Europas Strompreise In Norwegen ist Strom ein Schnäppchen
Während in Zentraleuropa die Strompreise in ungeahnte Höhen klettern, ist Elektrizität in Norwegen günstig wie nie. Was ist da los?
Während in Zentraleuropa die Strompreise in ungeahnte Höhen klettern, ist Elektrizität in Norwegen günstig wie nie. Was ist da los?
Wenn man zurzeit auf die Börsenstrompreise blickt, möchte man sich die Augen reiben: An ein und demselben Tag kostet die Megawattstunde Strom: In Frankreich fast 600 Euro. In Deutschland: gut 300 Euro. Und an der Nordküste Norwegens: etwas mehr als zwei Euro. Seit Wochen liegen die Strompreise in Zentraleuropa beim Drei- bis Fünffachen des Vorjahres – und im Norden extrem niedriger.
An einem Beispieltag der vergangenen Woche etwa musste man für die Megawattstunde Strom zur Lieferung am Folgetag in Deutschland durchschnittlich 332,70 Euro bezahlen. Lieferungen am Folgetag werden über den Spotmarkt an der Pariser Börse Epex abgewickelt und stundenweise gebildet. Im Durchschnitt heißt somit im Durchschnitt aller Stunden eines Tages. Wer in Frankreich Strom kaufen wollte, musste für den gleichen Tag im Durchschnitt 589,22 Euro zahlen. In einzelnen Stunden, etwa zwischen 12 und 13 Uhr, lag der französische Preis für die Megawattstunde gar bei 708,91 Euro und damit bei mehr als dem Dreifachen des zeitgleich in Deutschland aufgerufenen Preises.
An der West- und Nordwestküste Norwegens hingegen kostete eine Megawattstunde im Tagesdurchschnitt gerade einmal 2,11 Euro. 0,4 Prozent dessen, was in Frankreich durchschnittlich zu zahlen war.
Was ist da los? „Die Antwort ist relativ einfach“, sagt Alexander Dusolt, Projektleiter europäische Energiepolitik beim deutschen Thinktank Agora Energiewende in Brüssel. „Im Westen und Nordwesten Norwegens sind die Preise einerseits so niedrig, weil in Norwegen gerade Ferien sind und die Nachfrage niedrig ist. Andererseits, weil Norwegen fast vollständig aus erneuerbaren Quellen Strom erzeugt.“ Norwegen produziert 83,2 Prozent seines Stroms mit Speicherwasserkraftwerken – also Anlagen, die mithilfe von Stauseen Strom erzeugen. Nur 0,5 Prozent entfallen auf Gas, 0,2 Prozent auf Müll. Der Rest sind weitere Erneuerbare. Ein entscheidender dritter Grund sei, dass die beiden nördlichen Regionen Norwegens nur wenig mit dem restlichen Stromnetz verbunden sind und kaum Strom in andere Regionen des Landes oder gar andere Staaten liefern. Im Süden Norwegens sieht das anders aus: Dort beginnen Leitungen in die Niederlande und nach Dänemark, und die Nachfrage der Nachbarn treibt die Preise.
Das, so Maria Schubotz von der Epex Spot, erklärt auch, warum die Preise der Nachbarländer Deutschland und Frankreich in manchen Stunden weit auseinanderklaffen, in anderen, vorwiegend nachts, aber identisch sind: Es sind die Leitungskapazitäten zwischen den Ländern, die zu einem Preisausgleich führen, wenn sie den Import- beziehungsweise Exportbedürfnissen zweier Ländern entsprechen. Reichen sie nicht, bleibt die Preisdifferenz bestehen.
Aber warum ist der Strom in Frankreich derzeit immer wieder so viel teurer als in Deutschland? Frankreich produziert normalerweise etwa 67 Prozent seines Stroms aus Atomenergie, 13 Prozent werden aus Wasserkraft erzeugt, 7,5 aus Gas und Kohle und der Rest aus Erneuerbaren (Stand 2020). In Deutschland hingegen ist der Mix deutlich vielfältiger: Mit knapp 32 Prozent war im ersten Quartal 2022 Kohle noch der wichtigste Energieträger in der Stromerzeugung, mit zusammen 47 Prozent sind aber Erneuerbare wie Wind, Sonne oder Wasserkraft bereits ein wesentlicher Lieferant. Aus Erdgas wurden 13 Prozent des Stroms produziert, aus Atomenergie sechs Prozent.
In Frankreich läuft allerdings derzeit etwa die Hälfte der Kernkraftwerke nicht: Teils wegen geplanter Revisionen, teils wegen unerwarteter Schäden. Daher muss Frankreich, das im Sommer üblicherweise Strom exportiert, derzeit sehr viel Strom einführen, was auch den Preis in Deutschland in die Höhe treibt. Konkret kaufte Frankreich laut dem Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) zwischen dem 1. und 20. Juli in Deutschland 935 Gigawattstunden Strom – fast exakt so viel, wie die Franzosen im gesamten Juli 2021 lieferten. Im Saldo exportiert Deutschland seit einigen Monaten mehr Strom als es importiert. Die Folge: In Deutschland, aber auch in Frankreich laufen ausgerechnet jene Gaskraftwerke, die durch den Konflikt mit Russland so teuer geworden sind. Und da an der Strombörse immer das teuerste zum Einsatz kommende Kraftwerk den Preis setzt, treiben die teuren Gaskraftwerke in Zentraleuropa die Kosten.
„Im Vergleich von Nordnorwegen zu Zentraleuropa sieht man, wie günstiger Strom aus erneuerbaren Energien den Preis entlastet“, sagt Agora-Experte Dusolt. Die Signale der aktuellen Preise sind für die Forscher der Agora klar: Sie zeigen die Abhängigkeit weiter Teile Europas von Gasimporten. Laut Berechnungen von Agora kann die EU bis 2027 Energiesouveränität erreichen. Dafür muss sie den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Umstellung in der Industrie und bei Gebäuden auf klimaneutrale Wärmeversorgung massiv vorantreiben.
Dass es nicht um ein Strohfeuer geht, zeigen die Terminmarktpreise: Energieversorger, die sich jetzt schon für kommendes Jahr eindecken wollen, zahlen für die Megawattstunde derzeit 324 Euro. Danach sinken die Preise zwar, bleiben aber weit über Vorkrisenniveau. Entwarnung ist nicht in Sicht.
Stromhandel
Strom wird auf zwei Arten gehandelt: Direkt zwischen zwei Partnern oder über die Börse. An letzterer kann man Strom langfristig am sogenannten Terminmarkt der European Energy Exchange (EEX) handeln oder kurzfristig über den Spotmarkt an der European Power Exchange (Epex Spot). Viele Versorger und Großkunden decken ihren Bedarf am Terminmarkt und kaufen kurzfristig hinzu.
Länder
An der Epex wird Strom für Deutschland, Belgien, Dänemark, Frankreich, Finnland, Großbritannien, die Niederlande, Norwegen, Polen, Schweden, Österreich und die Schweiz gehandelt. Andere wie Italien handeln an ihren eigenen Börsen.
Gebotszonen
Strom wird innerhalb sogenannter Gebotszonen gehandelt. Deutschland bildet dabei gemeinsam mit Luxemburg eine Zone. Andere Länder wie etwa Norwegen sind in mehrere Zonen geteilt. Ausschlaggebend dafür sind unter anderem Erzeugungskapazitäten der Regionen und ihrer Netzverbindung untereinander.