Esslingen Keine „italienischen Wochen“ in der Vesperkirche

Von  

Am Sonntag, 17. März, startet die 11. Auflage der Esslinger Vesperkirche. An ihrer Notwendigkeit hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.

In der  Esslinger Frauenkirche  werden wieder  die Esstische gedeckt. Foto: Michael Steinert
In der Esslinger Frauenkirche werden wieder die Esstische gedeckt. Foto: Michael Steinert

Esslingen - Die technischen Leitplanken, die der 11. Auflage der Vesperkirche in Esslingen die Richtung vorgeben, sind schnell gezogen. Sie orientieren sich an der bewährten Praxis der Vorjahre und lesen sich in der Aufzählung wie folgt:

In der historischen Frauenkirche, die am Sonntag, 17. März, in der Esslinger Unteren Beutau ihre Pforten wieder drei Wochen lang über die Mittagszeit öffnet, gibt es jeden Tag ein mehrgängiges Mittagsmahl samt Kaffee und Kuchen für 1,50 Euro. Mehr als 600 ehrenamtliche Helfer aller Altersklassen und sozialen Schichten sorgen dafür, dass die Tische in der im Jahr 1516 nach beinahe 200 jähriger Bauzeit vollendeten gotischen Hallenkirche wieder drei Wochen lang reich gedeckt sind.

Veranstaltet wird die Vesperkirche als überkonfessionelles Angebot von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen und dem Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen, unter anderem in Kooperation mit der Katholischen Gesamtkirchengemeinde, der Evangelisch-methodistischen Kirche und Caritas Region Fils-Neckar-Alb.

400 Gäste im Schnitt

Um den Etat in Höhe von rund 100 000 Euro zu stemmen, sind die Akteure auf Spenden angewiesen. Rund ein Drittel der Ausgaben werden durch das Geld gedeckt, das die täglich im Schnitt rund 400 Essensgäste in die Tageskasse einzahlen.

Ähnlich unverrückbar, wie es die technischen Rahmenbedingungen sind, ist auch der theologische Ansatz unverrückbar. Er speist sich aus der Bibel. „Aus theologischer Sicht entspring die Idee der Vesperkirche dem Traum vom Reich Gottes. Sie ist ein Vorgeschmack darauf, wie es sein sollte“, sagt der Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks, Bernd Weißenborn. Im Neuen Testament wendet sich Gott in Jesus denen zu, die Hilfe brauchen und am Rande der Gesellschaft leben. Unter dem Motto „Gemeinsam an einem Tisch“ gehe es darum, den Armen in der Gesellschaft eine Stimme zu geben und sie satt zu machen an Leib und Seele.

Armutszeugnis für die reiche Gesellschaft

Dass nach zehn Jahren allerdings nur wenig ist, wie es sein sollte, und sich demnach auch am gesellschaftspolitischen Ansatz nichts geändert hat, ist ein Armutszeugnis für eine reiche Gesellschaft. Denn immer noch gilt es als eines der wichtigsten Verdienste der Vesperkirche, Zeichen zu setzen und die andere Seite von Wirklichkeit und Leben sichtbar zu machen – die Armut.

„Die sozialen Verwerfungen unserer Zeit reichen bis Esslingen. Auch hier gibt es Menschen, denen es hinten und vorne nicht reicht“, sagt Weißenborn. Es sei Auftrag der Vesperkirche, die Grenzen und Mauern zwischen den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten zu überbrücken.

Mit der sozialpolitischen Dimension des Auseinanderklaffens zwischen Arm und Reich wird Eberhard Haußmann, der Geschäftsführer des mitveranstaltenden Kreisdiakonieverbandes, täglich konfrontiert. „Bei uns arbeiten 60 Beschäftigte in Ein-Euro-Jobs. Die reden immer von der italienischen Woche am Ende des Monats. Da reicht das Geld nur noch für Nudeln mit Soße“, sagt Haußmann. Für diesen Personenkreis sei die Vesperkirche mit ihrem günstigen Essensangebot, ganz unabhängig vom theologischen und gesellschaftspolitischen Anspruch, eine willkommene Hilfe im täglichen Kampf ums Überleben.

Noch fehlt es an Kuchenspenden

Ebenfalls jenseits von Theologie und Soziologie spielt das größte Problem, das Bernd Schwemm, den Projektleiter der Vesperkirche, dieser Tage noch umtreibt. „Uns fehlen noch Kuchenspenden“, sagt er unter Hinweis auf die rund 40 Kuchen, die jeden Tag gebraucht werden. Über die Kuchenhotline 0178/1486198 seien Angebote jederzeit willkommen.

Die Esslinger Vesperkirche wird am Sonntag, 17. März, um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet. Bis zum Sonntag, 7. April, gibt es in der Frauenkirche einen täglichen Mittagstisch zum symbolischen Preis von 1,50 Euro.

Im Rahmen eines Themenabends unter der Überschrift „Unerhört!“ haben Besucher die Möglichkeit, am Donnerstag, 4. April, mit derzeitigen und künftigen Gemeinderäten über soziale Themen zu diskutieren. Die Diskussion im Vorfeld der am 26. Mai geplanten Kommunalwahlen soll den „Unerhörten“ eine Stimme geben. Sie beginnt um 18 Uhr.

Am Samstag, 30. März, hat sich die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Kanzleramt, Annette Widmann-Mauz, zum Mittagessen angesagt. Die Staatsministerin will mit den Besucherinnen und Besuchern der Vesperkirche ins Gespräch kommen.