Coronavirus So schätzt die Weltgesundheitsorganisation Covid-19 ein
Je mehr über den neuen Erreger bekannt wird, desto klarer wird, dass er anders ist als Influenza. Das sind die neuen Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation.
Je mehr über den neuen Erreger bekannt wird, desto klarer wird, dass er anders ist als Influenza. Das sind die neuen Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation.
Stuttgart - Bisher wurde das bekannte Influenzavirus gerne als Vergleichsmaßstab herangezogen, um die Gefahr durch das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2019 einzuordnen. Der Tenor war, dass die von ihm hervorgerufene Erkrankung Covid-19 zwar wie eine echte Grippe sehr schwer oder sogar tödlich verlaufen kann, dass das neue Virus aber insgesamt eher ungefährlicher als das Influenzavirus zu sein scheint. Die jüngsten Erkenntnisse untermauern diese Einschätzung jedoch nicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat nun den aktuellen Wissensstand zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Erreger zusammengefasst. Wir beantworten wichtige Fragen dazu.
Inwieweit ähneln sich Corona- und Influenzainfektionen in der Verlaufsform?
Beide Virusgruppen führen zu ähnlichen Symptomen, nämlich Atemwegserkrankungen mit einer sehr großen Bandbreite an unterschiedlichen Verlaufsformen: über milde Erkrankungen bis zu schweren Fällen oder gar einem tödlichen Ende. Selbst völlige Symptomfreiheit ist möglich.
Wie ähnlich sind die Infektionswege bei den Krankheiten?
Sehr ähnlich. Beide Viren werden über Tröpfchen übertragen, die von infizierten Personen stammen. Auch der direkte Kontakt zu Virusträgern kann zu einer Übertragung führen.
Was sind die Konsequenzen daraus?
Dieselben Übertragungswege für beide Virusgruppen bedeuten, dass die üblichen Hygienemaßnahmen auch die Übertragung von Coronaviren erschweren: regelmäßiges und sorgfältiges Händewaschen sowie eine gute Husten-Nies-Etikette, also nicht in die Hand niesen und husten, sondern in ein Taschentuch oder zur Not in die Ellbogenbeuge. Und von anderen Menschen möglichst einen Meter oder mehr Abstand halten, vor allem, wenn sie niesen und husten. Auch sollte man sich so wenig wie möglich mit den Händen ins Gesicht fassen.
Ähneln sich die beiden Viren auch bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit?
Nein – und das ist eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale. Nach bisherigen Erkenntnissen ist bei Influenzaviren die mittlere Inkubationszeit kürzer, also die Zeit zwischen Ansteckung und dem Auftreten der ersten Symptome. Auch die Zeit zwischen zwei Krankheitsfällen in einer Infektionskette – die Epidemie-Experten bezeichnen dies als serielles Intervall – ist bei Influenza mit etwa drei Tagen deutlich kürzer als bei Corona mit fünf bis sechs Tagen. Dies bedeutet, dass sich die echte Grippe schneller ausbreitet als Covid-19.
Wie sind die Unterschiede bei der Übertragung vor Krankheitsausbruch?
Bei der Influenza ist die Übertragung von Viren in der Phase, bevor die ersten Symptome auftreten, ein wichtiger Infektionsweg. Auch bei Covid-19 können Menschen offenbar zwei bis vier Tage vor den ersten Erkrankungssymptomen den Erreger übertragen. Dies scheint laut WHO aber kein bedeutsamer Infektionsweg zu sein.
Wie viele Menschen kann ein Virusträger anstecken?
Ob es hier Unterschiede gibt, ist noch nicht klar. Gemessen wird dies mit der sogenannten Basisreproduktionszahl R0: Für die Influenza wird sie mit zwei bis drei angegeben, was bedeutet, dass ein Virusträger zwei bis drei weitere Menschen ansteckt. Sie könnte je nach Ausbruch aber auch niedriger sein. Laut WHO ist die Quote der Ansteckungen möglicherweise bei Covid größer als bei Grippe. Allerdings ist diese bei beiden Virusarten schwer zu bestimmen, weil der Wert stark von verschiedenen Einflussfaktoren abhängt. Zum Vergleich: Masern ist weitaus ansteckender, hier kann ein Virusträger zwölf bis 18 andere Menschen infizieren.
Sind unterschiedliche Bevölkerungsgruppen betroffen?
Ja. „Kinder sind bedeutsame Treiber für die Übertragung von Influenzaviren in der Gemeinschaft“, schreibt die WHO. Dagegen sind ersten Auswertungen zufolge Kinder deutlich weniger von Sars-CoV-2019 betroffen als Erwachsene – und in der Altersgruppe bis 19 Jahre gibt es auch wenige klinische Einweisungen, also schwere Fälle. Und während Influenzaviren leicht von Kindern auf Erwachsene übertragen werden, scheint dies bei Coronaviren nicht der Fall zu sein – im Gegenteil: Hier werden die Kinder eher von Erwachsenen angesteckt.
Wie unterschiedlich schwer verlaufen die Krankheiten?
Sowohl Influenza als auch Covid-19 können tödlich verlaufen. Allerdings scheinen schwere bis lebensbedrohliche Verläufe bisherigen Auswertungen zufolge bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe zu sein. Chinesischen Untersuchungen zufolge verlaufen etwa 80 Prozent der Covid-19-Fälle vergleichsweise milde. Doch bei etwa 15 Prozent der Infizierten ist die Erkrankung so schwer, dass eine zusätzliche Versorgung mit Sauerstoff und bei fünf Prozent eine künstliche Beatmung nötig wird. Auch die Todesrate – also die Zahl der Todesfälle pro 1000 infizierten Menschen – liegt wohl höher. Damit könnte Covid-19 schwerwiegender verlaufen als eine normale saisonale Grippe. Sichere Aussagen sind beim aktuellen Kenntnisstand kaum möglich.
Wie sind die Therapiemöglichkeiten?
Auch hier gibt es gravierende Unterschiede. Gegen Influenzaviren stehen jedes Jahr neu angepasste Impfseren zur Verfügung, die allerdings nicht vollkommen vor einer Infektion schützen. Gegen die Coronaviren sind zwar laut WHO mehr als 20 Impfseren in der Entwicklung, sie dürften aber wohl erst in einem Jahr verfügbar sein. Antivirale Mittel sind zur Behandlung von Influenza zugelassen, bisher aber noch nicht von Covid-19.