Es gibt da dieses Bild aus dem vergangenen März. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine war gerade einen Monat alt und der Westen überlegte, wie er sich unabhängig von russischen Energielieferungen machen könnte. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck flog an den Persischen Golf. In Katars Hauptstadt Doha verneigte er sich tief vor Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani, dem dortigen Industrieminister. Ein deutscher Grüner, der einen Bückling vor einem Vertreter einer autoritären, aber rohstoffreichen Monarchie macht: Auch das war ein Preis, der offenkundig zu zahlen war, um vom russischen Erdgas loszukommen.
Ein bescheidener Beitrag
Acht Monate später sieht es so aus, als sei Habecks Unterwerfungsgeste von Nutzen gewesen. Wie am Dienstag bekannt wurde, hat Katar einen Vertrag geschlossen, um von 2026 an mindestens 15 Jahre lang verflüssigtes Erdgas (LNG) Richtung Deutschland zu liefern. Habeck findet die lange Laufzeit „super“. Er betont aber auch, dass nicht der deutsche Staat als Vertragspartner auftritt. Das ist vielmehr der US-Energiekonzern Conoco Phillips. Das Gas soll zum neuen LNG-Terminal Brunsbüttel geschifft werden, welches die deutschen Unternehmen Uniper und RWE betreiben. Es geht um bis zu zwei Millionen Tonnen Flüssiggas pro Jahr, was umgerechnet 2,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas sind. Das hört sich gigantisch an, entspricht aber nur ungefähr drei Prozent des deutschen Verbrauchs aus dem Jahr 2021.
Man sollte sich also davor hüten, diesen Gas-Deal größer zu machen, als er tatsächlich ist. Russland hatte vor seinem Angriffskrieg mehr als die Hälfte des deutschen Gasbedarfs gedeckt, inzwischen sind die Lieferungen weitgehend versiegt. Nach Berechnungen der Energiewirtschaft ersetzt der Vertrag mit Katar gerade einmal sechs Prozent der russischen Lieferungen aus dem vergangenen Jahr. Schon bisher schifft Katar Flüssiggas nach Europa, das Deutschland dann etwa über niederländische oder belgische Nordseehäfen erreichen kann. Wegen der Fußball-Weltmeisterschaft steht Katar derzeit besonders im Fokus der hiesigen Öffentlichkeit, seine Menschenrechtsbilanz ist bekanntlich miserabel. Unter anderen Umständen hätte das jüngste Geschäft vermutlich viel weniger Aufmerksamkeit erregt.
Moralisches Dilemma
Ist es moralisch vertretbar, Gas-Geschäfte mit Katar zu machen? Ja und nein. Im Gegensatz zu Russland ist das Emirat kein Land, das durch einen Angriffskrieg die europäische Friedensordnung unterminiert und dadurch eine direkte Bedrohung für Deutschland und seine Verbündeten wäre. Zur Wahrheit gehört aber auch: Solange die Bundesrepublik und andere europäische Staaten von fossilen Energieträgern abhängig sind wie der Junkie vom Heroin, können sie bei der Beschaffung nicht allzu wählerisch sein. Es wäre schön, wenn Deutschland seinen Gasbedarf ab sofort ausschließlich aus lupenreinen Demokratien wie Norwegen, den Niederlanden oder Kanada decken könnte, am besten noch ohne umweltschädliches Fracking. Leider ist das illusionär. Wer sich darüber aufregt, sollte beim nächsten Mal, wenn er in einem Auto sitzt, daran denken, dass der Sprit im Tank mit einiger Wahrscheinlichkeit aus libyschem oder kasachischem Öl gewonnen wurde.
Von jetzt auf gleich lässt sich dieses Dilemma nicht auflösen, auf mittlere Sicht aber schon: Wer sich unabhängig von den Autokraten dieser Welt machen will, muss Windräder und Solaranlagen bauen und die klimagerechte Transformation der Wirtschaft vorantreiben. Leicht ist das nicht, aber machbar. Und ein wichtiger Beitrag zur Befriedung der Welt ist es auch.