Entdeckung in Stuttgart-Sillenbuch Wachsen Tintenfische im Eichenhain?

Von Götz Schultheiss 

Was ist denn das? Spaziergänger haben im Naturschutzgebiet Eichenhain in Stuttgart-Sillenbuch eine äußerst kuriose Entdeckung gemacht. Wir haben herausgefunden, was dahinter steckt.

Dieser Anblick dürfte so manchen erschrecken. Foto: Götz Schultheiss
Dieser Anblick dürfte so manchen erschrecken. Foto: Götz Schultheiss

Sillenbuch - Er ist da: der Rote Tentakelpilz. Wie ein Tintenfisch sieht er aus und garniert mit seinem aparten Rot den Magerrasen zwischen den rund 300 Jahre alten Eichen im Naturschutzgebiet in Riedenberg. Er bringt internationales Flair dort hin, wo vor geraumer Zeit eine 150 Jahre alte kanadische Eiche mit der Begründung gefällt wurde, sie gehöre nicht hierher.

Nun gibt der Einwanderer aus Australien, Neuseeland oder den malaiischen Inseln – wo seine Urheimat liegt – dem Deutsche-Eichen-Einerlei einen farbigen multikulturellen Touch. Wer den Tentakelpilz sieht, denkt sofort an eine leckere Kombination mit Meeresfrüchten und kühlem Weißwein und an Dolce Vita an Italiens Gestaden, aber weit gefehlt. Der Rote Tentakelpilz ist keine willkommene Ergänzung der mediterranen Gourmet-Tafel, sondern eher ein Leckerbissen für vegane Hyänen. Denn: Er riecht stark nach Aas.

Das Ding stinkt nach Verwesung

Auf den dekorativen Pilz ist Jolie aufmerksam geworden. Die hübsche Terrier-Mischlingshündin führt jeden Tag ihr Frauchen Danielle Wolber, die aus Straßburg stammt, im Naturschutzgebiet Gassi. Dort treffen sie regelmäßig den Anwohner Günter Schönfeld, der sich ebenfalls an der herrlichen Natur im Eichenhain ergötzt. „Ich habe den Pilz am 31. August entdeckt. Durch den Regen am Montag hat er gelitten“, sagt Danielle Wolber. Dann bückt sie sich, bricht einen Tentakel ab und schnuppert daran. Was Jolie beim Schnüffeln nicht abgeschreckt hat, entsetzt sie. „Äh, das stinkt ja nach Verwesung, das hätte ich nicht tun sollen“, sagt sie, während Günter Schönfeld den Pilz aus der Distanz betrachtet.

Dass der Tentakelpilz unangenehm riecht, ist kein Zufall: Milliarden über Milliarden von Fliegen wissen das Aroma von Kot und Kadavern zu schätzen, und so viele können sich einfach nicht irren. So viel zur vielfach gefeierten Schwarmintelligenz. Der rote Tentakelpilz lockt also mit seinem Geruch Fliegen an, und diese wiederum helfen, dass die Pilzsporen weitergetragen werden. Dabei verlässt sich der Tentakelpilz nicht nur aufs Stinken, auch seine Farbe signalisiert allem, was summt und brummt: Hier ist verwesendes Fleisch. Dass der Pilz, der bezeichnenderweise zur Familie der Stinkmorcheln gehört und seiner Form wegen auch als Tintenfischpilz bezeichnet wird, die Fliegen genarrt hat, merken diese vermutlich gar nicht.

In Deutschland erstmals 1934 gesichtet

Der Einwanderer von der Südhalbkugel ist in Europa erstmals 1913 im Elsass gesichtet worden. Wie er dort hinkam, weiß man nicht, vermutlich sind die Sporen als blinde Passagiere bei Warentransporten eingereist, oder Vögel, die Insekten mit seinen Sporen gegessen hatten, haben ihn verbreitet. In Deutschland wurde er erstmals 1934 im Badischen gesichtet. Inzwischen ist er in großen Teilen Europas zu Hause. Wie dem auch sei: Jetzt scheint er sich gewaltig zu verbreiten, und der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ zufolge ist dafür auch der Klimawandel mitverantwortlich.

Wie ein Küken im Hühnerei wächst der oberirdisch sichtbare Fruchtkörper des kleinen Tentakelpilzes in einem als Hexenei bezeichneten, drei bis fünf Zentimeter großen knollenförmigen Gebilde heran. Das Hexenei platzt zwischen Frühsommer und Spätherbst, dann erstaunt der Pilz mit seinen vier bis sechs jeweils rund zehn Zentimeter langen Armen die Passanten, welche seine Form ganz und gar nicht mit einem Pilz in Verbindung bringen.

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