Der Regionalverband entscheidet im Juli über neue Standorte für Windkraftanlagen; rund 65 Standorte sind noch im Gespräch. Viele Kommunen, Stadtwerke und Investoren vor allem im Osten der Region haben aber längst mit den Vorbereitungen begonnen.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Noch immer ist nicht klar, wie viele von den anfänglich 96 ins Visier genommenen Standorten für Windkraftanlagen am Ende übrig bleiben werden – die Abklärung des Verbandes Region Stuttgart (VRS) soll aber bis zur Sitzung des Planungsausschusses am 10. Juli ein zumindest vorläufiges Ende finden. Schon jetzt sind fast 30 Standorte weggefallen, weil sie von den Landratsämtern aus Naturschutzgründen nicht freigegeben worden sind. Weiter unklar ist dagegen, wie viele Flächen wegen der Anforderungen des Wetterdienstes und der Flugsicherung nicht akzeptiert werden. Und erst im Juni will die Landesanstalt für Umwelt und Naturschutz Zahlen zum Vorkommen bestimmter Vogelarten präsentieren: „Das könnte gewaltig ins Kontor schlagen, vor allem im Albvorland“, baut Thomas Kiwitt, der technische Direktor des VRS, schon vor.

Karte: Windräder-Standorte in der Region

Umgekehrt kommen vielleicht bis zu einem Dutzend Standorte neu hinzu, weil Städte und Bürgerinitiativen darauf dringen; für diese Areale wäre aber ein neues Beteiligungsverfahren notwendig. Das bedeutet: Im Juli wird es nur vorläufige Ergebnisse geben. Der Regionalverband wird deshalb manche Standorte nur mit klarem Vorbehalt ausweisen. Wenn es gut laufe, so Thomas Kiwitt, könne das Verfahren aber bis zum Jahresende abgeschlossen werden.

Im übernächsten Jahr könnten die ersten Windräder stehen

Trotz dieser Schwierigkeiten sind Stadtwerke und Investoren längst in eigene Planungen eingestiegen, um nach der Genehmigung der Standorte schnell Windräder errichten zu können – von 2015 an könnte es so zu einem Bauboom kommen. Für die Region Stuttgart ist auffallend, dass die Städte und deren Stadtwerke die Treiber dieser Entwicklung sind, zumindest nach den der StZ vorliegenden Informationen zu geplanten Anlagen. Sie haben ein hohes Interesse daran, selbst Windräder zu betreiben.

Das hängt natürlich damit zusammen, dass sie die Energiewende vorantreiben und den benötigten Strom lokal erzeugen wollen. Doch ist das Interesse, und das wird oft unterschlagen, auch wirtschaftlicher Natur: Ein Windrad kann in Süddeutschland, je nach Höhe, Leistung und Windhöffigkeit, einen Gewinn von 50 000 bis 100 000 Euro pro Jahr abwerfen. Die Betreiber älterer Räder, wie des Grünen Heiners, kämpfen dagegen darum, dass es überhaupt eine nennenswerte Rendite gibt. Andreas Seufer, der Geschäftsführer der Stadtwerke Schorndorf, mahnt aber: „Wenn die EEG-Umlagen weiter sinken, sind Windräder in Süddeutschland bald nicht mehr wirtschaftlich.“

Lukrativ ist der Aufschwung der Windenergie auf jeden Fall für diejenigen, die Eigentümer der Flächen sind. Das sind teils wiederum die Kommunen, teils sind es Landwirte, und in nicht geringem Umfang ist es die Forst-BW, die den Wald im Besitz des Landes verwaltet. Sie ist längst dabei, in einem Bieterverfahren für alle geeigneten Waldgebiete Pächter auszuwählen.

Eigentümer der Flächen erhält bis zu 25 000 Euro Pacht

Vor wenigen Tagen haben die Stadtwerke Stuttgart, die Stadtwerke Heidenheim und der Windenergie Baden-Württemberg GmbH den Zuschlag erhalten, im Wald zwischen Urbach und Welzheim bis zu acht Anlagen zu errichten. In Kürze, so Markus Breimayer vom zuständigen Regierungspräsidium Tübingen, werde auch über ein Gebiet bei Schorndorf entschieden; dafür hatten sich auch die Stadt Schorndorf mit ihrem Energiedienstleister EDS beworben.

Meist hängt die jährliche Pacht am Ertrag der Anlage, aber mindestens 10 000 Euro pro Jahr bezahlt der Betreiber in den meisten Fällen an den Grundstückseigentümer; nicht selten sind es 25 000 Euro. Für das Land, für nicht wenige Kommunen und auch für manche Landwirte ist die Energiewende also auch ein einkömmliches Geschäft. Für die Forst-BW dürfte es sich sogar zum Millionengeschäft entwickeln – bei einem Umsatz von 149 Millionen Euro (2010) scheint das zunächst kein großer Betrag zu sein, doch im Verhältnis zum Ertrag von 28 Millionen Euro ist dieser Posten nicht zu vernachlässigen.

Bürger können sich in Genossenschaften organisieren

Der Gewinn und die Pacht für die Windräder stammen letztlich aus den EEG-Umlagen, die jeder Stromkunde zahlen muss. Doch sind die Bürger bei der Energiewende in der Region Stuttgart nicht außen vor, denn die meisten Stadtwerke haben bereits erklärt, dass sich jeder an den Windrädern beteiligen kann. Bei den Anlagen bei Welzheim wolle man eine Kooperation mit örtlichen Bürgerenergiegenossenschaften eingehen, sagte Markus Vogt, der Sprecher der Stadtwerke Stuttgart. Denkbar sei in Schorndorf auch, so Andreas Seufer, dass Bürger über eine Bank Anteile zeichnen. Zaghaft nehmen manche Bürger die Energiewende auch selbst in die Hand. Das große Windrad in Ingersheim wird allein von einer Genossenschaft mit 350 Mitgliedern betrieben. Und vor kurzem hat sich die Genossenschaft „Frischer Wind Stuttgart“ gegründet, die sich an einem Windpark bei Berghülen auf der Alb beteiligen will.

Doch sind auch Konflikte zwischen Bürgern und Kommunen vorprogrammiert. So hat sich heftiger Widerstand gegen einen Windpark auf der Buocher Höhe bei Waiblingen erhoben – trotzdem haben Waiblingens OB Andreas Hesky und der gesamte Gemeinderat im März in einer Resolution klar gestellt, dass sie an dem Standort festhalten. „Die Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur gelingt, wenn alle ihren dafür möglichen Beitrag leisten“, heißt es darin doppeldeutig. Sprich: Die Bürger sollen den Standort akzeptieren – zugleich sind sie eingeladen, sich an der Umsetzung zu beteiligen

Die Aktivitäten der Kommunen und Investoren im Einzelnen

1  Leonberg:Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Böblingen will auf dem Frauenkreuz an der A 8 zwei Windräder bauen. Schon 2014 könnten sie sich drehen – ein Problem sind noch eventuelle Einsprüche der Flugsicherung.

2  Stuttgart: Auf der Hohen Warte bei Weilimdorf wollen die Stadtwerke Stuttgart ein oder zwei Windräder bauen. Jetzt finden dort Bohrungen statt, um im Sommer einen 100 Meter hohen Masten zu errichten. Zur Prüfung der Wirtschaftlichkeit wird ein Jahr lang die Windstärke gemessen.

3  Waiblingen: Auf zwei Standorten bei Bittenfeld sowie auf der Buocher Höhe sind Windkraftanlagen denkbar. Der größte, die Buocher Höhe, ist aber zugleich auch der am meisten umstrittene Standort.

4  Esslingen: Die Stadtwerke Esslingen und die EnBW sehen den Schurwald als geeignet für bis zu zehn Räder; die EnBW hat die Projektentwicklung übernommen. Als nächster Schritt soll ein Windmessmast aufgestellt werden.

5  Schorndorf: Die Städte Schorndorf und Winterbach wollen vier Gebiete zusammen entwickeln. Die Bürger wurden dort bereits in Werkstätten beteiligt. Das Ergebnis: Nur der Standort bei Oberberken stößt auf Kritik. Im März wurde mit der ein Jahr dauernden Beobachtung der Flora und Fauna begonnen, um Auswirkungen auf die Umwelt beurteilen zu können.

6  Welzheim: In einem langen schmalen Waldgebiet zwischen Urbach und Welzheim wollen die Stadtwerke Stuttgart, gemeinsam mit den Stadtwerken Heidenheim und der Windenergie BW GmbH bis zu acht Räder aufstellen. Die Landesforstverwaltung hat dem Trio jetzt einen Pachtvertrag in Aussicht gestellt.

7  Lauterstein:Der größte Windpark in der Region mit bis zu 25 Anlagen könnte bei Lauterstein entstehen. Seit Jahren bemüht sich die Firma WPD onshore um die Errichtung der Räder. Die Gemeinde und der Waldbesitzer stehen heute hinter dem Projekt.

In anderen Kommunen haben Bürger, Gemeinderäte und Investoren ebenfalls ihr Interesse bekundet. Diese Aufstellung ist nicht vollständig.

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