Energiewende Rückenwind für grünen Strom

745 neue Windkraftanlagen sind 2023 bundesweit errichtet worden – davon gerade einmal 15 in Baden-Württemberg. Foto: dpa/Kristin Schmidt

Der Ausbau der Windkraft an Land hat an Fahrt gewonnen, allerdings mit großen regionalen Unterschieden: Besonders der Süden hinkt hinterher.

Berlin: Tobias Heimbach (toh)

Die Ampel mag in vielen Politikbereichen in der Kritik stehen. Aber in einem Bereich geht es voran wie seit Jahren nicht mehr: Beim Ausbau der erneuerbaren Energien. 2023 war die Windenergie an Land der wichtigste Energieträger in Deutschland, verantwortlich für mehr als ein Viertel der Stromerzeugung. Am Dienstag hat der Verband für den Energieanlagenbau, VDMA Power Systems, gemeinsam mit dem Bundesverband Windenergie (BWE) die Zahlen zum Windkraftausbau an Land für 2023 vorgestellt. Bei den Beteiligten ist man guter Dinge.

 

„Das Jahr 2023 kann man als Rekordjahr bezeichnen“, sagt Bärbel Heidebroek, Präsidentin des BWE. Im vorigen Jahr wurden in Deutschland 745 Windenergieanlagen an Land mit 3,6 Gigawatt installierter Leistung errichtet. Damit habe man sogar die eigene Prognose übertroffen. Der Zubau liege damit 48 Prozent über dem des Vorjahres.

Ein wichtiger Treiber des Ausbaus ist das sogenannte Repowering, das Ersetzen älterer Anlagen durch neue. Moderne Anlagen erzeugen heute ein Vielfaches des Stroms ihre Vorgänger. Heidebroek mahnt, Windräder auszutauschen. „Wir brauchen einen modernen Anlagenpark, damit wir nicht so viel Fläche verbrauchen“, sagt sie. Allein 2023 sei die durchschnittliche Leistung pro Windrad um zehn Prozent gestiegen.

„Jetzt ist der politische Wille in vielen Bundesländern erkennbar“

Auch für die Entwicklung in den kommenden Jahren ist man in der Branche optimistisch. Die Ausschreibungen liegen mit 6,4 Gigawatt doppelt so hoch wie 2022. Bei den Genehmigungen gibt es einen Sprung um 73 Prozent. Es wurden 1382 neue Windkraftanlagen mit einer Leistung von 7,5 Gigawatt genehmigt.

Gerade die langen Genehmigungsverfahren waren für die Branche stets ein Ärgernis. Dass es hier nun vorangeht, erklärt man sich durch einen grundlegenden Wandel in Politik, Verwaltung und Gesellschaft. „Der schreckliche Überfall auf die Ukraine hat dafür gesorgt, dass viele Menschen sagen, man solle unabhängiger bei der Energieversorgung werden“, sagt Heidebroek.

Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer VDMA Power Systems, erklärt, dass politische Signale auch Auswirkungen auf die Verwaltung hätten. „Bei Genehmigungen gibt es immer wieder Auslegungsfragen“, sagt er. Früher hätten sich die Mitarbeiter in den zuständigen Ämtern dann häufig gegen eine Genehmigung entschieden. „Jetzt ist der politische Wille in vielen Bundesländern erkennbar. Das kommt auch bei den Behörden an. Sie haben mehr Mut, die Genehmigungen auszusprechen“, sagt Rendschmidt.

Neben den positiven Nachrichten gibt es allerdings auch vieles, was noch nicht gut läuft. Der Ausbau der Windkraft an Land wird vor allen von vier Bundesländern getragen: 79 Prozent der neuinstallierten Leistung wurden in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg in Betrieb genommen. Hintendran ist einmal mehr der Süden. In Baden-Württemberg wurden 15 neue Windräder aufgestellt, im größten Flächenland Bayern gerade einmal sieben. „Baden-Württemberg und Bayern hinken hinterher“, sagt Heidebroek.

Bundeswirtschaftsminister Habeck zeigt sich erfreut über die Entwicklung

Trotz des positiven Trends ist man noch weit entfernt von den Zielen der Bundesregierung. Für 2024 rechnen VDMA Power Systems und BWE mit einem Zubau von vier Gigawatt – der Zielpfad der Bundesregierung sieht das Doppelte vor. „Wir haben eine deutliche Lücke zu dem politischen Ziel“, sagt BWE-Präsidentin Heidebroek.

Um den Zielen zumindest näher zu kommen, fordert die Branche, dass die Genehmigungszeiten weiter sinken. Etwas mehr als zwei Jahre wartet man im Schnitt in Deutschland darauf. Auch bei den Schwerlasttransporten, die die Windradkomponenten zu den Standorten bringen, gibt es Probleme. Die Genehmigung eines einzelnen Transports dauert rund zwölf Wochen. Pro Windrad braucht man aber rund 15 solcher Transporte. Rendschmidt verweist auf die Niederlande, wo eine Transportgenehmigung nur zwei Wochen dauere.

Heidebroek mahnt zudem: „Ganz wichtig ist jetzt, dass es politisch stabile Rahmenbedingungen gibt – und keine Kehrtwende nach der nächsten Wahl.“ Man fürchtet, dass die gute Entwicklung wieder abgewürgt wird. Mit diesen Verbesserungen würden auch die politischen Ziele in Reichweite rücken, sagte die BWE-Präsidentin.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zeigte sich insgesamt erfreut über die Entwicklung. Er sagte unserer Zeitung: „Beim Ausbau der Windenergie an Land sehen wir endlich wieder eine wachsende Dynamik, ganz besonders bei den Genehmigungen und den Neuinstallationen.“ Auch wenn viel zu tun sei, komme man gut voran. „Wichtig ist jetzt, dass Länder, Kommunen und die Branche mit dem Bund gemeinsam konsequent an der Umsetzung der Beschleunigungsmaßnahmen arbeiten“, sagte Habeck.

Spahn fordert eine „pragmatische Kraftwerkstrategie“

Selbst von der Opposition gibt es Lob. Jens Spahn, Vize-Fraktionschef der Union im Bundestag sagte unserer Zeitung: „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn die Ampel ihre selbst gesteckten Ziele verfehlt.“ Laut Spahn sei der Windkraftausbau allerdings nur ein Baustein der Energiewende. Er forderte eine „pragmatische Kraftwerkstrategie“. Die Bundesregierung plant, neue Gaskraftwerke zu bauen, die einspringen sollen, wenn Wind und Sonne keinen Strom produzieren.

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