Ernährungs-Tipps im Check Was man nicht alles essen soll

Von Christine Pander 

Am besten fünfmal Obst und Gemüse am Tag – Experten geben häufig solche Empfehlungen ab. Aber welche davon machen Sinn? Eins ist klar: Es lohnt sich, über das Essen nachzudenken.

Fünfmal Obst und Gemüse am Tag – so lautete eine gängige Empfehlung. Doch Experten haben sie heftig kritisiert. Foto: DAK
Fünfmal Obst und Gemüse am Tag – so lautete eine gängige Empfehlung. Doch Experten haben sie heftig kritisiert. Foto: DAK

Stuttgart - Fünf am Tag, wenig Zucker, kein Fleisch oder lieber gar keine tierischen Produkte? Ernährungstipps gibt es viele. Doch was genau verstehen Experten eigentlich unter dem Stichwort gesunde Ernährung? „Das ist die Tausend-Dollar-Frage“, sagt Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim. Dem Bedarf entsprechend und ausgewogen soll die Nahrung sein. „Eine Kost also, die die Bedürfnisse des Körpers erfüllt und jene Nährstoffe liefert, die er braucht, um gesund zu bleiben.“

Dazu zählt eine pflanzlich betonte Ernährung, durchaus mit Fleisch und Milchprodukten in Maßen, reichlich Kartoffeln und Gemüse sowie Vollkornprodukten, sowie bei drohendem Übergewicht möglichst wenig Butter, Wurst und Käse. „Unsere Ernährung ist aber leider oft sehr fettreich, zuckerreich und besteht aus vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln, die eine hohe Energiedichte aufweisen“, sagt Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar in München.

Außerdem verzehren die Deutschen zu viel Fleisch. Die meisten Fachgesellschaften weltweit empfehlen etwa 300 bis 600 Gramm pro Woche. „Der tägliche Konsum liegt bei uns aber fast bei 200 Gramm pro Tag vom Säugling bis zum Greis“, sagt Hauner. Die Folgen können gravierend sein. „Es gibt Studien, die zeigen, dass zu hoher Fleischkonsum – vor allem von verarbeiteten Fleischprodukten – zu Diabetes, Tumorerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann“, sagt Hauner. Außerdem würden für die Fleischproduktion große Mengen an Futtermitteln und Wasser benötigt; Fleisch schneidet daher auch in der Ökobilanz schlechter ab als pflanzliche Nahrungsmittel. „Wir leben jetzt schon über unsere Verhältnisse. Wenn alle so viel Fleisch essen würden wie wir, dann wäre unsere Erde schon längst ruiniert“, sagt Hauner. Zum Vegetarismus für alle mag er aber nicht aufrufen: Fleisch enthält dem Experten zufolge viel hochwer­tiges Eiweiß und Vitamin B 12. In Maßen konsumiert, sei gegen ein gutes Stück Fleisch ab und zu nichts einzuwenden.

Jeder Mensch isst anders

Wie hoch der tägliche Bedarf an Nährstoffen eines Menschen ist, lässt sich nicht für alle gleich beantworten. So benötigt eine 50-jährige, 1,60 Meter große Frau nur etwa die Hälfte der Kalorien, die ein 30-jähriger, muskulöser Bauarbeiter braucht, um gesund zu bleiben. Kinder mögen außerdem andere Speisen als Erwachsene, und wer abnehmen möchte, muss andere Regeln beachten als ein Mensch, der unter­gewichtig ist. Außerdem strebt nicht jeder an, vegetarisch zu leben oder künftig nur noch im Bioladen einzukaufen. Allgemeine Empfehlungen aufzustellen ist daher gar nicht so einfach.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn will mit ihren Empfehlungen dem Stand der Wissenschaft folgen. Es ist allerdings noch gar nicht lange her, da erntete die DGE für ihren griffigen Slogan „fünf am Tag“ (also insgesamt fünf Einheiten Obst und Gemüse pro Tag) heftige Kritik. Die „fünf“ sei eine illusorische Forderung, völlig am Menschen vorbei und entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage, polterten einige Experten.

„Die DGE hat das Problem, einerseits wissenschaftlich sein zu wollen und andererseits klare Botschaften für jedermann produzieren zu müssen“, sagt Bischoff. Das sei nicht immer vereinbar, wie das Beispiel zeige. Dem Hohenheimer Ernährungsmediziner zufolge ist die Grundbotschaft, mehr Obst und Gemüse zu essen, zwar schon richtig, aber die „fünf“ war ein zu hohes Ziel – außerdem sei nicht klar genug differenziert, was genau damit gemeint war. „Fünfmal am Tag Obst zu essen ist kontraproduktiv, weil Obst reichlich Zucker enthält“, sagt Bischoff. Zu viel davon macht dick und krank. „Eigentlich müsste man sagen: drei- bis viermal Gemüse und ein- bis zweimal Obst. Und zweimal Gemüse und einmal Obst wäre als Nahziel realistischer und auch schon toll“, sagt Bischoff.

Davon sind die meisten Menschen in der westlichen Welt noch weit entfernt. Viele hätten verlernt, sich gesund zu ernähren, sagt Bischoff. Das Wissen über Lebensmittel und wie sie zubereitet werden, werde nicht mehr automatisch von Generation zu Generation weitergegeben. Stattdessen wird das Leben immer hektischer – und Zeit ist kostbar, die einige großzügig bei der Nahrungszubereitung und der Beschäftigung mit der Ernährung einsparen.

Ist das noch Ernährung oder schon Weltanschauung?

Gleichzeitig gibt es – subjektiv betrachtet – immer mehr Verfechter spezieller Ernährungsformen: Vegetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier, Veganer und viele andere. „Die Rückkehr zu vegetarisch oder vegan: all diese Trends sind Fluchten aus einer Entwicklung, die die westliche Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geprägt hat, zurück zum Ursprünglichen, Natürlichen, Bewussteren“, sagt Bischoff. Hans Hauner zufolge ist Essen sogar zu einer Art Ersatzreligion geworden. „Da wird alles Mögliche an Weltanschauungen mit dem Essen in Verbindung gebracht, das sind kleine Grüppchen, die sehr lautstark sein können“, sagt er.

In Internetforen träumen manche vom unverarbeiteten, zusatzstofffreien Essen früherer Zeiten, das ohne Konservierungsstoffe und frei von allergieauslösenden Stoffen dennoch das pralle Aroma bescherte. Man muss kein Kulturpessimist sein, um diese Rückschau als Ernährungsutopie zu enttarnen. Denn die Ernährung der Vergangenheit war von Mangel und Verzicht geprägt, von Hunger, fehlenden Kühl- und Konservierungsmöglichkeiten und infolge- dessen von Schimmelpilzvergiftungen. Die Lebensmittel früherer Zeiten waren nicht schnell verfügbar; die Konsumenten mussten etwas tun, wenn sie ernten wollten.

Manche Menschen sind überzeugt davon, dass sie gerade aufgrund der heutigen hohen Verarbeitung mancher industrieller Lebensmittel Unverträglichkeiten oder Allergien entwickelt haben. Ernährungsexperten beobachten – subjektiv betrachtet – tatsächlich auch eine Zunahme: „Wir sind jetzt mehr Hilfsstoffen und Chemikalien ausgesetzt als früher – es ist durchaus möglich, dass sensible Menschen darauf reagieren“, sagt Bischoff.

„Gesunde Ernährung macht Spaß“

Ein Zusammenhang scheint jedoch ganz klar zu sein: je mehr sich die Menschen mit der Ernährung beschäftigen, desto besser steht es um ihre Gesundheit. Bischoff und Hauner fordern daher, Ernährung als festen Bestandteil in der Bildung in verschiedenen Lebensabschnitten zu integrieren, vor allem an den Schulen. Hans Hauner gibt aber zu Bedenken: „Wenn Schüler im Unterricht etwas über gesunde Ernährung lernen, am Kiosk während der Pause aber keine gesunden Lebensmittel vorfinden, desillusioniert sie die Wirklichkeit rasch“, sagt er.

Stephan Bischoff plädiert ebenfalls dafür, Menschen in jeder Lebensphase mit adäquaten Informationen zu unterstützen. „Ernährung sollte in der Wahrnehmung als Teil der Freizeitbeschäftigung gelten – Gemüseschneiden zur Entspannung, am besten im Kreis der Familie“, sagt Bischoff. Noch besser „wirkt“ die gesunde Ernährung, wenn sich die Menschen auch ausreichend im Alltag bewegen. Verbote oder ein erhobener Zeigefinger sind aber kontraproduktiv, davor warnt der Experte nachdrücklich. „Gesunde Ernährung macht Spaß und gibt ein gutes Gefühl, das ist die Botschaft“, sagt Bischoff.

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – Stephan Bischoff zufolge hat die­se  Redewendung längt eine wissenschaft­liche Bestätigung erhalten. „Untersuchungen von Gehirnfunktionen zeigen die vielfältigen Wechselwirkung zwischen Nahrungsaufnahme und Darmfunktion einerseits und zerebraler Appetitregulation und Hirnfunktion andererseits“, erklärt Bischoff. Gesunde Ernährung kann somit nicht nur gegen Übergewicht, Untergewicht und Krankheiten vorbeugen, sondern auch die geistige Leistungsfähigkeit und Psyche verbessern und somit zum Wohlbefinden beitragen.

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