Erstes Neubaugebiet in Kornwestheim seit 1993 Steinzeitfunde und viel Kritik begleiten „Nördlich Zügelstraße“

Bei Sondierungsgrabungen in Kornwestheim wurden vorgeschichtliche Spuren entdeckt. Nun gibt es eine Rettungsgrabung. Foto: /Martina Reps

Viele Stolpersteine gibt es beim ersten Neubaugebiet seit mehr als 30 Jahren in Kornwestheim. Die Nachbarn sind nicht begeistert von den Plänen, die Zufahrtsstraße muss verändert werden und nun steht auch noch eine archäologische Grabung an.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Auf einem etwa 2,3 Hektar großen Areal an der Zügelstraße in Kornwestheim sollen Reihen- sowie Mehrfamilienhäuser für 320 bis 400 Menschen entstehen, etwa 190 sogenannte Wohneinheiten. Es sollen unter anderem Seniorenwohnungen, eine Kita sowie ein kleiner, begrünter Quartiersplatz errichtet werden. Die ersten Häuser könnten Mitte 2026 gebaut werden. Das Neubaugebiet „Nördlich Zügelstraße“ ist allerdings seit Wochen in der Diskussion. Von Anwohner gab es für die Pläne der Stadt bei einer öffentlichen Veranstaltung deutliche Kritik, im Ausschuss für Umwelt und Technik wurde am Dienstag lange über die Neugestaltung der Erschließungsstraße für das Wohngebiet diskutiert – und wegen archäologischer Funde hat des Landesamt für Denkmalpflege vor der Bebauung eine Rettungsgrabung angeordnet.

 

Was kritisieren die Nachbarn?

Bei einer Infoveranstaltung gab es viele kritische Anmerkungen der Bürger zum ersten neuen Wohngebiet seit 1993 in Kornwestheim. Unter anderem wurde angemerkt, dass man erst Flächen innerhalb der Stadt für neue Wohngebäude nutzen sollte. Auch die fehlende Infrastruktur was Läden oder Ärzte betrifft wurde vorgebracht, die Bebauung sei zu dicht, es gebe zu wenige Parkplätze und es würde zu viel wertvoller Ackerboden versiegelt.

Welche Diskussionen gibt es zur Erschließungsstraße?

Das Gebiet soll über die Dürerstraße erschlossen werden, über die Ludwigsburger Allee gehe dies nicht, heißt es von Seiten der Stadtverwaltung. Deshalb soll die Dürerstraße verändert und aufgewertet werden. Zwei Varianten hat das auf Tiefbau spezialisierte Planungsbüro Imotion aus Ilsfeld dafür ausgearbeitet. Geschäftsführer Frank Jung präsentierte die Pläne am Dienstag im Ausschuss für Umwelt und Technik.

Variante 1 sieht einen geradlinigen Streckenverlauf vor. Die Ostseite soll begrünt werden, die Fahrbahn soll stets mindestens fünf Meter breit sein. Fünf neue Parkplätze würden bei dieser Variante zudem entstehen. Bei Variante 2 sollen sogar 16 neue Parkplätze entstehen. Durch versetztes Parken soll zudem verhindert werden, dass die Autos dort schneller als die erlaubten 30 Stundenkilometer fahren.

Kritik an der Variante 2 kam vor allem von CDU-Stadtrat Martin Ergenzinger. Er fahre die Straße oft mit seinem Schlepper entlang und schon heute müsse man an Engstellen wegen des Gegenverkehrs häufig warten. Nach seiner Berechnung würde man auf den 320 Metern Straße nach Variante 2 an acht Stellen wegen Gegenverkehrs warten müssen. Schuldig blieb die Stadtverwaltung vorerst die Zahlen zum erwarteten Verkehr dort, diese sollen aber im Gemeinderat nachgereicht werden.

Wegen der Begrünung an beiden Seite, aber vor allem wegen dem mehr an Parkplätzen sprach sich der Ausschuss mehrheitlich für Variante 2 aus. Oft leiteten Stadträte ihre Meldungen aber mit „falls das Baugebiet kommt“ ein – und zeigten so, dass dies längst noch nicht in trockenen Tüchern scheint.

Was hat es mit den archäologischen Funden auf sich?

Auf dem bislang landwirtschaftlich genutzten Areal wurden im Frühjahr 2023 mehrere Keramikfragmente gefunden. Diese geben Hinweise darauf, dass es dort eine jungsteinzeitliche Siedlung gegeben haben könnte. Das konnte laut dem Landesamt für Denkmalpflege mittlerweile durch Luftbildbefunde nachgewiesen werden, weshalb es sich bei dem Gebiet um ein Kulturdenkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes handelt. Diese Einstufung hat zur Folge, dass nicht einfach so auf der Fläche gebaut werden darf. Im Herbst 2023 hat deshalb die Firma ArcheoBW auf der Fläche eine Sondierungsgrabung vorgenommen.

Dabei wurden 16 Suchschnitte in Nord-Süd-Richtung mittels eines Baggers ausgehoben, um Erdschichten zu analysieren und mögliche archäologische Spuren zu identifizieren. Die Grabungsfirma fand Keramik, Glättsteine und Tierknochen, die eine vorgeschichtliche Siedlung eindeutig nachwiesen. Um weitere Funde zu sichern, ordnete Felicitas Schmitt vom Landesamt für Denkmalpflege eine sogenannte Rettungsgrabung an.

Die Sondierungsgrabung hätte gezeigt, dass nicht nur die ersten Ackerbauern und Siedler Süddeutschlands dort sesshaft wurden, sondern unter anderem die fruchtbaren Böden der Region sowie die verkehrsgeografisch gute Lage auch noch wesentlich später eine große Rolle für die Ansiedlung spielten. Von der Rettungsgrabung, die laut Stadt etwa acht Wochen dauern soll, verspricht sich das Denkmalamt weitere Einblicke in die Vorgeschichte Kornwestheims. Sie dient der Erfassung der archäologischen Struktur, und wenn sie abgeschlossen ist, kann das Gebiet „archäologiefrei“ zur Bebauung übergeben werden. „Die Fundstücke werden erfasst und dokumentiert, bestimmt und zeitlich eingeordnet. Sie gelangen in das zentrale Fundarchiv nach Rastatt, wo sie für wissenschaftliche Weiterbearbeitung sowie zukünftige museale Präsentation inventarisiert und aufbewahrt werden“, so Felicitas Schmitt.

Wie geht es nun weiter?

„Im Mai 2024 findet zunächst die Kampfmittelbeseitigung statt. In diesem Rahmen werden auch schon Archäologen baubegleitend dabei sein, um mögliche Fundstücke bei der Ausgrabung der Bombentrichter zu behandeln“, sagt Dirk Maisenhölder, Leiter des Fachbereichs Tiefbau und Grünflächen bei der Stadtverwaltung Kornwestheim. Im zweiten Halbjahr 2024 soll die Ausschreibung für die Rettungsgrabung erfolgen. Wann die Grabungen dann stattfinden, hänge von der beauftragten Firma ab.

Maisenhölder geht aber nicht von einer Verzögerung in der Planung aus. Die Stadt nutze die Übergangsphase der Grabungen, um den Bebauungsplan zur Beschlussreife auszuarbeiten. Die äußere Erschließung der Pfarrer-Hahn-Straße beginne voraussichtlich ab Mitte Mai 2024. Diese Arbeiten könnten unabhängig der Grabungen durchgeführt werden. Die innere Erschließung des Baugebietes ist für Sommer 2025 geplant.

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