Essstörungen Von der Betroffenen zur Beraterin

Die 28-Jährige Anne Reisig aus Weinheim hat ihre Krankheit überwunden – heute möchte sie Angehörigen helfen. Foto: PR/Dominik Tryba

Anne Reisig war ist an einer Essstörung erkrankt. Als Betroffene weiß sie: es ist schwierig, seinem Umfeld erklären zu müssen, warum man jetzt nicht isst. Sie hat deshalb nun „Aidable Familiy“ gegründet – eine Beratung für Angehörige.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Sie war 17 Jahre alt, als sie sich selbst eingestehen musste: Es stimmt etwas nicht. Sie war ständig krank, hatte chronische Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen und Gürtelrose. Untypisch für das Teenageralter. Der Grund war Anne Reisig eigentlich klar: Sie hat kaum noch gegessen. Was in jungen Jahren mit kleinen Marotten angefangen hat, wie auf Schokolade zu verzichten und wenig Kohlenhydrate zu essen, entwickelte sich dann zu einer hartnäckigen Magersucht.

 

Die Selbstwahrnehmung stimmt nicht mehr mit der Realität überein

Dabei war Anne Reisig eigentlich überhaupt nie dick. Sie hat schon sehr jung viel Sport gemacht, sie spielte in ihrer Heimatstadt Weinheim Tischtennis in der Oberliga. Auf alten Fotos aus der Zeit sieht man ein trainiertes, sehr schlankes Mädchen. „Meine Selbstwahrnehmung wurde immer krankhafter, obwohl ich immer mehr abgenommen hatte“, sagt sie die heute 28-Jährige.

Vielleicht war es die Teenagerzeit, in der viele überfordert sind und mit den Veränderungen in ihrem Körper und dem Erwachsenwerden nicht klarkommen. Vielleicht aber auch ihr Ehrgeiz, ihr Anspruch perfekt sein zu müssen. „Ich vermute, das war bei mir schon so“, gesteht sie sich heute ein. Kalorien zu zählen und nichts zu essen, das gibt ihr die Kontrolle über sich selbst. Und ein Ziel: die dünnste zu sein.

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts weisen 33,6 Prozent der Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren Symptome einer Essstörung auf. Bei den Jungen im gleichen Alter sind es etwa zwölf Prozent. Laut der Studie seien Essstörung vor allem bei jungen Menschen verbreitete Erkrankungen.

Die Zahl der Jugendlichen mit Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie ist einer neuen Untersuchung zufolge bundesweit besonders in der Coronapandemie gestiegen. Vor allem bei 12- bis 17-jährigen Mädchen und Frauen gab es einer Studie der KKH Kaufmännische Krankenkasse zufolge zwischen 2020 und 2021 einen massiven Anstieg um über 30 Prozent. Einer der Gründe – neben der Pandemie – seien „Fake-Ideale“ und die Flut von Bildern vermeintlich makelloser Menschen auf Social-Media-Plattformen.

Die Eltern sind überfordert, wissen nicht wie sie der Tochter helfen sollen

Die Eltern von Reisig merken zwar, dass sich die Tochter verändert, aber so recht wissen sie nicht, was zu tun ist. Wie können sie ihr Kind wieder dazu bringen, das es isst? Ihr Onkel, ein Arzt, hat dann zuerst mit ihr gesprochen, dass es so nicht mehr weitergehe und dass sie ihren Körper nachhaltig schädige. Er schlägt eine Therapie vor.

In eine Klinik wollte sie aber nicht, weil sie dann in der Schule hätte pausieren müssen. „Ich dachte, auf gar keinen Fall will ich das Abitur nachmachen“, sagt Anne Reisig. „Aus reinem Ehrgeiz habe ich dann ein paar Kilo zugenommen“, erzählt sie. Aber natürlich habe sie ihr Problem nur aufgeschoben, ein halbes Jahr später hatte sie zwar ein einigermaßen gesundes Gewicht, aber etwas begann in ihr zu bröckeln. Sie nahm wieder ab.

Sechs Jahre braucht sie, bis sie gesund wird

Ihre Familie suchte einen Therapeuten für sie. „Bis ich den hatte, war ich schon wieder total im Untergewicht“, sagt Anne Reisig. Auch half ihr die Therapie zunächst überhaupt nicht. Nach einem Jahr suchte sie sich eine neue Therapeutin, wieder ambulant, sie wollte im Studium nichts verpassen. Fast sechs Jahre dauerte es bis sie sich gesund fühlte.

Sie begann selbst zu recherchieren über ihre Krankheit. Das Gesundwerden ging sie genauso perfektionistisch an wie alles in ihrem Leben. „Ich war fast schon manisch-perfektionistisch“, meint sie. Aber ihre Therapeutin habe ihr geraten, sie solle diesen Ehrgeiz ummünzen, dahingehend nicht mehr die Dünnste sein zu wollen, sondern gesund sein zu wollen.

Heute bezeichnet sie die Therapie als „wegweisend“ für sich, auch um die Ursachen für ihre Krankheit zu erkennen. Und zu lernen, mit dem gefühlten Kontrollverlust umzugehen und mit Anforderungen im Leben zurecht zu kommen. Sie macht ihren Bachelor in Kommunikationsdesign und ihren Master in Brand Management. Bei der Suche nach einem Thema für die Abschlussarbeit kommt ihr aber, dass es zwar inzwischen heute viele Angebote für Betroffene von Essstörungen wie Magersucht und Bulimie gibt, aber wenig Hilfe für deren Angehörige.

„Meine Eltern und meine Schwester haben schon auch sehr gelitten“, sagt Anne Reisig. Oft hätte sie das Gefühl gehabt, sie müsse auch ihre Eltern nebenher noch unterstützen. Sie will nach dem Studium Angehörige von Menschen mit einer Essstörung dabei unterstützt, besser mit der Situation klar zu kommen. „Ich habe mich in das Projekt reingefuchst, und auch viel Zuspruch von den Professoren und den anderen Studenten bekommen“, sagt Anne Reisig. Sie liest sich durch zig Studien, findet heraus, dass die Familie tatsächlich einen großen Einfluss haben kann beim Gesundwerden. Nach ihrem Master gründet sie Lukas Randig, den sie während ihres Bachelors in Mainz kennenlernte, das Start-up „Aidable family“ für Angehörige.

In den Videotrainings, die sie mit Experten für Essstörungen zusammen entwickelt hat, geht es darum, wie Eltern ihre Kinder besser verstehen können, wie sie sich verhalten sollen, aber auch wie sie unterstützen können. „Die meisten Eltern können sich einfach sehr schwer hineinversetzen und wollen einfach nur, dass man wieder isst“, sagt Reisig. Oft reagierten sie aber eben auch genau falsch. Um die richtige Balance zu finden, will sie ihnen Hilfsmaterial an die Hand geben. Auch will sie Eltern aufklären, darüber, dass sie nicht schuld sind. Essstörungen haben oft eine hohe genetische Komponente. „Meine Schwester hatte dieselben Eltern und die ist kerngesund“, sagt Reisig. Die Gründe seien eben in den meisten Fällen „multifaktoriell“.

Auch die Familie leidet unter der Krankheit des Kindes

„Für mich ist das ein Herzens- und Lebensprojekt“, so ihr Fazit. Für das Start-Up zieht sie sogar nach Berlin, weil sie und ihr Co-Founder dort eine Förderung erhalten. Seit neun Monaten ist das Programm von Aidable nun auf dem Markt. Die Rückmeldungen dazu sind laut eigener Aussage von Reisig „bewegend“. Langfristig will sie, dass sich das Start-up von selbst trägt, dass vielleicht sogar die Krankenkassen die Kursgebühr von 90 Euro übernehmen. „Aber das ist noch Zukunftsmusik.“

Ihr selbst geht es heute besser, sie fühlt sich gesund. „Essen ist für mich jetzt ein Thema wie für alle anderen auch“, sagt sie. Ihre Lebensqualität ist nicht mehr eingeschränkt durch die Krankheit. Was ihr geblieben ist, sind die Herzrhythmusstörungen. Deshalb kann sie auch nicht mehr Tischtennis spielen. „Aber dafür habe ich jetzt den wunderschönsten Job“, sagt sie.

Hintergrund zum Start-up

Programm
Mit dem Start-up „Aidable Family“ will das Team um Anne Reisig Eltern unterstützen, wenn ihr Kind unter einer Essstörung leidet. Sie bieten einen Online-Kurs an, in dem die Eltern etwas über die Krankheit lernen, aber auch, wie sie mit ihrem Kind an einem Strang ziehen können.

Infos
Auf der Website https://www.aidable.family/ finden sich alle Informationen zu dem Projekt von Anne Reisig und ihrem Team. (nay)

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