Erinnerungskultur in S-Mitte Diskussion um König-Wilhelm-Statue

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Der Bezirksbeirat Stuttgart-Mitte und die Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte wünschen sich eine Rückverlegung des König-Wilhelm-Denkmals vor das Stadtmuseum. Museumsleiter Torben Giese widerspricht.

Viele Stuttgarter wünschen sich laut Bezirksbeirat  eine Rückverlegung des  1991 von Hermann-Christian Zimmerle geschaffenen Denkmals für König Wilhelm II. Foto:  
Viele Stuttgarter wünschen sich laut Bezirksbeirat eine Rückverlegung des 1991 von Hermann-Christian Zimmerle geschaffenen Denkmals für König Wilhelm II. Foto:  

S-Mitte - Wolfgang Müller, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte, sprach in der jüngsten Sitzung des Bezirksbeirats Mitte von einem „Projekt“. „Die Arbeitsgemeinschaft wird eine Verlegung der König-Wilhelm-Statue an den alten Standort vor dem Stadtmuseum tatkräftig unterstützen“, sagte Müller.

Im Dezember hatte sich der Bezirksbeirat Mitte dafür ausgesprochen, das Denkmal im Zuge der geplanten Arbeiten an zusammenhängenden Gehwegen vor dem Stadtmuseum von seinem jetzigen Standort im Garten des Anwesens wieder vor das Stadtpalais zu verlegen. Dort stand die Statue bis September 2017. Sie zeigt König Wilhelm II., den letzten Monarchen des Königreichs Württembergs mit seinen beiden Spitzen.

Leiter lehnt Verlegung ab

Müller deutete in der Sitzung an, dass Torben Giese, Leiter des Stadtmuseums, am jetzigen Standort festhalten wolle. Giese bestätigt dies auf Nachfrage mit Nachdruck. „Als Wissenschaftler kann ich die Statue nicht nach vorne stellen“, meint der Historiker. Es gebe pragmatische Gründe, die gegen Standort vor dem Museum sprechen, erläutert er. Zum einen komme die Statute aus Sicht des Museums abseits der viel befahrenen Konrad-Adenauer-Straßen in den Gartenanlagen besser zu Geltung. Zum andere passe das Denkmal optisch nicht zur Silhouette des Museums. Für seinen Widerstand seien aber ein inhaltliches Argument ausschlaggebend, betont Giese. Das Museum lehne eine Erinnerungskultur der Verklärung ab, sagt er. „König Wilhelm II zum Bürgerkönig und zum liberalsten aller Könige zu erklären, ist euphemistisch. Er war kein Bürger“, sagt Giese.

Der Museumsleiter holt aus zu einem Diskurs über die deutsche Erinnerungskultur aus. Ihm zufolge habe es nach 1945 die Tendenz gegeben, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) als Idealzustand der Stadtentwicklung zu stilisieren. Denkmäler aus der wilhelminischen Epoche seien in dieser Zeit mit Vorliebe gepflegt worden, meint er. „Nach dem Motto, damals war die Stadt noch in Ordnung“, sagt Giese. Dies sei aus heutiger Sicht beschönigend, sagt der Museumsleiter. „Das Kaiserreich war nicht die bessere Zeit. Es war nicht demokratisch, es war militaristisch und es gab kein Frauenwahlrecht“, erklärt Giese.

Der Monarch werde verklärt

Der Schriftsteller und Mundartdichter Thaddäus Troll habe in den 70er Jahren begonnen, Wilhelm II zum Bürgerkönig zu verklären, meint Giese. Er widerspricht. „Wilhelm II. war sicher liberaler als andere Regenten, aber er war letztlich ein Teil des politischen Systems des Kaiserreiches“, sagt der Museumsleiter.

Das Stadtmuseum bemühe sich in Veranstaltungen um eine ausgewogene Darstellung des letzten Monarchen von Württemberg, betont er. Im vergangenen Jahr ist das Buch „Das Wilhelmspalais“ erschienen. Eine Verlegung der Statue vor den Eingang des Stadtmuseums wäre aus der Sicht Gieses eine unkritische Identifikation mit einem Regenten aus autokratischer Zeit.

Museum wünscht Debatte

Auch den Vorschlag der Fraktionsgemeinschaft aus Linken, SÖS, Piraten und Tierschützen im Bezirksbeirat Mitte, bei einer Rückverlegung der Statue mit Plakette auf die Novemberrevolutionäre zu verweisen, die 1918 die Monarchie stürzten, sieht Giese kritisch. Er wünscht sich stattdessen eine angeregte Debatte bevor eine Entscheidung über den Standort des Denkmals gefällt wird. „Ich würde gern auf einem Podium unsere Sicht der Dinge darstellen“, sagt er. Sollte am Ende einer Diskussion die Öffentlichkeit der Meinung sein, dass der künstlerische Wert des Denkmals mehr wiege als die historischen Bedenken, sei dies zu akzeptieren, meint Giese. Einem ehrlichen Umgang mit der deutschen Geschichte dienlich wäre eine Rückverlegung aus Sicht des Historikers aber nicht.




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