Einzelhandel in Esslingen Ausverkauf bei Karstadt und Kögel – die letzten Tage sind angebrochen

Auch im Modehaus Kögel sind die Warenbestände stark geschrumpft. Der Abverkauf läuft noch bis zum 27. Januar. Foto: Roberto Bulgrin

Mit der Schließung von Karstadt und dem Modehaus Kögel verliert Esslingen zwei der größten Ladengeschäfte. Die Kundschaft will nach Stuttgart, Ludwigsburg und Metzingen ausweichen.

Region: Corinna Meinke (com)

Es ist 17 Uhr, und der Andrang hält sich in Grenzen. Die Mitarbeiter an den drei Kassen bei Karstadt in der Esslinger Bahnhofstraße fertigen die Kundschaft zügig ab. Draußen hasten Menschen vorbei, und drinnen herrscht Aufbruchstimmung. Schnell noch einen Blazer für neun Euro oder ein T-Shirt für zwei Euro mitnehmen. Im Erdgeschoss liegen Ohrringe mit Riesenklunkern zu dreistelligen Beträgen bleischwer in den Vitrinen, ein paar Armbanduhren und der letzte Modeschmuck erinnern an ehemals goldene Kaufhauszeiten.

 

Bei Karstadt in der Bahnhofstraße gehen bald die Lichter aus. Foto: Roberto Bulgrin

„Wir schließen diese Filiale“ und „Alles muss raus“ prangt derweil am Eingang. Am 17. Januar ist endgültig Schluss, das steht fest. „Ich mache mir Sorgen um die kleinen Läden und frage mich, ob die weiter bestehen bleiben, wenn es die großen wie Karstadt und Kögel nicht mehr gibt “, sagt die Kundin Melina Porretto. Für gute Qualität müsse sie dann nach Stuttgart oder Metzingen fahren oder eben online bestellen, vermutet die Fotografin. David Haller denkt ebenfalls an die Zukunft. Der 19-Jährige wünscht sich mehr Angebote für seine Generation. Ein Schuhgeschäft wie Snipes oder Foot Locker wäre gut für Esslingen, dazu noch mehr modische Kleidung und Fast Food, so ähnlich wie im benachbarten Einkaufszentrum „Das ES“, dann bräuchten er und seine Freunde nicht so oft nach Stuttgart zu fahren. „Das S-Bahn-Ticket ist halt teuer“, ergänzt ein Begleiter.

Für Reinhold Riedel stehen die beiden Schließungen von Karstadt und Kögel für den Niedergang des Einzelhandels in Esslingen. Er bemängelt die wachsende Zahl von Läden, die in guten Lagen wie der Inneren Brücke, der Pliensau- und der Küferstraße Handys, Goldankauf und Ein-Euro-Angebote offerieren. Eine gemischte Nutzung mit Einzelhandel und Volkshochschule, wie sie bereits diskutiert wird, kann er sich in der Bahnhofstraße vorstellen. Dazu sollte die Kommune allerdings das Karstadtgebäude kaufen.

Zukunft ohne zwei große Frequenzbringer

„Ich geh’ da nicht rein“, meint eine Passantin im Vorübergehen und ergänzt: „Mir tun nur die Mitarbeiter leid, von denen viele jetzt wahrscheinlich arbeitslos werden“.

Viele Kundinnen und Kunden reagieren mit großem Bedauern auf die beiden baldigen Schließungen. Während Karstadt angekündigt hat, bereits am Mittwoch, 17. Januar, dicht zu machen, will das Modehaus Kögel am Samstag, 27. Januar, zum letzten Mal seine Türen für die Kundschaft öffnen. Bei einem Rundgang durch die beiden Geschäfte wird klar, dass sich viele Befragte um die Attraktivität des Esslinger Einzelhandels sorgen, wenn zwei der größten Geschäfte nicht mehr als Frequenzbringer wirken.

„Wo soll man sich denn im Winter noch aufwärmen beim Bummeln?“, fragt sich eine Plochingerin, die in der Esslinger Innenstadt aufgewachsen ist. Eine andere Kundin sorgt sich um das Angebot: „So ein Haus mit einer breiten Auswahl von der Kinder- bis zur Erwachsenenkleidung findet man nicht mehr in der Gegend“, erklärt Silveria Rombach, die früher bei Kögel gearbeitet hat. Sie habe sich schon nach Alternativen umgesehen, doch der Besuch im Modepark Röther im Neckarcenter in Esslingen-Weil überfordere sie, der sei ihr einfach zu groß.

Online einkaufen ist nicht für alle attraktiv

„Ich war geschockt von der Nachricht, dass Kögel schließt“, sagt Rombach beim Bummel durchs Erdgeschoss, wo Blusen, Hosen, Abendkleider und Winterjacken dicht gedrängt auf den Abverkauf warten, während die Obergeschosse und der Neubau längst geschlossen sind. Vermutlich werde sie künftig in ihrer alten Heimat in Bochum Kleidung einkaufen, wenn sie ihren Bruder besucht. Online einkaufen kommt für die Esslingerin nicht in Frage. Wohin soll denn dieses Hin-und Herschicken führen, fragt sie sich. Auch für eine jüngere Kundin ist das keine Alternative. „Ich muss das Kleidungsstück anfassen, anprobieren und die Qualität prüfen“, erklärt die 45-Jährige. Viele Freundinnen bestellten regelmäßig im Netz, „aber ich will das nicht, ich möchte die Geschäfte hier in der Stadt nutzen und unterstützen.“

Mit dem Modehaus Kögel schließt ein Traditionsunternehmen. Foto: Roberto Bulgrin

„Ich vermisse in Esslingen schon lange das Einkaufserlebnis“ sagt dagegen Björn Tissies, der in seiner Heimatstadt seit dem Umzug nach Ludwigsburg nur dem Optiker in der Küferstraße treu geblieben ist. Er verstehe nicht, warum Esslingen vom Stadtmarketing so gelobt werde. Selbst seine Eltern kauften inzwischen überwiegend in Ludwigsburg ein, da gebe es von Schreibwaren bis zu Bekleidung ein gutes Angebot in der Innenstadt. Dazu müsse er nicht einmal ins Breuningerland fahren. Eine Kundin aus Stuttgart-Plieningen will dagegen Esslingen treu bleiben. „Ich gehe lieber in die kleinen Geschäfte und netten Cafés, und die Secondhand-Läden sind auch interessant“, sagt die Kundin, die die Anbindung mit dem Flughafenbus lobt, der halbstündlich verkehrt.

Die Debatte um ein neues Kulturquartier hat begonnen

Kögel
 Alexander Kögel ist guter Hoffnung, Nachnutzer für seine Immobilien zu finden. Seine Gespräche seien weit gediehen, erklärte der Unternehmer unlängst. Bereits im Frühjahr könnte ein Nachfolger in das Geschäft für junge Mode in der Bahnhofstraße einziehen. Der Oberbürgermeister Matthias Klopfer hat einen Umzug der Stadtbücherei in das Modehaus am Standort Zehentgasse genauso zur Diskussion gestellt wie einen Umzug der Volkshochschule in das Karstadtgebäude. Auch ein digitales Medienzentrum im Modehaus steht zur Debatte.

Vision
 Nach Auslaufen der Bindung des Bürgerentscheids hatte der Gemeinderat die Modernisierung der Bücherei im Pfleghof beschlossen. Nun wird aber über ein künftiges innerstädtisches Kulturquartier beraten. OB Klopfer hat nach einer Onlinebefragung und Veranstaltungen ein Konzept angekündigt. Erste Daten und Fakten sind für Februar angekündigt.

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