Energiewende im Kreis Ludwigsburg Sersheimer Bürgermeister ist über Stromtrasse entsetzt

Leerrohre für die Leitung Suedlink sind bis nach Leingarten im Kreis Heilbronn verlegt worden. Der Suedwestlink soll folgen. Foto: dpa/Marijan Murat

Die Transnet BW setzt beim Bau des Suedwestlinks auf Erdkabel. Die Planung weckt im Landkreis Ludwigsburg Widerspruch.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Die Planung ist noch nicht parzellenscharf – aber die Transnet BW hat den Verlauf einer Stromautobahn durch den Landkreis Ludwigsburg konkretisiert. Kürzlich präsentierte das Unternehmen den ersten Entwurf für die Leitung des Suedwestlinks. Besonders aufmerksam verfolgen derzeit Bürgermeister und Landwirte das Projekt, dessen Erdkabel offenbar nicht an jeder Stelle willkommen sind.

 

Die Leitung soll spätestens 2037 in Betrieb gehen

Die Ausgangslage ist klar. Die Energiewende schreitet voran. Ein zentraler Baustein ist der Transport von Strom aus den Windrädern vom Norden in den Süden Deutschlands. Der Ausbau eines tragfähigen Netzes ist längst in die Wege geleitet. Im Bau sind die Leitungen Suedlink und Ultranet. Geplant werden derzeit Nordwestlink und Suedwestlink. Die Leitung mit dem Namen Suedwestlink soll spätestens 2037 in Betrieb gehen und grüne Energie aus dem Norden auf rund 740 Kilometern bis in die Landkreise Böblingen und Calw bringen.

Die Trasse Suedwestlink führt durch den westlichen Landkreis Ludwigsburg. Foto: Transnet BW/Locke

Transnet BW hofft auf ein gelungenes Zusammenspiel mit den Kommunen und bietet derzeit Informationsabende an. Vertreter des Unternehmens sprechen in Rathäusern vor – unter anderem bei Jürgen Scholz, der seit 34 Jahren in der 5700-Einwohner-Gemeinde Sersheim im westlichen Landkreis Ludwigsburg als Bürgermeister fungiert und starke Bedenken hegt. „Ich bin von der Leitungstrasse und der Führung schlicht entsetzt.“ Alles, was die Kommune in den vergangenen Jahrzehnten unter Schutz gestellt habe, werde durch die Trasse entweder tangiert oder durchschnitten.

Als Beispiele führt Jürgen Scholz Waldbiotope, den Häckselplatz, den Fluss Metter, den Waldkindergarten – „um nur einige Punkte zu nennen“. Auch würden ökologische Ausgleichsmaßnahmen durchschnitten. Betroffen seien etwa Landschaftsschutzgebiete, Vogelschutzbereiche, Grünzüge, Biosphärenareale, ein Naturpark, Wildkatzenflächen, Wasserschutzgebiete, möglicherweise das Niedermoor Sulz und viele andere schutzwürdige Bereiche, wie etwa Streuobstwiesen und Ackerflächen. „Das kann und darf nicht so kommen.“

Rücksichtslos werde durch die Landschaft gepflügt – und dies alles unter dem Motto „Energiewende“, so Scholz. Die Arbeitsbreite betrage 50 Meter, am Ende blieben eine Schneise von 14 Metern – es wirke wie eine Bundesstraße. Nur mit Mühe könne die Leitung am Schützenhaus vorbeigeführt werden. In der Summe bleibt aus Sicht von Scholz nur der Widerstand: „Wir werden uns wehren, so weit dies rechtlich möglich ist.“

Die Nebenflüsse des Neckars fordern die Planer heraus

Die Rückmeldungen seien wichtig, betont Alexander Schilling, Pressesprecher der Transnet BW. Man müsse Raumwiderstände sichten und beurteilen. Davon gebe es im dicht bebauten Landkreis Ludwigsburg eine Vielzahl. Herausfordernd seien vor allem die Querungen der Nebenflüsse des Neckars: Enz, Metter, Steinbach und Mühlbach.

Der Tenor in den Kommunen des Kreises fällt durchaus unterschiedlich aus. Der Gemeinderat von Bönnigheim winkte die Planung in der jüngsten Gemeinderatssitzung durch. „Probleme sehen wir hier keine“, sagt der Bürgermeister Albrecht Dautel. Weiter im Süden wünscht sich in Eberdingen der Kollege Carsten Willing – „wir sind nur marginal betroffen“ – von der Transnet BW eine direkte Präsentation im Gemeinderat. „Auch sollten die zahlreichen privaten Grundstücksbesitzer mit ins Boot geholt werden.“

Der Oberriexinger Rathauschef will dem Projekt keine Steine in den Weg legen

Konflikte sieht Gerd Maisch, Interimsbürgermeister in Oberriexingen, in seinem Gebiet allenfalls mit möglichen Vorrangflächen für Windkraftanlagen. Der Gemeinderat tage am Dienstag. Maisch geht mit einer klaren Haltung in die Sitzung. „Wir sagen immer, dass wir die Stromleitungen brauchen, aber wenn es konkret wird, sind wir erst mal dagegen – und dann dauert es wieder.“

Auch andernorts kollidiert die Transnet-BW-Trasse mit Windkraftflächen. In einer Video-Konferenz hätten Bürgermeister mehrmals darauf hingewiesen, dass der Konflikt auftrete, berichtet in Vaihingen Oberbürgermeister Uwe Skrzypek. TransnetBW habe zugesagt, die Vorranggebiete für Windkraft vom Verband Region Stuttgart zu berücksichtigen. Zuversichtlich äußerte sich Transnet-Sprecher Schilling: „Wir gehen davon aus, dass bei Windkraftanlagen, die mehrere hundert Meter voneinander entfernt stehen, für unser Vorhaben genügend Planungsraum zur Verfügung stehen wird.“

Vorschlag aus Hemmingen: Unter bestehenden Stromtrassen buddeln

Konstruktiv hat für Hemmingen der Verwaltungschef Thomas Schäfer seine Kritik am Trassenverlauf in einer Videokonferenz von TransnetBW mit den Kommunen vorgebracht. „Wir verstehen nicht, weshalb neue Flächen auf einer Breite von 14 bis 16 Metern aufgegraben werden müssen – es gibt Stromtrassen, unter denen gegraben werden könnte.“ In Sachsenheim quert die Trasse ein Waldstück mit zahlreichen Naturdenkmälern – das moniert die Stadtverwaltung.

Einen andere Trassenführung östlich und nicht westlich wünschen sich auch die beiden Nachbarn Erligheim und Löchgau im Norden. „Dort sind auch alle anderen Strom- und Gastrassen bisher verlegt worden“, sagt der Erligheimer Bürgermeister Rainer Schäuffele. Sein Kollege, der Oberbürgermeister Michael Makurath in Ditzingen, ist zuversichtlich, dass seinem Wunsch entsprochen wird, Waldflächen zu verschonen.

Wo steht das Verfahren – was ist das Ziel?

Anlass
 Beim Trassenverlauf handelt es sich um einen ersten Vorschlag. Die Transnet BW will früh in die Gespräche mit den Kommunen sowie mit der Öffentlichkeit eintreten. Die Trasse soll spätestens 2037 fertig sein.

Vorbild Als Muster dient der Bau der 700 Kilometer langen Trasse Suedlink von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg. Behörden bremsten dort, das Projekt soll aber bis 2028 abgeschlossen sein.  

Ziel Am Ende soll erheblich mehr Strom aus heimischen erneuerbaren Quellen nach Baden-Württemberg fließen als bisher. Bis dato decken sie 37 Prozent des Strombedarfs im Ländle, 57 Prozent in ganz Deutschland.

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