Erfahrungen der Universität Hohenheim Gen Z an der Uni: Unselbstständig und von Ängsten geplagt?

Lustig sei das Studentenleben, heißt es in einem Lied. Für manche der Studierenden ist es auch eine ziemliche Belastung. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die Folgen von Corona sind für viele der Studierenden noch nicht ausgestanden. Bald müssen sie die in der Pandemie aufgeschobenen Leistungsnachweise erbringen. Und nicht wenige Hochschüler sind heute geplagt von Ängsten und Unsicherheiten.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Die Corona-Pandemie mit Lockdowns und Videounterricht hat den Studierenden stark zugesetzt. Die Folge war eine „Riesenwelle“ von jungen Leuten an der Uni „mit mentalen Problemen“, sagt Ulrich Krieger. „Die psychologische Sprechstunde ist geradezu explodiert“, erzählt der Leiter der Zentralen Studienberatung (ZSB) an der Universität Hohenheim. Viele der Betroffenen klagten damals über soziale Isolation und fehlende Motivation. Die Uni hatte deshalb die psychologische Beratung ausgeweitet – und alle Termine waren voll.

 

Ausgestanden sind die Probleme noch nicht. Weil das Land zur Entlastung der Studierenden in der Pandemie die Pflicht, nach dem dritten Semester bestimmte Leistungsnachweise zu erbringen, um drei Semester verlängert hatte, rückt für viele nun nach sechs Semestern der Tag der Wahrheit näher. „Das war gut gemeint, aber ein Teil der Studierenden hat dann nichts mehr gemacht und aufgegeben oder es einfach verdrängt“, ist die Erfahrung von Ulrich Krieger. Das Problem ist nur: Ohne den Nachweis der Prüfungsleistungen droht auch nach Ende der verlängerten Frist die Exmatrikulation.

Psychologische Beratung weiter stark nachgefragt

Nicht nur deshalb ist in Hohenheim die Nachfrage nach psychologischer Beratung immer noch groß. Diese sei zwar nach dem Ende Pandemie wieder etwas zurückgegangen, sagt Diplomsoziologe Krieger. „Sie ist aber immer noch deutlich größer als vorher.“ Der Bedarf an einer erneuten Ausweitung des Angebots ist vorhanden, allerdings bekommt die Hochschule dafür anders als in der Pandemie keine Mittel mehr.

Dass aber wäre vermutlich sinnvoll angesichts einer Generation von Studierenden, die offenbar generell einen höheren Unterstützungsbedarf haben als frühere. Die jungen Leute der sogenannten Gen Z kommen nicht nur in höherem Maße mit ihren Probleme zur Studienberatung. „Sie benennen sie auch ganz offen und erwarten, dass ihnen die Uni hilft und ein konkretes individuelles Lösungsangebot macht“, sagt Ulrich Krieger. „Das hat sich extrem gewandelt.“

Das fängt an etwa bei Fragen, wie man das Zeitmanagement im Studium verbessern und seinen Studienplan gestalten kann und reicht bis zur Darlegung einer Angststörung mit der Forderung, die Uni müsse helfen. Oder weil jemand etwa nicht vor größeren Gruppen sprechen kann, soll die Hochschule als „Nachteilsausgleich“ dafür sorgen, dass der Betroffene künftig keine Referate mehr halten muss. Weil das aber alles meist so einfach nicht geht, wendet die Studienberatung viel Zeit auf für die Bearbeitung solcher Fälle und für die Suche nach individuellen Lösungen. „Das macht die Arbeit sehr aufwendig“, sagt der Leiter der Studienberatung.

Grundsätzlich findet Ulrich Krieger gut, „dass die jungen Leute ihre Probleme ansprechen und sich Hilfe holen“. Nach seinen Eindruck „benötigen viele der Studierenden mit mentalen Problemen eine Therapie“. Das freilich kann die Uni mit ihrer Beratung nicht bieten. „Wir sind nur die Feuerwehr, die versucht, die Leute erst einmal aufzufangen und zu stabilisieren, dass sie nicht in ein Loch fallen“, sagt Krieger. Hier ist das Studierendenwerk mit seiner psychologischen Beratungsstelle eine Adresse für die Studis.

Die Hochschule als „Service-Einrichtung“?

Eine Herausforderung seien auch „die hohen Ansprüche“, welche manche jungen Leute an die Uni hätten und diese als eine Art „Service-Einrichtung“ betrachteten. Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, seien die Betreffenden „sehr konsequent in ihrem Handeln“, hat der Diplomsoziologe festgestellt. Dann gebe es schlechte Bewertungen im Netz oder man wechsle gleich die Uni. Auch deshalb könne es sich eine Universität gar nicht mehr leisten, die Anliegen der jungen Leute nicht ernst zu nehmen, ist der Beratungsleiter überzeugt.

Das tut die Uni Hohenheim unter anderem mit einem umfangreichen Angebot an Workshops und Seminaren zu Themen wie Burn-out, Selbstmotivation, Stressmanagement und Entspannungstechniken. Mental Health ist unter Studierenden heutzutage ein großes Thema. Man biete inzwischen etwa 30 solcher Kurse pro Semester, sagt Ulrich Krieger. „Die sind immer alle ausgebucht.“ Und auch die Einführungsveranstaltungen habe man deshalb „massiv ausgebaut“.

Natürlich komme noch immer der Großteil der jungen Leute mit dem Studium klar. Aber die Gruppe derer, die sich „sehr schwer tun“ etwa mit der Breite des Studienangebots und den Wahlmöglichkeiten, die ein Hochschulstudium auszeichnet, ist doch deutlich gewachsen. „Das verunsichert die Studierenden“, erzählt der Beratungsleiter. Viele wollten immer genau wissen, was man damit machen und für welchen Beruf man was brauchen könne. Etliche der Studierenden fühlten sich sehr unter Druck, erklärt Ulrich Krieger, „getrieben von der Angst, nicht gut genug zu sein“. Trotz des Fachkräftemangels fürchteten selbst 21-Jährige, „dass sie keinen Job kriegen, weil sie ein Semester mehr brauchen für den Bachelor“.

Dass viele Studierende heute unselbstständiger sind als frühere, zeigt sich auch am Auftreten von Eltern an der Hochschule. „Die Eltern sind heute viel mehr involviert“, betont Ulrich Krieger. Saßen in den vergangenen Jahren während der Infotage immer auch mal Eltern bei ihren Kindern, waren nun sogar „auch bei der Erstsemesterbegrüßung zum ersten Mal Eltern im Hörsaal“, sagt der Leiter der Zentralen Studienberatung. „Das war eine neue Dimension.“

Wo Unterstützung endet und Selbsthilfe beginnt

Für die Uni bedeutet dies: Sie muss klarstellen, wo ihre Zuständigkeit liegt, wo diese endet und um welche Themen die Studierenden sich selbst kümmern müssen. In zwei Fällen war das für Ulrich Krieger einfach. Ein Student wollte ein anderes Zimmer im Wohnheim, weil er müsse den Himmel sehen, sonst komme er „schlecht drauf“. Ein anderer beschwerte sich darüber, dass die Vorlesungen schon um 8 Uhr morgens beginnen. „Das muss man akzeptieren“, ist da die Antwort von Berater Krieger.

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