Stuttgart - Am 15. Juni (21 Uhr/ZDF) startet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit der Partie gegen Frankreich in die EM. Für die Europameister Hansi Müller und Fredi Bobic hat der Auftakt wegweisende Bedeutung.
Meine Herren, wie steht’s um Ihre EM-Vorfreude?
Müller: Wann geht das Turnier noch mal los? (Lacht) Ich muss sagen, das große EM-Fieber ist bei mir noch nicht ausgebrochen. Bobic: Das Turnier steht eben unter dem Zeichen der Pandemie, da kommt irgendwie nicht das Gefühl auf, dass zu sagst: Wow, endlich geht’s los, da fahren wir jetzt hin und schauen uns die Spiele an. Müller: Zumal die EM auch noch in elf Ländern über die Bühne geht. Bobic: Davon war ich noch nie ein Freund, weil mir da einfach auch dieses Zusammenkommen mit den verschiedenen Nationen fehlt. Es wird eine komische EM werden unter diesen Bedingungen. Auch für die Spieler, für die die tote Zeit zwischen den Spielen eine riesige psychische Belastung sein wird. Wer das Finale erreicht, befindet sich fünf Wochen in einer Blase. Müller: Die Spieler werden auch nicht überall die gleiche Atmosphäre vorfinden. In Budapest darf das Stadion rappelvoll sein, in den anderen zehn Städten dürfen ja nur viel weniger Zuschauer rein.
Unabhängig von der Pandemie hat sich so mancher Fan von der DFB-Elf abgewendet. Was lief schief?
Müller: Generell ist ein gewisses Interesse am Fußball verloren gegangen, weil die Stimmung, die Atmosphäre fehlt. Bobic: Ich glaube, die eingebüßte Akzeptanz kommt auch schnell wieder zurück. Das hat mit Erfolg zu tun. Klar hört sich ein 0:6 gegen Spanien brutal an oder ein 1:2 gegen Nordmazedonien, wo nach zwei ordentlichen Spielen der Fokus fehlte.
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Aber schon die WM 2018 in Russland war desaströs.
Bobic: Dass das Interesse an der Nationalelf nachgelassen hat, hat aber nicht nur mit Misserfolgen auf dem Platz zu tun, sondern auch mit dem DFB, der sich weit weg vom Volk auseinanderdividiert.Müller: Der VfB Stuttgart hat mit seinen öffentlichen Grabenkämpfen auch vieles falsch gemacht, aber das Beispiel zeigt, dass – wenn es sportlich gut läuft – du einiges reparieren kannst. Wenn aber zu einer schlechten Außendarstellung noch eine schlechte sportliche Leistung kommt, dann zieht es dich richtig runter. Deshalb sollte unsere Nationalmannschaft mit einem Sieg gegen Frankreich ins Turnier starten. Denn spätestens, wenn sie am Ende Europameister wird, interessieren die Querelen keinen Menschen mehr.
Ist es nicht vermessen, den Titel zu erwarten?
Bobic: Wir müssen als deutsche Nationalmannschaft immer reingehen und den Titel wollen, ein Ziel Viertelfinale nimmt uns doch keiner ab. Wir haben eine Todesgruppe erwischt und messen uns mit den Allerbesten, da geht es gleich ums Ganze. Wenn du da durchkommst, kann dich das bis ins Finale spülen. Müller: Und egal wie viele Zuschauer da sein dürfen, wir haben drei Heimspiele, das wird auch ein Vorteil sein. Zumal die halbe Mannschaft aus Bayern-Spielern besteht, die auf ihrem „Plätzle“ kicken dürfen. Das sehe ich als absoluten Pluspunkt.
Was muss für einen EM-Sieg der deutschen Mannschaft aus Ihrer Sicht zusammenkommen?
Bobic: Wenig Verletzte, eine gute Tagesform, ein positiver Teamgeist. Deshalb ist es sehr wichtig, dass ein Thomas Müller zurückgekehrt ist, er bringt gute Stimmung rein. Müller: Ich bin auch froh, dass Mats Hummels mit seiner Erfahrung wieder am Ball sein wird. Denn entscheidend wird die defensive Stabilität sein, nicht das Spektakel nach vorne. Bobic: Und den Torwart sollten wir auch nicht vergessen. Der ist auch nicht so schlecht (lacht).
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Was war bei Ihren EM-Titeln entscheidend?
Müller: In unserem Europameister-Team von 1980 waren alle Spieler in ihren Clubs Führungsspieler, Jupp Derwall ließ uns die lange Leine, und wir haben das mit Leistung zurückgezahlt. Die Mannschaft hat funktioniert, wir blieben 23 Spiele lang unbesiegt. Bobic: Wir hatten 1996 nicht die beste Elf, aber den besten Kader, den besten Willen, einen überragenden Zusammenhalt. Von den 21 Feldspielern haben 20 gespielt. Jeder hat sich reingehauen, bis er auf dem OP-Tisch lag.
Sie wissen, von was Sie sprechen.
Bobic: Ja, ich hatte mir im Viertelfinale die Schulter gebrochen. Wir hatten ein riesiges Lazarett in unserem Hotel in London, und zwischendrin lag noch Boris Becker, der sich in Wimbledon an der Hand verletzt hatte. Es war eine total verrückte EM. Was da geknüppelt wurde auf dem Platz, Wahnsinn. Müller: Ich kann mich als Co-Kommentator im Wembley-Stadion an die Szene erinnern, als Berti Vogts nach dem Abpfiff einen Sprint ansetzte und Matthias Sammer um den Hals fiel. Das war der Beweis, wie wichtig Matthias als absolute Führungspersönlichkeit war, solche Leute brauchst du. Das hat mit Charakter und Mentalität zu tun.Bobic: Er war die zentrale Figur, er hat diesen unbändigen Willen vorgelebt und ist nicht zufällig Europas Fußballer des Jahres geworden.
Gibt es solche Leader im aktuellen Team?
Müller: Also so einen Sammer-Typ, einen Strategen wie ihn sehe ich nicht. Bobic: Wir haben Manuel Neuer, Thomas Müller und Mats Hummels, der die Verantwortung an sich reißen wird. Toni Kroos ist ein ruhiger Typ, er kann aber auch vorangehen. Müller: Joshua Kimmich von seinem Naturell her natürlich auch, aber er braucht vielleicht noch zwei Jahre.
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Warum gibt es immer weniger Typen mit Ecken und Kanten?
Bobic: Das hat mit der Ausbildung zu tun, die ich schon seit Jahren kritisiere. Wir wollen die Spieler gleich machen, ihnen die Kanten wegschleifen. Die typischen Straßenfußballer gibt es nicht mehr, aber wo kannst du auf der Straße denn noch kicken? Die Spieler kommen in Akademien und werden in Systeme gepresst. Ihre Launen, die dem Spiel guttun, werden ihnen weggenommen. Sie sollen sich disziplinieren.Müller: Die Engländer hatten das gleiche Problem. Sie haben das aber hinbekommen. Deshalb haben sie gerade eine sehr gute Generation. Bobic: Wir müssen die aus dem Jahr 2000 stammende Philosophie auf den neuesten Stand bringen. Wir haben da etwas verschlafen, uns in der Sonne schön ausgeruht, weil wir oft im Finale waren und 2014 sogar die WM gewonnen haben. 2018 kam dann plötzlich das Aus – und es hieß: Oh, wir müssen was verändern.
Wäre dann nicht ein Querdenker als neuer Bundestrainer für eine Generalinventur besser gewesen und nicht die bequeme Lösung Hansi Flick?
Bobic: Ich arbeite eng mit dem DFB zusammen. In der sportlichen Abteilung ist viel Positives passiert. Oli Bierhoff hat nach einer längeren Anlaufphase erkannt, wie wichtig der Austausch mit den Bundesligisten ist. Es wird sich etwas bewegen unter Hansi Flick, aber es wird dauern.
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Also braucht es keinen Sammer oder Ralf Rangnick?
Bobic: Über Ralf Rangnick kann man immer nachdenken, das ist legitim. Aber für mich passt Hansi Flick perfekt in diese Position. Bundestrainer kann nicht jeder machen. Ich kann mir Jogi Löw aktuell auch nicht als Bundesliga-Trainer vorstellen nach so langer Zeit beim Verband. Hansi kennt beide Welten. Auch bei den Spielern hat er ein unglaubliches Standing – und seine sieben Titel in eineinhalb Jahren für die Bayern geben ihm brutal viel Rückenwind. Er wird zusammen mit Oliver Bierhoff viele Themen aufbrechen, auch in der Jugendarbeit. Müller: Mein persönlicher Wunschkandidat wäre Jürgen Klopp gewesen, er hätte hundertprozentig gepasst. Was nicht heißt, dass ich die Lösung Hansi Flick schlecht finde. Im Gegenteil: Ich sehe eine Parallele zur Zeit von Jogi Löw als Assistent von Jürgen Klinsmann. Auch Jogi hatte ein super Ansehen bei den Spielern, davon profitierte er später als Chef. So wird es nun auch Hansi gehen.
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Hat es einen Einfluss auf die EM, dass Löw letztmals als Coach dabei ist?
Müller: Nein, die entscheidende Rolle spielt das nicht.Bobic: Die Jungs, die lange mit ihm zusammen sind, werden vielleicht noch ein paar Prozentpunkte draufpacken, um mit ihm den Titel zu holen.
Wie weit kommt Deutschland, wer holt den Titel?
Bobic: Ist doch klar, dass wir wollen, dass Deutschland Europameister wird. Das Halbfinale muss auf jeden Fall das Ziel sein. Doch klar ist: Die Franzosen haben einen sensationellen Kader, die Engländer auch – und sie haben den Vorteil, dass das Halbfinale und das Finale in London stattfinden. Mein Geheimfavorit sind die Türken, sie haben eine richtig interessante Mannschaft, die komplette Abwehr spielt in der Premier League. Müller: Die Konkurrenz ist riesig, und es gibt auch immer wieder Überraschungsteams, die man nicht auf dem Schirm hat. Doch ich traue der Mannschaft den Titel zu, ich sage, unsere Jungs schaffen das! Und das würde dem deutschen Fußball mal so richtig guttun.
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Wer würde dem DFB auf dem Chefsessel guttun?
Bobic: Das große Problem ist, dass sich kaum einer um den Posten reißt (lacht). Für mich ist ohnehin sogar wichtiger, dass es 2022 in der Deutschen Fußball-Liga einen sehr guten Nachfolger für Christian Seifert gibt. Da läuft alles sehr strukturiert ab, da kann der DFB etwas lernen. Müller: Mein Wunschkandidat wäre Karl-Heinz Rummenigge. Er wird jetzt 66, für mich wäre er der ideale Mann. Er wird es sich wahrscheinlich nur nicht antun. Bobic: Rudi Völler wäre auch super. Und eine Doppelspitze fände ich hochinteressant. Eine Person, die fürs Volk da ist, die gut vermitteln kann, und eine, die mehr fürs Organisatorische zuständig ist, die die Landesverbände im Griff hat. Müller: Eine Doppelspitze Mann/Frau könnte sich prima ergänzen. Das wäre ideal, effektiv und hätte Charme. Ich bin ein großer Fan von Frauen in Verantwortung, weil ich finde, eine Frau tickt anders und hat einen anderen Blickwinkel auf viele Dinge. Heike Ullrich (Anm. d. Red.: kommissarische Generalsekretärin des DFB) etwa ist mit dem Fußball groß geworden, sie ist im Thema voll drin. Bobic: Es sollte in einem sauberen Auswahlprozess nur nicht um die Quote gehen, sondern um Qualität. Und die Lautesten sind auch nicht unbedingt die Besten.