Böblingen - Der Kreis Böblingen hat das von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausgegebene Ziel erreicht: Der Inzidenzwert ist unter die Zahl 50 gesunken. Damit ist der Kreis auch kein Risikogebiet mehr. Am Mittwoch waren es noch 46,84 neue Coronafälle in den vergangenen sieben Tagen pro 100 000 Einwohner. Dafür gibt es ein Lob von Landrat Roland Bernhard – aber mehr auch nicht. Im Klinikverbund Südwest hat sich die Zahl der Patienten in den vergangene Wochen nicht verändert. Die seit Weihnachten nach und nach eingerichteten Schnelltestzentren zeitigen Wirkung: Mehr als 4400 Abstriche wurden dort gemacht und dabei 80 Corona-Infektionen entdeckt.
Inzidenzwert ist weiter gesunken
Der Inzidenzwert von 50 gilt als magische Marke: Dann ist die Kontaktnachverfolgung bei Neuinfektionen wieder möglich, und das Gesundheitssystem wird nicht überlastet. Seit drei Monaten sind im Kreis Böblingen die Ansteckungszahlen kontinuierlich gesunken. Der Höchststand war am 9. November mit einem Inzidenzwert von 190, überschritten wurde die magische Marke 50 zuletzt am 18. Oktober. „Der Trend ist seit Wochen erkennbar und zeigt, dass die Maßnahmen Erfolg gehabt haben“, sagt der Landrat Roland Bernhard über den Lockdown und die Kontaktbeschränkungen. Er danke den Bürgern, die die Regeln beherzigen.
In der Region Stuttgart ist Böblingen neben Göppingen und dem Rems-Murr-Kreis einer der Kreise, die einen Inzidenzwert unter 50 erreicht haben. In Stuttgart liegt die Zahl bei 65 und in Baden-Württemberg bei 70,7. Den höchsten Inzidenzwert hat der Stadtkreis Heilbronn mit 173,8, und im benachbarten Calw sind es mit 86,1 noch fast doppelt so viele Neuinfektionen in der vergangenen Woche pro 100 000 Einwohner gewesen. Aktuell sind im Kreis Böblingen 202 Coronafälle gemeldet. In Bondorf und Holzgerlingen ist gerade keine Infektion bekannt. Aber die Lage kann sich schnell ändern: In Hildrizhausen, wo vor rund zwei Wochen keiner mehr krank war, gibt es wieder drei Fälle.
„Neben dem, dass die Fallzahlen deutlich zurückgegangen sind, haben die infizierten Personen deutlich weniger Kontakte, die wir benachrichtigen müssen und die potenziell neue Fälle sein könnten“, berichtet die Gesundheitsamtsleiterin Anna Leher. Im November mussten ihre Mitarbeiter noch rund 2000 Personen in der Woche anrufen, momentan sind es noch 400. Auch die Zahl der Vollzeitkräfte, die damit beschäftigt sind, ist von 100 auf 70 gesunken. Für den Landrat gibt es aber keinen Grund zur Entwarnung: „Das Virus ist nicht weg, und wir wissen noch viel zu wenig über die Mutationen.“ Deshalb müssten sich weiterhin alle an die Coronaregeln halten, um die Inzidenz immer weiter zu senken.
Beim Testen besser als Tübingen
Dass der Inzidenzwert niedrig gehalten werden kann, davon ist Michael Hult überzeugt. Der Apotheker betreibt in Böblingen eines der fünf Schnelltestzentren im Kreis Böblingen. Tübingen sei der Pionier gewesen, der als Erster die magische Marke unterschritten habe. „Wir verfolgen mittlerweile eine noch intensivere Strategie mit den fünf Zentren“, sagt der Inhaber der Paracelsus-Apotheke. Mit diesen Kapazitäten wäre auch ein Massentest der Bevölkerung möglich. Wenn das Angebot genutzt werde, könnten unentdeckte Infektionen erkannt werden, bevor sie weitere Ansteckungen verursachen, erklärt er das Konzept.
Bei Michael Hult lassen sich zurzeit täglich 30 bis 50 Menschen auf das Coronavirus testen. „Die Nachfrage wird steigen“, davon ist er überzeugt. Erst diese Woche ist die Testpflicht auf Krankenhausbesuche ausgedehnt worden. Und die Landesregierung will kostenlose Schnelltests für Lehrer, Kinder und Erzieher einführen. Wer keinen Heilberuf ausübt oder einen Angehörigen in einem Alten- oder Pflegeheim besuchen will, muss in der Regel dafür 29 Euro bezahlen. Der Klinikverbund Südwest bietet für Besucher zu bestimmten und eingeschränkten Zeiten diesen Service umsonst an, in den Schnelltestzentren müssen die Betroffenen die Rechnung selbst begleichen. Laut dem Landratsamt laufen Gespräche mit den Verantwortlichen der Testzentren, wie das Testangebot auf weitere Bevölkerungsteile ausgeweitet werden kann. Eine Idee ist, die Untersuchung für sozial schwache Familien günstiger oder umsonst zu machen.
Auch an anderer Stelle werden die Testmöglichkeiten ständig ausgebaut. Die Stadt Sindelfingen bietet beispielsweise für alle ihre Mitarbeiter im Rathaus Schnelltests an. Im Klinikverbund Südwest werden nicht nur Ärzte und Pflegekräfte vorschriftsmäßig getestet, sondern auch alle anderen Mitarbeiter können sich immer auf Eigeninitiative untersuchen lassen. Und die Stadt Böblingen startet einen vom Landessozialministerium bezahlten Pilotversuch: Nach den Faschingsferien erhält das stätische Kitapersonal Schnelltests zum Selbstanwenden kostenlos zur Verfügung gestellt. Damit sollen sich die Erzieherinnen und Erzieher mehrmals die Woche auf eine Corona-Infektion kontrollieren können.
Stabile Lage in den Krankenhäusern
Covid-Patienten behandelt – fast genauso viele wie vor zwei Wochen. Davon liegen sechs Patienten, die alle auch beatmet werden müssen, auf Intensivstationen. Hinzu kommen zehn Verdachtsfälle. Auf die vier Krankenhäuser im Kreis Böblingen entfallen 25 Coronapatienten, einer von ihnen liegt auf der Intensivstation. Nach wie vor gibt es laut Klinikverbund schwere Verläufe. Der Klinikverbund hat in Teilen bereits wieder begonnen, einige der wegen der Coronapandemie verschobenen Operationen nachzuholen – mit der Fallzahlenentwicklung im Blick. Von den aktuell vorhandenen 68 Intensivbetten sind im Moment 52 mit gewöhnlichen Patienten belegt.