Eurovision Songcontest in Tel Aviv Warum klar war, dass Deutschland hinten landet

Der deutsche Beitrag konnte nicht überzeigen. Das Pop-Duo S!ster und ihr Lied „Sisters“ waren ein Flop aus dem Lehrbuch. Foto: AP

Die Niederlande gewinnen den schrägen Musikwettbewerb, Deutschland blamiert sich und US-Superstar Madonna wird zum Höhepunkt der Show, aber anders als gedacht.

Tel Aviv - Man hätte es ahnen können. Gleich zu Beginn des Spektakels parkt die Vorjahressiegern Netta Barzilai eine große Passagiermaschine auf der Bühne. Stellplatzsorgen hatte sie keine: Denn bei einem Großteil der so genannten Performances klaffte später eine unverschämt große Lücke zwischen Lied und Darbietung. Ob Katerine Duska für Griechenland, Leonora für Dänemark, Jonida Maliqi für Albanien oder Serhat für San Marino – da wurde teils meterbreit am Lied vorbeigesungen.

 

Trauriger Höhepunkt: Madonna

Kleinere Misstöne fallen in einer Konzertperformance von 90 Minuten kaum ins Gewicht, beim ESC wiegen sie dafür umso schwerer, schließlich ist es ein Interpreten-Festival. Jedem der 26 für das Finale qualifizierten Interpreten sind maximal drei Minuten vorbehalten, um zu überzeugen – oder wenigstens für sich selbst, ein Lied oder ein Land zu werben. Das sind drei Minuten Handwerk, egal ob das Lied gut ist.

Der traurige Höhepunkt dieses überzuckerten Hauchs aus Nichts: US-Superstar Madonna. Tagelang war unklar, ob die 60-Jährige als so genannter „Intervalact“ beim ESC auftreten wird. Das „Interval“ ist die Zeit, die dem Publikum zugestanden wird, beim Televoting für die Lieder des Abends abzustimmen. Am Freitag dann die Meldung: sie kommt. Mit einer stattlichen Entourage aus Tänzern, Managern und Co – und dem Selbstverständnis, man könne sich glücklich schätzen, dass eine wie sie hier beim ESC in Tel Aviv auftritt.

Eine Farce aus Jugendwahn, Selbstüberschätzung und popkultureller Selbstdemontage

Bereits im Interview mit dem Moderator Assi Azar wirkte sie reichlich entrückt. In absurder Piratenkostümierung wie aus dem Karnevalsgeschäft, wirkte Madonna eher wie ein Besucher der Fantasy- und Cosplay-Messe „Comicon“ als eine Ikone der Popmusik. Ihre Performance toppte dies allerdings um Längen: Beim 30 Jahre alten „Like A Prayer“ schaffte sie das Kunststück, allenfalls jeden fünften Ton zu treffen.

Die Werbung für ihre neue Platte „Madame X“, das neue Stück „Future“ mit dem Rapper Quavo, geriet dann vollends zu einer Farce aus Jugendwahn, Selbstüberschätzung und popkultureller Selbstdemontage. Wenn Madonna über Jahrzehnte immer wieder attestiert wurde, sie würde sich ständig neu erfinden, blieb nach der ESC-Darbietung nur noch die Ratlosigkeit, als was denn dieses Mal. Ihr Glück, dass sie außer Konkurrenz startete. Selbst im Feld der Teilnehmer hätte Madonna es am Samstag Abend schwer gehabt.

Nicht weniger als nichts, aber immerhin: gar nichts.

Der andere Höhepunkt des Abends war der deutsche Beitrag „Sister“ von S!sters. Ein beeindruckend konturloses Einerlei aus der mittlerweile bewährt mittelmäßigen Hitschmiede des für Deutschland beim Eurovision Song Contest federführenden NDR. Nach der Punktevergabe der internationalen Jurywertungen lag das S!sters-Duo Laurita Spinelli und Carlotta Truman auf dem 21. Platz. Dann wurde die Wertung des Publikums abgefragt: „I’m sorry“, sagte Model und Moderatorin Bar Refaeli: „Zero Points“. Null Punkte. Das ist nicht weniger als nichts, aber immerhin: gar nichts.

Annähernd fassungslos war da auch der TV-Kommentator Peter Urban, der allerdings schon zur Hälfte der Show verbale Schadensbegrenzung für den deutschen Beitrag betrieb, und von einem „schwierigen Feld aus Teilnehmern“ berichtete. Dabei war es der Abend der halbseidenen Kalendersprüche: „Durchhalten!“, „Stark Bleiben!“, „Nicht unterkriegen lassen““, „Alles wird gut!“, „Sei Du selbst!“ – kaum ein Beitrag wollte sich die Chance entgehen lassen, das Publikum auf dieser gefühligen Ebene „abzuholen“. Lebt der ESC schließlich seit jeher auch von den Geschichten hinter den Interpreten. Doch auch das feministische Narrativ von S!ster wurde von Tamara Todevska aus Nordmazedonien weit seriöser und musikalisch versierter dargeboten. Die Frau hat gesungen wie eine, die tatsächlich eine Geschichte zu erzählen hat – gereicht hat es leider nur für einen achten Platz.

Ein gefälliges Stück Musik aus dem unendlichen Fundus der Liebeslieder

S!ster und „Sisters“ waren ein Flop aus dem Lehrbuch. Und mit Ansage: bereits im Vorfeld bescheinigten Experten und Buchmacher dem deutschen Duo einen 26. Platz – eher mittelprächtig bei 26 Teilnehmern. Dies wiederum übersetzten die Experten so: 25 Beiträgen räume man größere Chancen ein, den ESC in Tel Aviv zu gewinnen.

In der Wertung der Buchmacher weit vorne: Duncan Laurence mit „Arcade“ (Niederlande). Ein gefälliges Stück Musik aus dem unendlichen Fundus der Liebeslieder, behutsam vorgetragen, glatt gebügelt und unspektakulär genug, weder positiv noch negativ aufzufallen. In der Welt des ESC: ein Tophit und natürlich tatsächlich ein guter Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Platz zwei ging an Mahmood und „Soldi“, den fast zeitgeistigen Popbeitrag aus Italien und Sergey Lazarev mit „Scream“ für Russland ging als Drittplatzierter durchs Ziel.

Ein Hit ist ein Hit

Und S!ster aus Deutschland? Platz 24, nur Weißrussland und Großbritannien waren von Jury und Publikum schlechter bewertet. Hier wird nun wieder analysiert, schonungslos hinterfragt, modernisiert und aufgearbeitet. Und am Ende wird der NDR wieder alles so machen, wie sich ältere Herren und gefallsüchtige Popstars gute Popmusik vorstellen. Dabei könnte alles so einfach sein. Denn: Ein Hit ist ein Hit.

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