Landgericht Mosbach zurück. Freudenberg habe gefragt, ob die Mauer einsturzgefährdet sei, sagt Ross. „Die Frage kommt immer wieder, und die Antwort ist immer die gleiche: Man kann einfach nicht sagen, ob und wann etwas passiert.“ Ein Dialog, den es nach Angaben von Freudenberg so nicht gegeben hat.
Natürlich habe man die Verformung der Mauer gesehen, die Befestigung habe aber keinen besonders schlechten Eindruck gemacht. Fotos von damals dokumentieren die Risse und den Mauerversatz nach vorne. „Wir haben keinen Anlass gesehen, sofort zu reagieren“, so der Ingenieur. Das Angebot für die Probebohrungen verschickte das Unternehmen aber nur zwei Tage nach dem Treffen.
Die gütliche Einigung ist gescheitert, nun entscheidet das Gericht. Das will vorher aber noch einen Gutachter hören zu der Frage, ob die Einsturzgefahr erkennbar und der Zusammenbruch grundsätzlich vermeidbar gewesen wäre – durch Holzstützen etwa. Für die Stadt Wertheim indes war der 17. Dezember ein Weckruf. Umgehend ließ die Verwaltung die benachbarten Bereiche, die in städtischer Hand ist, prüfen – mit dem Ergebnis, dass auch dort die Mauer dem Erddruck nicht mehr lange standhält, weil der Mörtel bröselig geworden ist. Für eine halbe Million Euro sollen diese nun saniert werden.