Epidemiologe zur Infektionswelle „Ich sehe wieder deutlich mehr Maskenträger“

Stefan Brockmann (hier ein Bild vom April 2021) ist der oberste Epidemiologe der Landesverwaltung. Foto: Leif Piechowski/Leif Piechowski

Baden-Württembergs oberster Epidemiologe Stefan Brockmann ordnet die extremen Coronawerte ein – und erklärt, warum die Eigenverantwortung richtig ist.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stefan Brockmann ist der oberste Epidemiologe im Landesgesundheitsamt. Er erklärt, warum das Abwasser für Fachleute hochinteressant ist.

 

Herr Brockmann, wie interpretieren Sie die extrem hohe Anzahl von Virusresten im Abwasser?

Fachleute arbeiten ja mit der logarithmischen Kurve, die steigt nicht so extrem an. Zumal Menschen unterschiedlich viele Viren ausscheiden und sich die Viruslast je Coronavariante unterscheidet. Das relativiert die Werte. Unstrittig ist, dass sie auf eine ausgeprägte Corona-Infektionswelle hinweisen. Außerdem sehen wir gerade eine ausgeprägte Rhinovirus-Welle. Bei den Kindern geht die RSV-Welle jetzt los, seit 14 Tagen steigen auch die Influenza-Zahlen. Da kommen mit Corona also gerade insgesamt vier Erreger zusammen.

Taugt die Abwassersurveillance als Methode?

Sie wurde während der Pandemie etabliert, weil man nicht vor der Einführung jahrelang forschen wollte. Deshalb kann noch niemand Abwasserwerte direkt mit Inzidenzen oder Krankheitszahlen korrelieren. Wichtig ist, dass die vielen Infektionen nicht zu einer erheblichen Belastung des Gesundheitswesens führen – wenn, dann weil viele Mitarbeiter sind.

Der Bevölkerung dürfte es eher darum gehen, ob zur Bescherung alle gesund sind.

Die aktuellen Werte erinnern eher an Zahlen, die man im Januar oder Februar sieht. Sie liegen aber niedriger als vor einem Jahr. Wichtig ist doch, dass wir besser durchkommen als zu Pandemiezeiten, und dass jetzt die Eigenverantwortung greift: Ältere und Risikogruppen schützen sich mit der Impfung, alle können Maske tragen oder bei Symptomen einfach Sozialkontakte reduzieren.

Passen sich wirklich viele an?

In der Bahn sehe ich wieder deutlich mehr Maskenträger. Das finde ich gut. Natürlich muss man ein gewisses Risiko hinnehmen, wir leben in einem neuen Normalzustand mit Corona.

Wie geht es nach Weihnachten weiter?

Die Zahl der Erkrankten wird fallen. Die meisten haben weniger Kontakte als im Alltag. Es wird auch weniger Arztkonsultationen geben, weil die Praxen geschlossen sind. Spätestens im Februar steigen die Werte wieder. Das hängt insbesondere von der Influenzawelle ab.

Wie wird der veränderte Verlauf der Erkältungssaison in der Fachwelt aufgenommen?

Wir schauen detailliert, ob wir künftig zum Beispiel bei Kindern oder Pflegebedürftigen zusätzliche Daten erheben müssen. Die Abwassersurveillance könnte auch auf Influenza ausgeweitet werden. Insgesamt hat die Pandemie der Überwachung der Atemwegserkrankungen einen großen Schub verliehen.

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