Einkaufstourismus durch Coronalockerungen Schwaben stürmen bayerische Baumärkte

Montagmorgen, die Parkplätze der Neu-Ulmer Baumärkte laufen schnell voll. Foto: Rüdiger Bäßler

Bayern öffnet neben Friseuren und Blumengeschäften auch die Heimwerkermärkte. Die Kundschaft kommt in Scharen. In der Doppelstadt Ulm und Neu-Ulm zeigt sich, wie grotesk unterschiedliche Handelsregeln sein können – nicht zum ersten Mal.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Neu-Ulm - Montagmorgen, das Land Bayern hat gerade die Baumärkte wieder geöffnet, da ist ein junges Pärchen aus Neu-Ulm schon wieder aus der örtlichen Bay-Wa-Filiale heraus und stapelt Holzplatten in den Kofferraum eines Kleinwagens. „Das gibt ein Terrarium für meine Degus“, sagt der Mann. Auch Aluprofile hat er besorgt. Degus, klärt das Lexikon auf, sind Nagetiere aus der Gattung der Strauchratten. Der Parkplatz ist rappelvoll, die Kennzeichen stammen auch aus Biberach, Esslingen, vor allem dem benachbarten Ulm. Ein älteres Ehepaar von der württembergischen Seite der Donau schnappt sich einen Einkaufswagen. „Ich war dagegen herzukommen“, protestiert die Frau, sie fürchte die Ansteckungsgefahren. „Aber mein Mann war nicht zu bremsen.“

 

Ein Sprecher des Handelsverbandes Bayern sagt am Morgen, „sogenannte Einkaufstouristen“ aus Nachbarbundesländern seien wohl „nicht auszuschließen“, aber: „Markus Söder wird sich sicherlich mit Argusaugen angucken, wie alles funktioniert.“ Das dürfte auch für den Stuttgarter Regierungschef Winfried Kretschmann gelten. Dessen Regierungssprecher Rudi Hoogvliet hatte schon Ende vergangener Woche die bayerische Öffnungslust kritisiert: „Ich weiß nicht, was das soll.“

Dieselben Szenen wie vor einem Jahr

Wieder kommt ein Kunde aus der Bay-Wa-Tür, in der Hand hält er zwei Gartenschlauchanschlussstücke. „Wir sind ein Land. Wir sollten die gleichen Regeln haben“, meint er. Dass so viele Ulmer hier sind, wundert ihn nicht. Ulm und Neu-Ulm, das ist eine einzige Stadt, ein Lebensraum. Unterschiedliche Handelsregeln wirken hier so grotesk wie an keinem anderen Ort entlang der Landesgrenzen.

Das erbost auch den Ulmer CDU-Oberbürgermeister Gunter Czisch. Er erinnert an den ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr. Da war die Lage spiegelverkehrt – Bayern hielt die Baumärkte zu, Baden-Württemberg geöffnet. Auf den Parkplätzen der Ulmer Filialen bildeten die Kundenmassen lange Schlangen, vor allem an den Wochenenden. Aufgrund der bayerischen Kontakteinschränkungen wurden bayerische Kfz-Kennzeichen auf Ulmer Gemarkung notiert, Fahrer bei Kontrollen gestoppt und Ordnungsgelder verhängt. Zugleich, erinnert Czisch, hätten Ulmer vor gut einem Jahr in der bayerischen Nachbarstadt straffrei Eis essen können – die südwestdeutschen Eisdielen hatten schließen müssen. „Das hat niemand verstanden“, sagt der OB, und das gelte jetzt wieder. Öffnungen „in kleinen Häppchen alle paar Tage“ führten dazu, dass „die Leute von der Fahne gehen“.

Toilettenschüsseln und Co. stapeln sich in Einkaufswagen

Einheitliche Regelungen für den Einzelhandel sähe auch die Neu-Ulmer Rathauschefin Katrin Albsteiger (CSU) lieber. „Das würde auch für mehr Akzeptanz sorgen“, sagt sie. Die Baumärkte in ihrer Stadt machen jetzt immerhin große Umsätze. Auch der Parkplatz des Hornbach-Marktes ist knallvoll, Leute eines Sicherheitsdienstes weisen Autos ein und zählen am Haupteingang die Kunden. Die Autokennzeichen weisen auf Käufer aus Leverkusen, Mannheim, Ravensburg oder dem Alb-Donau-Kreis hin. In den Einkaufswagen stapeln sich Toilettenschüsseln, Blumentöpfe, Elektrogeräte, Pakete mit Bodenbelägen.

Volker Thoma ist seit dem Morgen hier, Gebietsleiter Bayern bei der Hornbach-AG, die ihre Zentrale im rheinland-pfälzischen Bornheim hat. Sein Unternehmen habe alles für die Sicherheit vorbereitet. Nur bis zu 200 Kunden würden in den Markt gelassen, anstatt der eigentlich 400 erlaubten, versichert Thoma. Bayern schreibt eine Mindestfläche von zehn Quadratmetern für jede Person in einem Raum vor, zumindest für die ersten 800 Quadratmeter Verkaufsfläche. FFP2-Masken sind Pflicht.

Gemischte Gefühle beim Verkaufspersonal

Der Hornbach-Pressesprecher ist mit nach Neu-Ulm gekommen. Die Öffnungsmöglichkeit zum 1. März sei wie eine Befreiung für das Unternehmen, sagt er. „Dieses Volumen hätten wir im Online-Geschäft nie bewältigt.“ Die Kunden, sagt Thoma, hätten mittlerweile auch dazugelernt, sie seien umsichtiger geworden.

Im Innern kommt das Personal den Kundenwünschen kaum hinterher. „Gespalten“ seien seine Gefühle, gibt ein Verkäufer zu. Er freue sich, dass er seinen Job wieder machen könne – und fürchte im Massenandrang zugleich eine Ansteckung.

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