Elena Ferrantes Roman „Die Geschichte eines neuen Namens“ Gespenster der Vergangenheit

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Monatelang mussten die die deutschen Leser von Elena Ferrantes Erfolgsroman „Meine geniale Freundin“ auf die Fortsetzung warten. Mit der „Geschichte eines neuen Namens“ liegt nun die Übersetzung des zweiten Bandes des neapolitanischen Romanzyklus vor.

Die Pastelltöne auf dem Cover der deutschen Übersetzung von Elena Ferrantes „Geschichte eines neuen Namens“ stehen in Kontrast zu den drastischen Farben des Romans. Foto: Verlag
Die Pastelltöne auf dem Cover der deutschen Übersetzung von Elena Ferrantes „Geschichte eines neuen Namens“ stehen in Kontrast zu den drastischen Farben des Romans. Foto: Verlag

Stuttgart - Schafft sie es wieder? Zieht Elena Ferrante den Leser, der in den letzten Monaten nach dem ­Erscheinen des ersten Bands ihrer neapolitanischen Tetralogie von einem wahren Romanfieberrausch durchschüttelt wurde, noch einmal in die zwielichtigen Regionen jenes Rione, wo sich unter dem Geschrei und Gekeife eines allzu menschlichen Milieus, im Morast aus Missgunst, Hader und Gewalt eines der literarischen Wunder des letzten Jahres ereignet hat? Oder war es gar kein Wunder, sondern eher eine geschickt medial und ­viral inszenierte Epidemie, die die Einfallspforten der eignen niederen Instinkte genutzt hat, um ein schwaches Unterhaltungs-Immunsystem zu überrumpeln – ­etwas, worüber man sich mit inzwischen wieder kühlerem Kopf nur wundern kann?

Die Antwort auf die erste Frage muss eindeutig lauten: ja, sie hat es wieder getan. Schon nach den ersten Seiten hat die „Geschichte­ eines neuen Namens“ die Kluft zum Vorgängerroman „Meine geniale Freundin“ überbrückt, zwischen der als eine Art Cliffhänger das junge Eheglück einer der beiden Protagonistinnen im Leeren baumeln blieb. Schneller als erwartet hat die Gravitationskraft des Rione alle, die ihm zu entkommen trachten, wieder in seinen Bann geschlagen: die junge hochbegabte Schusterstochter Lila, die in der Ehe mit dem reichen Wurstwarenverkäufer des Viertels erfahren muss, dass sich Grobschlächtigkeiten aller Art nicht mit noch so viel beflecktem Geld aufwiegen lassen; ihre dem eigenen Empfinden nach weniger ­geniale Freundin, Rivalin und Erzählerin Lenu, die bildungsbienenfleißig rackert, während Lila – abermals dem eigenen Empfinden nach – jederzeit der Honig ­zufließt; vom Leser schließlich ganz zu schweigen, der seinen Tagesablauf wieder rasch und komplett auf die Teilhabe an den Hochs und Tiefs im Verhältnis der beiden Ambivalenzvirtuosinnen ausgerichtet hat und schwören könnte, keinen anziehenderen Ort zu kennen, als diesen abstoßenden Randbezirk der kampanischen Metropole, den Elena Ferrante, wer immer sich hinter diesem Pseudonym verbergen mag, zum Schauplatz der Weltliteratur gemacht hat.

Liebe als Ausweg

Und doch tut man gut daran, sich so lange wie möglich seinen kühlen Kopf zu ­bewahren, um das Ferrante-Fieber als das zu fassen, was es ist: keine Krankheit, sondern ein konzentrierter Erregungszustand, der nicht mit einer Benebelung einhergeht, sondern mit einer Schärfung der Sinne. Die Wirkung dieses Großromans, der dank der gewaltigen Übersetzungsleistung Karin Kriegers seit dem letzten Sommer auch das deutsche Publikum ­erreicht, verdankt sich einer glücklichen Kombination unterschiedlicher literarischer Absichten, Sphären und Wirkungsweisen, zusammengehalten vom Ferment eines Realismus, der eher in den Tiefenschichten einer spezifisch italienischen Tradition des Verismus wurzelt als im Kalkül marktgängiger Erzählformen. Viel wurde zuletzt über die geheimnisvolle Autorin spekuliert, der ihr Pseudonym so am Herzen liegt, dass sie ihr weiteres Schreiben an die Wahrung ihrer Anonymität geknüpft hat. Der indiskrete Enthüllungscoup eines Sensationsjournalisten wurde vom Verlag bis jetzt nicht bestätigt. So darf man sich weiterhin sein eigenes Bild dieses Schreibvermögens machen, das sich geradezu in eine Vielzahl von Identitäten auffächert.

Da ist die versierte, mit Kolportageelementen innigst vertraute Handwerkerin, die geschickt Leseanreize setzt, über ­Andeutungen Spannungsbögen aufbaut und menschliche, amouröse Verwicklungen schafft. Im Mittelpunkt dieses zweiten Bands des Zyklus steht der Wettstreit der beiden jungen Frauen um den windigen, Idealismus und Egozentrik prekär vereinenden Nino Sarratore, in den die Erzählerin bereits im ersten Band verliebt war. Trat Lila in der Jugendgeschichte als die besser Lernende in Erscheinung, erweist sie sich hier nun als die besser Liebende. Für beide Frauen ist die Leidenschaft zu der trügerischen Lichtgestalt ein Ausweg aus dem erstickend engen Spielraum ihrer weiblichen Existenz.

Erfolg auf den Schultern der genialen Freundin

Das aber ist Stoff für die Chronistin weiblicher Selbstbehauptung, die hinter der reizvoll kolorierten italienischen Kiezschnurre den brutalen Geschlechterkampf hervortreibt, eine Geschichte von Gewalt und Unterdrückung, deren Male Lila, die Frau des so gutmütig scheinenden Salumeria-Besitzers, hinter einer Sonnenbrille verbergen muss. Wie sie sich über die Folgen ihres Liebesausbruchs ohnehin keine Illusionen macht. In ihrem privaten Notizbuch malt sie diese aus: „Aus den Höhlen ­gerissene Augen, durch Messerstiche verursachte Verletzungen an der Kehle oder den inneren Organen, die Klinge, die den Busen durchbohrte, die abgeschnittenen Brustwarzen, der vom Nabel abwärts aufgetrennte Bauch, die Klinge, die in den ­Genitalien kratzte.“

Anhand des Notizbuchs lässt sich die kunstvolle Perspektivität fassen, in der Ferrante die inhaltliche Konstellation der rivalisierenden Frauen formal verschränkt. Denn Lilas Mitschriften ihrer großen Passion sind die Quelle für den Romanbericht ihrer Freundin Lenu, die wiederum die erste Bestätigung als Autorin erfährt, allerdings abermals auf den Schultern der ­genialen Freundin.

Hoffnung auf Versöhnung

So erweist sich dieses scheinbar so einfache, lesbare Buch bei näherem Hinsehen als ein vielschichtiges, raffiniert gebautes Werk, das in feinen Details und Nebenhandlungen der vordergründigen Erzählung ein getreues Bild der italienischen Zeit- und Sozialgeschichte spiegelt. Es kreist um den Fluch der Herkunft, den die beiden Protagonistinnen wie einen Mühlstein um den Hals tragen. Lila reißt er in die Tiefe, die Königin der Wurstwaren endet in der Fleischfabrik, während Lenu ihren Stein beharrlich dem gesellschaftlichen Aufstieg entgegenwälzt, immer in der Furcht, von den Gespenstern der Vergangenheit überrollt zu werden.

Doch während diese, zu denen auch die aus alten Untaten stets neue gebärende ­Camorra-Brut des Rione gehört, auf der Ebene des Erzählten stets präsent bleiben, löst der Roman selbst die Utopie ein, von der das sonderbar gebrochene Freundinnenpaar vergeblich träumt: die Hoffnung auf eine Versöhnung von unten und oben, von Licht und Schatten. Und vielleicht ist dies das eigentliche Wunder – ein Buch, das alle Leserschichten gleichermaßen erreicht und vereint. Angesichts der vielen kollektiven Verwirrungen unserer Zeit ist die Bestsellerfähigkeit dieses Romans jedenfalls ein tröstendes Zeichen.

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag. 624 Seiten, 25 Euro.