Im Laufe seines Lebens hat der Multi-Unternehmer alle Spielregeln ignoriert. Und seine Weltanschauung vom radikalen Individualismus und vom Erfolg aus eigener Kraft spiegelt sich nun auch in der Übernahme von Twitter.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Wer wissen will, wo Elon Musks Selbstbewusstsein herkommt, der braucht sich nur an die Eröffnung des Tesla-Werks im brandenburgischen Grünheide Ende März erinnern. Wieder einmal war ihm etwas gelungen, was ihm kaum jemand zugetraut hätte. In der Rekordzeit von etwas mehr als zwei Jahren war unter seiner Führung im regulierungsfreudigen Deutschland ein Autowerk aus dem Boden gestampft worden, wie es sich die heimische Industrie im Autoland Deutschland kaum zugetraut hätte.

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Dass zu Baubeginn noch nicht alle Genehmigungen vorlagen. Dass die Frage des Wasserverbrauchs nicht wirklich gelöst war. Geschenkt. Elon Musk ist es schon immer gewohnt, sich die Spielregeln zurechtzubiegen. So wie er es auch mit seinem neuesten 44 Milliarden Dollar schweren Einkauf bei Twitter zu tun gedenkt. Am Ende, so seine Lebenserfahrung, geben seine Kritiker klein bei. Erfolg macht sexy – und unantastbar.

Und so pilgerte die Creme der deutschen Politik, von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bis zu Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), zur Werkseröffnung. Musk versprach dabei ganz nebenbei dank Tesla einen Ausweg aus der Klimakrise: „Ihr könnt Hoffnung haben. Dieses Problem wird gelöst.“

Wird bei Musk wirklich alles zum Erfolg?

Musk gilt als ein Siegertyp, dem am Ende alles zum Erfolg wird. Wobei das auch daran liegt, dass über seine Projekte, die es nicht so weit gebracht haben, wie eine unterirdische Expressbahn Hyperloop oder ein Unternehmen für Solarstrom und eine Tunnelbohrfirma im Schatten der Erfolge von Tesla und der Raumfahrtfirma Space X kaum geredet wird. Ganz zu schweigen von seinen immer wieder verstrichenen Ankündigungen für Mars- und Mondflüge.

Doch Musk hat zeit seines Lebens an seiner Legende gestrickt: Es ist die Geschichte vom nicht zu bremsenden Macher, dem klassischen amerikanischen Selfmademan, des Unternehmer-Machos, der nur Sieger kennt und respektiert. Vor Kurzem forderte er auf einem Tweet den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einem Faustkampf auf, um die Krise um die Ukraine zu lösen. Das mag Satire sein, aber solche Ideen spiegeln sein Weltbild: Starke Männer regeln die Dinge. Und je weniger Regeln sie unterworfen sind, umso besser.

Absolutist der Redefreiheit

Und genau dieses Weltbild exportiert Musk nun auf Twitter. Er sei ein „Absolutist der freien Rede“, sagte Musk auf einer Konferenz Mitte April. Hass, Aggressionen, falsche Informationen – das sind für ihn Probleme, die man nicht durch Moderation, sondern durch Technik lösen solle. So will er durch eine Authentifizierung der Nutzer, bessere Filter gegen automatisierte sogenannte Bots, und eine Offenlegung des Twitter-Programms verhindern, dass die soziale Plattform manipuliert wird.

Ein Spieler sieht sich als Genie

Der mit 17 aus Südafrika nach Kanada ausgewanderte, heute 50-Jährige, der mit 28 nach dem Verkauf einer Internetfirma mehr als 300 Millionen Dollar in der Tasche hatte und drei Jahre später mit dem Verkauf des Bezahldienstes Paypal an Ebay zum Milliardär wurde, hatte immer genügend Munition für ein paar Fehlschüsse. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Nach dem vierten Fehlstart einer Rakete Falcon stand 2008 Space X kurz vor der Pleite. Da gleichzeitig im Gefolge der globalen Wirtschaftskrise auch Tesla ins Wanken geriet, hatte Musk, dessen Vermögen aktuell auf 265 Milliarden Dollar geschätzt, nur noch einige Hunderttausend Dollar flüssig.

Die Börse glaubt an den Mythos

Aber auch hinter Musks aktuellem Reichtum steckt mindestens so viel Vision wie Substanz. Mit knapp 758 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung ist Tesla an der Börse mittlerweile mehr wert als alle deutschen, französischen, italienischen und amerikanischen Autobauer zusammen. Der Mythos Musk zahlt sich aus.

Der Multi-Unternehmer ist ein Spieler, der seine Erfolge ausschließlich als Geniestreich verkauft – und nicht als einen Hasardeurritt, der ohne eine Portion Glück mehrfach hätte schiefgehen können. Und was oft vergessen wird: Space X hat von millionenschweren Fördergeldern aus dem US-Raumfahrtprogramm profitiert und überlebte in seiner tiefsten Krise nur, weil die Nasa trotz aller Risiken an das Unternehmen einen milliardenschweren Auftrag vergab. Auch Tesla hätte es in den USA nicht ohne massive Wirtschaftsförderung gegeben.

Radikaler Individualismus

Doch Musks Weltanschauung ist radikaler Individualismus. Hinter seinen Vorstellungen für Twitter steckt das grenzenlose, amerikanische Konzept von Meinungsfreiheit. So hat etwa der Oberste Gerichtshof der USA vor einigen Jahren entschieden, dass unbegrenzte politische Spenden möglich sein müssen, weil auch milliardenschwere Konzerne ein Recht auf diese Art von „Redefreiheit“ hätten.

„Twitter ist ein digitaler Marktplatz, auf dem über Fragen debattiert wird, die für die Zukunft der Menschheit essenziell sind“, sagt Musk. Jede Meinung brauche deshalb die gleiche Chance auf Verbreitung. Doch die Realität in den USA hat gelehrt, dass insbesondere das von einflussreichen Verlegern und Geldgebern unterstützte rechte politische Spektrum in den USA, das sich von jeglichen Standards journalistischer Objektivität befreit hat, diese Freiräume besonders aggressiv und wirksam nutzte – etwa mit Angstkampagnen gegen die Corona-Impfung. Und dafür braucht es keine Bots, also automatisierte Computerprogramme, sondern eine von abertausenden Überzeugten ausgefochtene, ideologische Mission, die in allen Linken und Liberalen bis aufs Messer zu bekämpfende Gegner sieht. Und so kam auch jetzt der größte Jubel zum Twitter-Kauf von Musk vom rechtsgerichteten „Wall Street Journal“: „Der 44 Milliarden schwere Kauf von Twitter ist ein risikoreiches Spiel, das die Kultur linksliberaler Konformität des Silicon Valley brechen könnte“, heißt es in einem Leitartikel.

Konservative in den USA jubeln

Musk selbst passt dabei nicht in ein klassisches Raster von rechts und links. Er ist eher der sogenannten libertären politischen Tradition in den USA zu verorten. Hier geht es um maximale, individuelle Freiheit. Das enthält liberale Positionen, etwa das Recht auf Drogenkonsum. Aber in ihrem Kern ist dieses Weltbild staatsfeindlich – und kommt in der Realität vor allem den gesellschaftlich Stärkeren zugute.

Joe Biden – eine stinkende Socke?

Doch ein Gespür für Schwächen oder für menschliche und soziale Bedürfnisse wird Elon Musk nicht nachgesagt. Was manche exzentrisch nennen, ist für andere soziopathisch. Musk ist ein Mensch, der sich nicht nur seiner grenzenlosen Arbeitswoche rühmt oder jüngst halb damit geprahlt hat, dass er mangels eines eigenen Wohnsitzes bei Freunden übernachte. Die Anforderungen an seine Mitarbeiter gelten als grenzenlos. Alles, was ihn bremst, ob nun Coronaregeln, Gewerkschaften, Sozialstandards oder Börsenvorschriften, die er mit dem einen oder anderen Tweet schon gebrochen hat, sind für ihn nur lästige und unnötige Hindernisse.

Kein Gespür für menschliche Schwächen

Musk als Querdenker

„Eine Gesellschaft braucht Querdenker wie Musk. Sie sind der Ursprung für Veränderung und Innovation“, so schrieb das deutsche „Handelsblatt“ 2015 in einem schmeichelhaften Musk-Portät. Angesichts der Bedeutungsgeschichte, die das Wort Querdenker seither genommen hat, kann man diesen Satz fast als prophetisch ansehen. Musk, der etwa Ende 2021 den kanadischen Premier Justin Trudeau wegen seiner Coronapolitik mit Hitler oder in einem anderen Tweet US-Präsident Joe Biden mit einer stinkenden Socke verglich, weil der ihn nicht zu einem Unternehmertreffen ins Weiße Haus einlud, ist sich jedenfalls für Provokationen nicht zu schade. Seine Meinung zählt, koste es, was es wolle.