Essay über Höflichkeit Ist Hilfsbereitschaft angeboren?

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Der Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello zeigt anhand einer Reihe von Videoclips mit Kleinkindern, die am Max-Planck-Institut in Leipzig gedreht wurden, dass die Hilfsbereitschaft vielleicht doch angeboren ist. Ein Baby robbt herbei, um einer Frau einen heruntergefallenen Stift zu reichen. Ein Kleinkind hilft beim Öffnen eines Schrankes, weil der voll beladene Mann es alleine nicht schafft. Das alles geschieht unaufgefordert. Dreijährige assistieren sich gegenseitig, wenn sie konkurrierend eine Aufgabe lösen sollen. Der Sündenfall in Tomasellos Versuchsaufbauten trat ein, als er begann, Gratifikationen zu verteilen. Jene Kinder, die keinerlei Belohnung für ihre Hilfsbereitschaft bekamen, behielten diese Eigenschaft uneingeschränkt bei. Die anderen Kinder jedoch, die für jede Gefälligkeit ein Spielzeug erhalten hatten, halfen nur noch dann, wenn ihnen zuvor eine Belohnung in Aussicht gestellt wurde. Soziales Verhalten ist ansteckend. Was wir schon immer ahnten, haben Forscher von der Universität Florida nun auch wissenschaftlich bewiesen. Sie gingen in einer Studie der Frage nach, ob sich Unhöflichkeit im Berufsalltag überträgt. Dafür wurden unter anderem 90 Doktoranden beobachtet, wie sie mit Kommilitonen verhandelten. Wer seinen Verhandlungspartner im Anschluss an die Übung als unhöflich bewertete, wurde von nachfolgenden Partnern häufiger selbst als unhöflich bewertet. Schon die Begegnung mit einem einzigen unhöflichen Menschen zeigt also eine negative Wirkung – und zwar nicht nur dem Unhöflichen, sondern auch allen anderen gegenüber.

Eltern sollen Werte vermitteln

Erwachsene sind Vorbilder, die wichtigste Erziehungsinstanz ist die Familie. Aber wenn Eltern selbst Toleranz, Achtsamkeit, Respekt, Manieren und Rücksichtnahme nicht gelernt haben, können sie diese Werte nicht weiter vermitteln. Werden Kinder also automatisch zu kleinen Egoisten? Schlechtes Benehmen ist salonfähig geworden. Ein Eindruck, den bestimmte Fernsehshows bestärken, bei denen Mobbing unter dem Gejohle des Publikums belohnt wird. Und wer verbietet den Erwachsenen beim Essen auf dem Smartphone herumzuspielen – oder andere durch lautstarkes Telefonieren in der Öffentlichkeit zu Zeugen ihrer Familienstreitigkeiten zu machen? Knigge postulierte einst: „Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben ist die Verschwiegenheit.“ Und weiter: „Niemand sollte in der Öffentlichkeit bloß gestellt werden.“ Daran sollten sich manche in ihrem hektischen Alltag öfter einmal erinnern.

Es ist erstaunlich, dass heute zugleich das Erlernen von Benehmen bei Tisch aber beispielsweise sehr angesagt ist. Ein ganzer Geschäftszweig ist entstanden. Es gibt etliche Apps mit Titeln wie „Etikette für Businessleute“, „Etikette für Kinder“ oder das Pocket-Quiz „Knigge zum Üben“. Lehrer für gute Manieren sind gefragt. Inge Wolf, die Benimm-Päpstin und Vorsitzende des Bielefelder Arbeitskreises „Umgangsformen International“ sagt aber, worauf es ankomme, sei in erster Linie Empathie. Jeder Mensch habe dieselbe Wertschätzung verdient. Und: „Ein Mensch kann die perfektesten Tischmanieren haben und zugleich, mit Verlaub, das größte Schwein sein.“