Ex-Betriebsratschef von Porsche Der lange Nachhall von Uwe Hücks Rückzug

Uwe Hück in seinem Pforzheimer „Revolutionsbüro“: Für die Karriere in der Kommunalpolitik hätte er seinen Posten bei Porsche nicht räumen müssen. Foto: dpa

Uwe Hück ist nicht der einzige, der Porsche überraschend verlässt. Wenige Wochen nach ihm verabschiedete sich jetzt ein anderer Betriebsrat und Vertrauter von ihm. Zuvor war bereits der Personalchef plötzlich gegangen. Was steckt dahinter?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Eigentlich wollte Uwe Hück ja nicht mehr zurückschauen. Das Kapitel Porsche hatte er für sich abgeschlossen, fortan wollte er sich ganz der Politik widmen. Stolz präsentierte er dieser Tage sein erstes Plakat für den Kommunalwahlkampf. Es zeigt ihn freundlich lächelnd, darunter den SPD-Slogan: „Pforzheim schöner, sicherer, sozialer machen“.

 

Doch die Vergangenheit lässt Hück nicht ganz so schnell los, wie es zunächst aussah. Als er Anfang Februar Knall auf Fall nach mehr als dreißig Jahren bei dem Sportwagenbauer ausschied, gab es bemerkenswert wenig Fragen. Die offizielle Version für den Abgang des bis zuletzt mächtigen Betriebsratschefs schien allseits akzeptiert zu werden: Er gehe auf eigenen Wunsch, weil Demokratie vom Wechsel lebe; künftig wolle er sich für seine sozialen Projekte, seine Kinder und in der Politik engagieren. Porsche respektiere seine Entscheidung und wünsche ihm für die Zukunft alles Gute, bekundete Vorstandschef Oliver Blume. Seine Lobesworte las er vorsorglich vom Zettel ab, auch die IG Metall würdigte ihren prominenten Vertreter eher unverbindlich: Da sei ihm mal wieder ein Coup gelungen.

Für Politik war kein Jobverzicht nötig

War das bereits die ganze Wahrheit, oder gab es noch weitere Gründe für den plötzlichen Ausstieg? Nicht nur in der Porsche-Belegschaft, auch in der SPD wird dies seither immer wieder gefragt. Um für den Stadtrat in Pforzheim zu kandidieren, hätte der 56-Jährige seinen Hauptberuf jedenfalls nicht aufgeben müssen. „Jedem Mitarbeiter steht es frei, sich in seiner Freizeit politisch zu engagieren, für welches Amt auch immer“, sagt ein Unternehmenssprecher. Jeder müsse aber auch selbst beurteilen, ob ihm ein nebenberuflicher Einsatz dafür ausreiche. Stadträte üben das Mandat in der Regel neben einem Vollzeitjob aus, doch Hück will „keine halben Sachen machen“. Er habe sich entschieden „voll und ganz“ in die Politik zu gehen, „ohne Netz und Absicherung“, sagte er unserer Zeitung. Die Leute sollten „sehen, dass ich es wirklich ernst meine“.

Nicht jeder Weggefährte bei Porsche war über Hücks Rückzug indes so überrascht wie die Öffentlichkeit. Im vorigen Jahr hatte es im Konzern zunehmend Unruhe gegeben, auch um die Rolle des Betriebsrates. Ein Auslöser waren interne Vorwürfe im Zusammenhang mit der Übernahme von befristet Beschäftigten in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Offiziell gibt es dafür ein genau geregeltes Verfahren samt Punktesystem, das sogar vom Arbeitsgericht abgesegnet ist. Danach zählt allein die Qualifikation. Doch daneben gebe es einen inoffiziellen Weg, der über gewogen gestimmte Betriebsräte führe, wurde immer wieder behauptet; dabei fließe auch Geld, angeblich vierstellige Beträge. Solche Hinweise gingen wiederholt auch an unsere Zeitung und den Südwestrundfunk. Porsche ist ihnen, wie stets in solchen Fällen, „konsequent nachgegangen“ – und fand sie offenbar nicht bestätigt; offiziell gibt es zu „internen Vorgängen und Personalangelegenheiten“ nur dürre Auskünfte.

Hück: Vertuschen kommt nicht in Frage

Ausführlicher äußert sich Uwe Hück, auch als Reaktion auf bundesweite Medienberichte über die Verdachtsfälle. Betriebsräte hätten eine Vorbildfunktion, sagte er unserer Zeitung: „Wer sich daneben benimmt, ist hier fehl am Platz.“ Wenn er von Vorwürfen auch nur gehört habe, habe er das Unternehmen gebeten, diesen nachzugehen – mit der Rechtsabteilung und der Revision. „Vertuschen kommt für mich nicht infrage“, betont Hück, auch seine Kollegen habe er stets zur Transparenz angehalten. Er selbst habe darum gebeten, dass der Betriebsrat von der Revision geprüft wurde. Gravierende Befunde soll es dabei nicht gegeben haben.

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Zumindest in einem Fall wurde nach StZ-Informationen nun aber Belastendes festgestellt: Bei einem erst 2018 wiedergewählten freigestellten Betriebsrat soll es – nicht im Zusammenhang mit der Übernahme von Beschäftigten – nicht unerhebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Das Fehlverhalten wurde intern aufgearbeitet, in aller Stille schlossen beide Seiten einen Aufhebungsvertrag. So vermied man eine mit größerem Aufsehen verbundene Kündigung. Die Staatsanwaltschaft erfuhr nichts von der Angelegenheit, der Schaden, hört man, werde ausgeglichen. Auskünfte gibt es dazu keine, auch nicht von Hück. Er habe nie seine „schützende Hand“ über irgendjemanden gehalten, sagte der Ex-Betriebsratschef nur.

Ärger mit Finanzamt wegen Fahrer

Dieser Eindruck war entstanden, weil es schon 2018 Gerüchte um genau jenen Betriebsrat gegeben hatte – ohne sichtbare Konsequenzen. Nur als Fahrer von Hück, das wurde aufmerksam registriert, wurde er plötzlich nicht mehr eingesetzt. Just wegen „Fahrerleistungen“ bekam der Betriebsratschef seinerzeit Ärger mit dem Finanzamt: Er habe nicht daran gedacht, den geldwerten Vorteil zu versteuern, räumte er damals ein. Das Versäumnis sei inzwischen wettgemacht, es gehe um überschaubare Beträge. „Wenn Fehler passieren, muss man sie korrigieren“, sagte Hück. Dieses Motto gilt offenbar auch für Porsche: Erst kürzlich wurde bekannt, dass das Unternehmen wegen fehlerhafter Steuererklärungen Millionen nachzahlen müsse.

Wenige Monate vor Hück hatte es bei Porsche bereits einen anderen überraschenden Abgang gegeben: Knall auf Fall verabschiedete sich im Spätjahr 2018 der bisherige Personalchef Peter S.; er gehe aus privaten Gründen und auf eigenen Wunsch, hieß es in der internen Mitteilung. Darin dankten ihm Vorstandschef Blume und dessen fürs Personal zuständiger Kollege für fast dreißig Jahre „herausragenden Engagements“. S. galt als wichtiger Gegenpart von Hück, zwischen beiden soll es ein enges Zusammenspiel gegeben haben. Schon damals fragten sich Porsche-Leute, wie lange der Betriebsratschef wohl noch bleibe. Manche rechneten mit seinem Rückzug bereits im Dezember.

Video-Attacke auf „geldgierige“ Kollegen

Doch dann gab es wieder einen Auftritt, bei dem Hück keineswegs amtsmüde wirkte. Per Video attackierte er vor der Wahl der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat eine konkurrierende, nicht mit Betriebsrat und IG Metall verbundene Liste: Deren Kandidaten wollten „nur Geld verdienen“ und dem „Egoismus“ frönen, nicht wie er die Interessen der Belegschaft vertreten. „Das geht gaaar nicht“, wetterte Hück vor der Kamera. Er selbst hingegen habe „knapp 1,8 Millionen Euro gespendet“. Ganz stimmt das nicht: Vertreter der IG Metall sind verpflichtet, den Großteil der Aufsichtsratstantiemen an eine gewerkschaftsnahe Stiftung abzuführen.

Inzwischen nannte Uwe Hück einen weiteren Grund für seinen Ausstieg: die Folgen des Porsche-Engagements für sein Privatleben. Sich nur noch um die Firma zu kümmern, verriet er dem „Handelsblatt“, habe ihn von seiner Familie entzweit: „Das würde ich nie wieder so machen.“

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