Erkenbrechtsweiler Wasser, das den Berg hinauf läuft

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Die Schwäbische Alb, so eine Klage aus dem Mittelalter, ist ein „birgigs, steinigs und ruches Land. Es hat wenig Wasser, außer dem, was von oben herab kommt“. Erst seit 100 Jahren kommt das Nass in Erkenbrechtsweiler aus dem Wasserhahn. Daran erinnert der Brunnenlauf.

Das Beurener Brünnele hat ausgedient. Das Wasser kommt jetzt  aus der Leitung. Foto:  
Das Beurener Brünnele hat ausgedient. Das Wasser kommt jetzt aus der Leitung. Foto:  

Erkenbrechtsweiler - Die Ansage war unmissverständlich und für einen sportlichen Wettkampf eher ungewöhnlich: „Ihr könnt schnell laufen oder langsam laufen – aber auf keinen Fall dabei verbissen dreingucken“, hat der Ideengeber und Mitorganisator des ersten Erkenbrechtsweiler Brunnenlaufs, Andreas Ziegler, am Start den Teilnehmern mit auf den knapp einen Kilometer langen Weg vom Rathausbrunnen zum Beurener Brünnele am Albtrauf und wieder zurück gegeben.

Unter dem Gewicht des Tragejochs und der beiden je zehn Liter fassenden Wassereimer verbissen dreinzuschauen – das hätte die Disqualifikation in dem Wettbewerb nach sich gezogen, dessen Ziel die Befüllung des 2,5 Kubikmeter fassenden Rathausbrunnens gewesen ist.

Ob es Zieglers Absicht war oder nicht – der Hinweis auf den verbissenen Gesichtsausdruck weist, wie auch der Ursprung des Brunnenlaufs, direkt in die Vergangenheit. Vor genau 100 Jahren war in dem Albweiler noch verbissen darüber gestritten worden, ob das Wasser über eine neu zu bauende Wasserleitung im Flecken verteilt werden sollte – oder, nach alter Väter Sitte, Eimer für Eimer aus dem alten Brunnen hangabwärts geschöpft und mühsam die letzten 300 Schritte auf die Albhochfläche getragen werden sollte.

Frauen tragen die Hauptlast

Wobei der Ausdruck „nach alter Väter Sitte“ gerade im Nachkriegsjahr 1919 die Realität nur unzureichend beschrieben hat. Nachdem viele junge Männer der damals 850 Einwohner zählenden Gemeinde ihr Leben auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gelassen hatten, waren es die Frauen, die während und nach dem Krieg buchstäblich die Hauptlast tragen mussten.

Historisch nicht verbürgt ist, ob es auch die tatkräftigen Frauen waren, die letztendlich den völlig zerstrittenen Gemeinderat zum Jagen getragen haben. In der Gemeindechronik festgehalten ist dagegen, dass, nachdem die Diskussionen um das Für und vor allem das Wider einer zentralen Wasserversorgung kein Ende nehmen wollten, die Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde das Heft des Handelns selbst in die Hand genommen haben. „Am 17. April 1919 ist, über den Gemeinderat hinweg, im Rahmen einer Bürgerversammlung beschlossen worden, eine öffentliche Wasserleitung im Dorf zu bauen“, sagt Ziegler, der eingedenk dieses historischen Datums den Erkenbrechtsweiler Eimerlauf im Schulterschluss mit der Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins aus der Taufe gehoben hat.

„Ein birgigs, steinigs und ruches Land“

Die Geschichten über die Wasserknappheit der Schwäbischen Alb sind Legion. Über das Problem hatte sich schon der Franziskanermönch und Lektor an der Ordenshochschule der Franziskaner in Tübingen, Sebastian Münster, in seiner „Cosmographia“ im Jahr 1544 ausgelassen. „Es ist die Alb ein birgigs, steinigs und ruches Land, aber doch zeucht es viel Korn, Haber und Gerste. Es ist ein so hart Feld, dass acht oder neun Ochsen kaum ein Pflug mögen ziehen. Sond aber ein gut Land an Vieh, Weide, Schäferei, Holz, Wildbret und anderen Dingen. Es hat aber wenig Wasser, außer dem, was von oben herab kommt“, schrieb der Gelehrte.

Irgendwann landete das von oben kommende Regenwasser, sofern es nicht in dem löchrigen Juragebirge auf Nimmerwiedersehen verschwand, in einer der zahlreichen Hülen, um die herum sich die frühen Siedlungsschwerpunkte auf der Schwäbischen Alb gebildet hatten. In diesen wasserundurchlässigen Relikten des lange erloschenen schwäbischen Vulkans sammelte sich allerdings nicht nur das Wasser, sondern auch allerlei Unrat, den es auf dem Weg über die Strohdächer heruntergespült hatte. Überliefert ist die Einschätzung eines Älblers, der, von seiner Majestät König Karl von Württemberg anlässlich dessen Besuch bei den Landeskindern auf der Schwäbischen Alb nach den Wasserverhältnissen gefragt, zur Antwort gab: „Für o’s däts scho no. Aber’s Vieh saufts nemme.“

2000 Liter Wasser den Berg hinaus getragen

Des Bauern Urteil gilt als die Initialzündung für den Bau der Albwasserversorgung. Fortan wurde das kostbare Nass mit der Hilfe von wassergetriebenen Pumpen aus den Quellen am Fuße der Alb wieder zurück auf die Hochfläche befördert, wo es schließlich jedem Albflecken zugänglich gemacht wurde.

In Erkenbrechtsweiler sorgt inzwischen ein 16 Kilometer langes Leitungsnetz dafür, dass die Hahnen in den Haushalten der auf 2200 Einwohner angewachsenen Gemeinde nicht trockenfallen. „Wir haben auch schon einmal rein interessehalber die Wasserqualität des Beurener Brünneles beprobt“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde, Roman Weiß. Im Prinzip habe das Wasser noch Trinkwasserqualität, allerdings sei es, weil die Wasserfassung vor Oberflächeneintrag nicht geschützt sei, mit Kolibakterien verunreinigt. „Deshalb warnen wir davor, es zu trinken“, sagt Weiß.

Schöpfen geht, und das haben die Teilnehmer des Eimerwettstreits den ganzen Tag hindurch zwar schwitzend, aber mit auftragsgemäß entspanntem Gesichtsausdruck unter Beweis gestellt. Am Ende waren mehr als 2000 Liter den Berg hinaufgelaufen und der Rathausbrunnen zu 60 Prozent gefüllt – auch dank der freundlichen Hilfe von Mai-Wanderern, die über die Brunnensteige aus dem Tal hinauf gekommen waren und aus Solidarität zu einem der bereitgestellten Eimer gegriffen hatten.