Erfolgreich durch Crowdfunding Wiki Cheese lichtet das Käse-Chaos

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Sie heißen Fourme d’Ambert, Laguiole, Livarot & Co und sind Frankreichs Stolz. Jetzt hat Wikipedia im Internet erfolgreich Spenden eingesammelt und lässt all die traditionsreichen Sorten fotografieren.

Frankreichs ganzer Käsestolz – appetitlich angerichtet auf Schieferbrettchen und mit Spezialmesserchen Foto: StZ
Frankreichs ganzer Käsestolz – appetitlich angerichtet auf Schieferbrettchen und mit Spezialmesserchen Foto: StZ

Stuttgart - Es ist angerichtet. Der Käsereichtum schimmert in allen Schattierungen von Weiß, Gelb und Grau. Zur Vielfalt der Farben gesellt sich die der Formen. Als Kugel und Kegel liegt Frankreichs Käse aus, aber auch als Quader, Zylinder, Pyramide oder Tortenstück. Ganz zu schweigen von all den Namen. Sie klingen wie Musik in den Ohren: Fourme d’Ambert, Laguiole, Livarot, Banon, Pouligny-Saint-Pierre. Aber keiner der Gäste greift zu, ja kaum jemand würdigt die Käsepracht auch nur eines Blickes. Es geht hier im dritten Stock eines unweit der Pariser Börse gelegenen Wohnhauses eben nicht darum, sich Gaumenfreuden hinzugeben oder sich gar den Bauch vollzuschlagen. Es geht um Höheres.

Es geht auch um die Freiheit

Es geht um Wissensvermittlung, um Freiheit. Um Wissensvermittlung insofern, als der französische Ableger der Wikimedia-Stiftung sich anschickt, die Käsevielfalt Frankreichs fotografisch zu dokumentieren und das Ergebnis ins Online-Lexikon zu stellen. Um Freiheit insofern, als jedermann auf diese Bilder frei zugreifen können soll, ganz gleich, ob er private oder kommerzielle Zwecke verfolgt. Die Finanzierung des „Wiki Cheese“ genannten, auf 18 Monate veranschlagten Projekts ist durch Spenden gesichert.

Das auf der französischen Crowd­funding-Seite KissKissBankBank ausgeschriebene Vorhaben hat die Netzgemeinde überzeugt. „Die Spenden haben sich binnen acht Tagen auf 7345 Euro summiert“, erzählt Pierre-Yves Beaudouin, Informatiker und Initiator von Wiki Cheese. Mit dem Geld habe man ein Makroobjektiv für eine Spiegelreflexkamera erworben, einen professionellen Fotografen bezahlt und werde nun sämtliche Käsesorten kaufen, deren Herkunft durch ein DOC-Siegel verbürgt sei. „Wie kann man ein Land regieren, das mehr als 365 Sorten Käse hat?“, soll Frankreichs legendärer Staatschef Charles de Gaulle einst in einem Anflug von Verzweiflung ausgerufen haben.

Der Käse ziert sich beim Fotografieren

Ein halbes Jahrhundert später scheint sich, was de Gaulle Sinnbild des Chaos war,  enzyklopädischer Ordnung zu fügen. Und so ist es an diesem Abend auch lediglich Jérémie, der Fotograf, der sich zur Essenszeit am Käse zu schaffen macht. Im Umgang mit Milchprodukten noch unerfahren, greift er erst zu schwach zu, dann zu stark. Beim ersten Versuch rutscht die vom Laib eines Laguiole stammende gelbe Scheibe aus den Fingern, landet in wenig fotogener Pose auf der einen kontrastreichen Hintergrund versprechenden Schieferplatte. Beim zweiten Zupacken droht die Scheibe zu brechen, was einen neuerlichen Gang zum über die Wikimedia-Initiative hocherfreuten Käsehändler der benachbarten Rue Montorgueil notwendig machen würde. Doch der Riss schließt sich wieder, als der Käse schließlich im Scheinwerferlicht auf dem ihm zugedachten Untergrund liegt.

Kohl oder Käse? Es ist austauschbar

Auf die Frage nach seinem Lieblingskäse muss Beaudouin lachen. „Ich mag gar keinen Käse“, gesteht der hoch aufgeschossene Mann mit der Designerbrille. Er sei in den USA aufgewachsen und kenne nur Emmentaler. Ursprünglich habe er Kohlsorten für Wikipedia dokumentieren wollen. Aber angesichts der großen Lücken bei der Käse-Illustration habe er sich dann anders entschieden. Eine Mitarbeiterin Beaudouins, die sich als Harmonia vorstellt, stellt klar, dass Käse und Kohl austauschbar seien, dass es Wikimedia allein darum gehe, „aus Wikipedia ein möglichst vollständiges Online-Lexikon zu machen, das allen Menschen gratis Zugang zu allen Informationen eröffnet“.

Wird das Versprechen gehalten, den edlen Spendern, die mindestens 60 Euro gaben, im Anschluss ans Fotoshooting zum Verzehr der Käsespezialitäten zu bitten? Beaudouin erhebt die Stimme. „Sind Spender anwesend?“, schallt es durch den Raum. Ein Raunen geht durch die Menge, aber niemand meldet sich. Kein Zweifel, die 114 Geldgeber hatten ebenfalls Höheres im Sinn. Auch ihnen ging es allein um Wissensvermittlung, um Informationsfreiheit.