Essay über Höflichkeit Es geht um mehr als um ein gutes Gefühl

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Der in Deutschland lebende äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate schrieb in seinem Buch „Manieren“: „Die Aufmerksamkeit ist ein derart wichtiger Bestandteil der Manieren, dass man gelegentlich die Begriffe dafür austauscht und einen höflichen Menschen aufmerksam nennt“, schreibt Asserate. Die vielen Regeln, wer vor wem aufstehen muss, zählen wenig für den Aufmerksamen: „Er steht immer auf“, fordert Asserate. Ähnlich sah das bereits der Vater des guten Benehmens, Adolph Freiherr Knigge, in seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“ (1796): „Interessiere Dich für andere, wenn Du willst, dass andere sich für dich interessieren.“

Tatsächlich geht es beim Umgang miteinander um weit mehr als um ein gutes oder ungutes Gefühl. Es geht um die Art unseres Zusammenlebens, um Achtung und Respekt, um Hilfsbereitschaft und Empathie. Der Sozialphilosoph Oskar Negt schreibt: „Werden Konkurrenz, Wettbewerbslust und Rücksichtslosigkeit im Umgang mit Menschen untereinander zu Tugenden deklariert, dann verändert sich zusehends das vorherrschende Menschenbild einer Gesellschaft.“ Deshalb leben wir offenbar heute mehr gegen- als miteinander. Die Maxime lautet „Mach Dein Ding“- egal, ob dabei jemand auf der Strecke bleibt. Anstand, Skrupel und Rücksichtnahme zahlen sich nicht mehr aus – Egoismus und Ignoranz dagegen lohnen sich.

Ist der Mensch von Natur aus ein Rüpel?

Der Journalist Jörg Schindler hat sich in seinem Buch „Die Rüpel-Republik“ eingehend mit der Verwahrlosung der Umgangsformen auseinandergesetzt. Seine Beobachtungen reichen dabei von der Politik bis auf den Fußballplatz. Schindler zitiert Umfragewerte über den Wohlfühlfaktor hierzulande: 1999 fanden 42 Prozent der Befragten, dass das Klima immer eisiger werde. 2003 waren es schon 52 Prozent, vier Jahre später 58 Prozent. „Deutschland hat die besten Jobs und die unfreundlichste Bevölkerung“, lautet das Ergebnis einer groß angelegten Studie mit 14 000 so genannten Expatriates, also hochqualifizierten Menschen, die aus beruflichen Gründen auf Zeit hier leben und arbeiten. Deutschland belegt dabei unter 67 Ländern Platz 17. „Zum kühlen Wetter kommt der frostige Empfang“, lautet der nüchterne Erklärungsversuch der Autoren.

Ist der Mensch von Natur aus ein rücksichtsloser Rüpel und Egoist – oder ist er von Grund auf gut? An den beiden Menschenbildern, wie sie die Philosophen Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau einst diametral unterschiedlich beschrieben haben, scheiden sich die Geister. Hätten die Menschen nicht gelernt, respektvoll und vernünftig miteinander umzugehen, hätten sie wohl bis heute das Rad nicht erfunden, argumentieren die Anhänger der Rousseauschen Lehre.