InterviewEishockey-WM „Wir werden nicht mehr unterschätzt“

Von Jürgen Kemmner 

Ex-Nationalspieler Marcel Goc sieht das deutsche Team für die WM in Dänemark gut gerüstet – doch der einstige NHL-Profi warnt vor übertriebenen Erwartungen

Bei den Olympischen Spielen führte Marcel Goc das deutsche Team zur Silbermedaille. Foto: dpa
Bei den Olympischen Spielen führte Marcel Goc das deutsche Team zur Silbermedaille. Foto: dpa

Stuttgart - Der 25. Februar 2018 war ein großer Tag im Leben von Marcel Goc – in Pyeongchang wurde der frühere NHL-Star, der bei Adler Mannheim unter Vertrag steht, mit der Silbermedaille dekoriert. Doch der größte Erfolg des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) zählt bei der an diesem Freitag beginnenden WM nichts. Die neu formierte Mannschaft von Bundestrainer Marco Sturm muss beweisen, dass Olympia nicht bloß ein Strohfeuer war. Darauf hofft auch Marcel Goc, der im April seine internationale Karriere beendete. Marcel Goc über ...

... das Fehlen der zurückgetretenen Führungsspieler Christian Ehrhoff, Marcel Goc und Patrick Reimer: „Natürlich fehlt ein Stück Erfahrung, aber es sind ein paar andere Jungs dabei, die auch schon einiges im Eishockey erlebt haben. Ich denke da an die NHL-Profis Leon Draisaitl, Dennis Seidenberg und Korbinian Holzer. Außerdem sind noch Yannic Seidenberg und Moritz Müller im Team. Ein Kader verändert sich eben, sei es durch Rücktritte, sei es durch Verletzungen. Dann bekommen andere eine Chance, das war auch vor Olympia so. Ich bin mir sicher, dass Marco Sturm seinen Kader klug zusammengestellt hat.“

... über die Frage, ob der Teamgeist, der die Deutschen in Korea stark gemacht hat, verloren ist – immerhin sind 15 Silber-Gewinner nicht mehr dabei, dafür acht WM-Debütanten: „Es stimmt, wir hatten seit gut vier Jahren ein festes Grundgerüst im Team. Aber die Spieler, die jetzt neu dazugekommen sind, kennen sich untereinander – sie werden sich schnell aufeinander einstellen und einspielen. Der Trainer hat auch schon vor Olympia bewiesen, dass er immer wieder neue Gesichter ins Team einbauen kann.“

... die hohen Erwartungen auf NHL-Star Leon Draisaitl: „Wenn einer bei einem kanadischen NHL-Team spielt wie Leon bei den Edmonton Oilers, dann ist er extremen Druck gewöhnt – mehr als die Jungs aus Clubs der USA. Ich bin mir sicher, dass er sich auf die WM freut, dass es für ihn eine neue Motivation darstellt. Als ich früher in der NHL gespielt habe, stand ich bei einer WM immer zur Verfügung, wenn mein Club aus den Play-offs ausgeschieden war. Das hatte ich DEB-Chef Franz Reindl versprochen. Ich habe es als Ehre empfunden, für Deutschland zu spielen, und glaube, Leon sieht das genauso.“

... den Druck der Fans, der auf Silbermedaillen-Gewinner Deutschland lastet: „Man muss realistisch bleiben. Wenn einer behauptet: Alles als der Finaleinzug wäre eine Enttäuschung, der kennt sich im Eishockey nicht aus. Die WM ist stärker besetzt als Olympia, weil NHL-Stars antreten. Das heißt aber nicht, dass unsere Mannschaft nicht mehr daran glaubt, wie bei Olympia, nun im Gruppenspiel gegen Kanada gewinnen zu können. Unser primäres Ziel muss sein, uns in den top acht der Welt zu etablieren. Das heißt: regelmäßig ins Viertelfinale einzuziehen

... über die Auftaktpartie gegen Dänemark: „Das wird ein Schlüsselspiel, es wird mit entscheiden, wie wir in dieses Turnier reinkommen. Natürlich müssen wir die Teams schlagen, die mit uns auf Augenhöhe sind wie Dänemark, Norwegen, die Letten und Südkorea, das ordentlich aufgerüstet hat. Einfach wird es gegen keinen Gegner. Das Niveau ist enger zusammengerückt, man kann sich kein schwaches Drittel mehr leisten – sonst liegt man zurück und beißt sich an der gegnerischen Abwehr die Zähne aus.“

... den Respekt, den sich Deutschland bei Olympia erworben hat: „Ich finde es positiv, dass Deutschland nun anders wahrgenommen wird. Sollten wir im Turnier auf Schweden treffen, werden sie sich an Korea erinnern. Natürlich ist dieser Respekt auch mit einem Nachteil verbunden: Wir werden nicht mehr unterschätzt.“