Cave-Technik neu beim Stuttgarter LKA Der Tatort als virtuelle Welt

Begehung eines virtuell nachgestellten Tatorts in der Cave. Foto: Landeskriminalamt Baden-Württemberg

Bei der Verbrechensaufklärung zählt jedes Detail am Tatort. Doch wie lassen sich die Gegebenheiten vor Ort für später konservieren? Das Stuttgarter Landeskriminalamt ist das einzige in Deutschland, das über eine ganz besondere virtuelle Technik verfügt.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Es ist schon fast erschreckend realistisch, was sich da vor den eigenen Augen abspielt. Mit einer kaum spürbaren Brille auf der Nase befindet man sich vor einem Hauseingang. Rechts stehen die Mülltonnen, unter den eigenen Füßen wächst Gras. Direkt vor einem: überall Blut. Und ein lebloser Körper am Boden. Weiter geht man, in die Wohnung hinein. Zimmertüren stehen offen, hinten im Gang eine zweite Leiche. Der Betrachter erschaudert, denn er weiß: Es handelt sich um einen realen Tatort in Baden-Württemberg. Dieses Verbrechen hat wirklich stattgefunden. Und es fühlt sich an, als stünde man mittendrin.

 

Genau genommen stimmt das auch. Obwohl man nach dem Abnehmen der Brille schnell in die Realität zurückfindet. Nämlich in einen Raum des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) am Stuttgarter Landeskriminalamt. In dem hat man sich die ganze Zeit über befunden – und man hat sich auch nicht mit den Füßen bewegt, sondern nur mit einem Steuerungsgerät, dem Kopf und den Augen. In einem virtuellen Raum, der auch noch Jahre nach einem Verbrechen den Ort des Geschehens geradezu gespenstisch echt mit jedem Detail widerspiegelt.

„Mit dieser Technik bewegt man sich direkt in der Szene“, sagt Stefan Knapp. Der stellvertretende KTI-Leiter ist stolz auf diesen ganz besonderen Raum. Cave heißt die Technik, die ursprünglich aus dem Maschinenbau und der Konstruktionstechnik stammt. Hier in Stuttgart bilden zwei Seitenwände und eine Bodenplatte den Kern, eine Art halbes Zimmer in der Ecke des Raums. Projektoren werfen Millionen Punkte darauf. Ein ganz besonderer Kinosaal. Wer die entsprechenden Brillen aufsetzt, kann sich darin wie in einer Höhle, englisch Cave, in einer simulierten Welt bewegen. Bundesweit ist das Stuttgarter Landeskriminalamt das einzige, das über eine solche Cave verfügt, und das seit Ende 2021. Das Projekt hat eine siebenstellige Summe gekostet. Die Mittel dafür hat das KTI aus Vermögensabschöpfungen bei Straftätern zur Verfügung gestellt bekommen. „Zum Glück gab es diese Sondermittel. Mit einem normalen Polizeietat wäre das utopisch“, sagt Knapp.

Der Nutzen der Anlage steht der Polizei in ganz Baden-Württemberg zur Verfügung. Wenn eine Dienststelle die Experten des KTI anfordert, rücken sie aus. „Wir machen schon seit 1994 eine zentrale 3-D-Vermessung, inzwischen mit Laserscannern“, erzählt Sandra Staiger. Die Vermessungstechnikerin und ihre Kollegen vermessen Tatorte bis ins kleinste Detail mit drei Millionen Laserpunkten pro Sekunde. Und halten die Situation zum Tatzeitpunkt somit dauerhaft fest. Die Aufnahmen werden verknüpft zu einer dreidimensionalen Punktwolke.

Gemeinsame Fallbesprechungen

Die lässt sich nun mithilfe der Cave-Technik mit mehreren Menschen gemeinsam für Fallbesprechungen begehen. Die Software dafür stammt vom Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart. Alle sehen dabei dasselbe Bild – als ob sie gemeinsam am Tatort wären. Es lassen sich Distanzen oder Schusswinkel einblenden, Perspektiven wechseln, eingescannte Personen oder Gegenstände einblenden und Theorien ausprobieren. Konnte ein Zeuge tatsächlich sehen, was er behauptet? Kann ein Verdächtiger aus seiner Position geschossen haben?

„Wir können so Tatabläufe haargenau rekonstruieren, der Tatort ist dauerhaft eingefroren“, sagt Knapp. Ermittler kommen zu Besprechungen, Zeugen, Sachverständige, Staatsanwälte. Und für Gerichtsverhandlungen wird Material aus den Untersuchungen vorbereitet. Ob es in Zukunft vielleicht sogar möglich sein wird, mobile Caves für den Verhandlungssaal zu konstruieren? Auf längere Sicht scheint das nicht undenkbar.

Reichsbürger und Amoklauf

Eine zweistellige Zahl von Fällen ist innerhalb eines guten Jahres jetzt schon per Cave aufgearbeitet worden. Die Vermessungsspezialisten und Informatiker haben sich beispielsweise mit der Reichsbürger-Razzia in Boxberg befasst, als ein Polizist angeschossen wurde. War es tatsächlich nur ein einzelner Täter oder gab es mehrere? Hat er seinen Standort gewechselt? Auch der Amoklauf in einem Hörsaal der Heidelberger Universität im Januar 2022 ist ausgiebig untersucht worden – beispielsweise um zu klären, ob der Schütze wirklich allein war.

Den technischen Möglichkeiten sind fast keine Grenzen gesetzt. So lassen sich nahezu alle Orte, die die Kriminaltechniker in den vergangenen rund 20 Jahren dreidimensional erfasst haben, nachträglich in die Cave-Technik einbauen und somit begehen. Damit lassen sich sogar Fälle aufklären, die sehr lange zurückliegen.

Auch KZ Auschwitz vermessen

Bereits 2014 haben die Spezialisten zum Beispiel das frühere Konzentrationslager Auschwitz vermessen – so, wie es damals vorzufinden war. Mit den Daten lassen sich noch heute Prozesse führen. So kann man überprüfen, ob ein angeklagter ehemaliger Wachmann zur Zeit des Holocaust von seinem Posten aus die Tötungen beobachten konnte, falls er das abstreitet. Auch für historische Dokumentationen lassen sich solche Simulationen nutzen.

Zurück an den erschreckend realistischen Tatort in der Cave. Wie sieht es unter dem Tisch in der Wohnung aus? Kein Problem, einfach schauen. Die Brille auf der Nase hat man dabei längst vergessen. „Die Begehung muss einfach sein, ohne eine besondere technische Höhe“, sagt Knapp. Jetzt aber lieber wieder hinaus ins virtuelle Freie. Fast meint man, die frische Luft zu spüren.

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