Einkaufen in der Region Stuttgart Solidarischer Einzelhandel – ein neuer Trend?

Anika Roll (links) und Larissa Banse, Gründerinnen des „Poppinski“, stellen auf ein gemeinschaftsbasiertes Geschäftsmodell um. Sie sind nicht die einzigen in der Region. Foto: Roberto Bulgrin

Es bleibt nicht nur beim „Poppinski“ in Esslingen: Mehrere Geschäfte in der Region Stuttgart gründen solidarische Gemeinschaften mit ihren Kunden. Wer profitiert davon? Und zeichnet sich hier ein Trend ab?

„Wir haben sehr viel positives Feedback erhalten“, sagt Larissa Banse. Sie und ihre Geschäftspartnerin Anika Roll betreiben das „Poppinski“, ein Geschäft für handgefertigte Designprodukte aus Baden-Württemberg. Weil der Umsatz in dem Laden in der Esslinger Küferstraße nicht ausreicht, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, stellen die beiden Frauen auf ein gemeinschaftsbasiertes Geschäftsmodell um. Damit sind sie nicht die einzigen in der Region. Lässt sich daraus ein neuer Trend ableiten?

 

Während der Pandemie und vermehrt seit einigen Monaten, seit die Preissteigerungen besonders den Handel mit hochpreisigeren Biolebensmitteln belasten, seien immer wieder Geschäfte mit solidarischen Modellen an die Öffentlichkeit getreten, sagt Michael Heinle, Pressesprecher des Handelsverbands Baden-Württemberg. Vor allem kleine Geschäfte und Unverpacktläden. „Ein richtiger Trend ist das aber noch nicht“, sagt er. Allerdings könne sich das womöglich ändern, falls die Preissteigerungen anhielten und den Einzelhandel weiter belasteten.

Vor allem Unverpacktläden bitten um Solidarität

In der Szene der im weitesten Sinne auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Gründer und Kunden scheint die neue Solidarität Anklang zu finden. Dabei werden unterschiedliche Konzepte verfolgt. Der Unverpacktladen „Ohne Plapla“ in Ludwigsburg hat ein Modell auf den Markt gebracht, bei dem eine Hälfte des Monatsbeitrages direkt ins Unternehmen fließt, um die Fixkosten mitzutragen. Die andere kann im Geschäft eingelöst werden. Inhaber Hergen Blase erzählt, dass sein Laden seit vier Jahren besteht und es zunächst gut lief. Besonders im vergangenen Jahr aber sei die Kundenfrequenz eingebrochen. Einerseits, weil einige Kunden infolge der Inflation sparen müssten. Aber auch, weil sich mit der Wiederöffnung des gesellschaftlichen Lebens nach Corona die Gewohnheiten verändert hätten. Um Hilfe zu bitten, das habe Überwindung gekostet. „Aber die Rückmeldungen bestärken uns“, sagt Blase. Vielen sei bewusst, wie schwierig die Zeiten seien und dass es Bedarf an Geschäften wie seinem gebe. „Eigentlich müssten Produkte, die gut für Mensch und Umwelt sind, politisch unterstützt werden, weil sie keine gesamtgesellschaftlichen Kosten verursachen – im Gegensatz zu anderen, vermeintlich billigen.“

Im Verpackungslosladen „B:ohne“ in Waiblingen sind die Erfahrungen ähnlich. Hier gibt es ein Gutscheinsystem, das im mehrfachen Sinn solidarisch ist: Wer mehr hat, kann mehr als den Maximalbeitrag von 96 Euro im Monat bezahlen und damit Mitgliedschaften von Studenten oder anderen mit geringem Einkommen bezuschussen. „Wir merken bei unseren Kunden, dass ein Bedürfnis da ist, wieder enger zusammenzurücken und aufeinander acht zu geben“, sagt die Co-Gründerin von „B:ohne“, Martina Mohr.

Von Beginn an anders haben sich die Initiatoren von „Glas und Beutel“ in Nürtingen aufgestellt: als Genossenschaft mit derzeit etwa 400 Mitgliedern. Das habe ihnen in der schwierigen Phase der Pandemie und der Preissteigerungen den Rücken gestärkt, sagt einer der Vorsitzenden, Michael Medla. Allerdings sei eine Genossenschaft kein Selbstläufer, die Gemeinschaft müsse gepflegt werden. „Ist es ein besseres Konzept? Das kann es sein, weil eine höhere Identifikation geschaffen werden kann“, meint Michael Medla.

60 Mitglieder für das „Poppinski“

Vor kurzem hat das Esslinger „Poppinski“ Kundinnen und Kunden zur Bietrunde eingeladen, bei der die Monatsbeiträge verhandelt wurden. Mehr als 60 Mitglieder hat die Gemeinschaft nun – wenn auch nur etwas mehr als die Hälfte der erwünschten 4000 Euro im Monat zusammenkamen. Die Gründerinnen sind dennoch zufrieden. Mit der Stärkung wollen Banse und Roll ihre Öffnungszeiten und das Veranstaltungsprogramm erweitern und hoffen, dass sich die „Poppinski“-Familie weiter vergrößert. „Ich freue mich darauf, die Gemeinschaft zu leben“, sagt Larissa Banse.

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