Ex-Investmentbanker der Deutschen Bank Die Finanzkrise aus der Sicht eines Insiders

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Der Investmentbanker Rainer Voss hat mit nur 48 Jahren 2008, auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise, seinen Job bei der Deutschen Bank an den Nagel gehängt. Ihm lief in der Branche zu viel schief. Ein Porträt.

Rainer Voss war bei der Deutschen Bank Investment-Banker – bis er seinen Job während der Finanzkrise an den Nagel hängte. Foto: dpa-Zentralbild
Rainer Voss war bei der Deutschen Bank Investment-Banker – bis er seinen Job während der Finanzkrise an den Nagel hängte. Foto: dpa-Zentralbild

Frankfurt - Es ist ein unauffälliges Reihenhaus im Norden Frankfurts. Rainer Voss öffnet die Haustür, barfuß, Drei-Tage-Bart, in Jeans und T-Shirt – es ist Sommer in der Bankenstadt. Sein Auftritt wirkt aber auch ein bisschen wie ein Zeichen: Hier ist jemand, der seine Mitte gefunden hat, der sich nicht mehr zwölf bis 16 Stunden am Tag dirigieren lassen will, permanent auf den Bildschirm blickt oder zum Telefonhörer greift. Selbst wenn Voss heute nicht mehr mit Millionenumsätzen am Tag handelt, selbst wenn sein Einkommen nicht mehr im siebenstelligen Bereich liegt: „Ich muss zwar nicht mehr arbeiten, aber ich habe auch keine Ferrari-Sammlung. Ich habe mit 48 aufgehört, hätte aber noch bis 53 oder 54 weitergemacht. Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe, denn dann würde ich wohl die Radieschen von unten angucken nach einem Herzinfarkt“, sagt der frühere Investmentbanker, der auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise seinen Arbeitgeber Deutsche Bank verließ.

Etwas lief in Finanzbranche für Voss nicht mehr rund

Den Abschied hatte er sich zwar nicht so abrupt vorgestellt, wie er bei einem Kaffee erzählt. „Ich konnte mir das Leben ohne diesen Beruf einfach nicht vorstellen. Arbeit strukturiert.“ Aber irgendwie habe ihm schon drei, vier Jahre vor dem Ausbruch der Finanzkrise geschwant, dass in der Finanzbranche etwas nicht mehr rundlief. Und als er dann ein Seminar an der Uni zum Thema Ausstieg abhielt, habe er begriffen, was das Problem ist. Das sei nicht nur ein Problem der Finanzbranche gewesen, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Seine bis dahin geltenden Wertvorstellungen seien auf den Kopf gestellt worden, das begann aus seiner Sicht um die Jahrtausendwende. „Die Soziologen nennen das Finanzialisierung – alle unsere Entscheidungen werden von monetären Aspekten bestimmt“, sagt der Ex-Banker.

Jeder Hartz-IV-Empfänger müsse heute selbst dafür sorgen, dass er mit dem Geld zurechtkommt, dass er vom Staat bekommt. „Und dann gibt es Bankmanager, die beziehen achtstellige Gehälter und brauchen trotzdem eine Ethikkommission, die ihnen sagt, welche Geschäfte sie machen dürfen und welche sie bleiben lassen sollten. Dass das kein normaler Mensch mehr versteht, ist doch klar“, sagt Voss. Er sieht das Problem der Finanzkrise aber nicht vorrangig im System. Für ihn sind es die Menschen, die die Möglichkeiten zu sehr ausgenutzt haben, die über das Ziel, ausgelöst durch falsche Anreize, hinausgeschossen sind.

Fangbecken für schwache Charaktere

„Ich selbst habe nie etwas gemacht, das nicht in Ordnung war. Das liegt nicht daran, dass ich besser war als andere, sondern daran, dass ich in diese Richtung keinen Druck bekommen ­habe.“ Er selbst bezeichnet sich als der „größte Spießer, den Sie je kennengelernt haben“. Wenn man ihm gegenübersitzt, kann man sich in der Tat nicht vorstellen, dass er an rauschenden Champagnerpartys teilgenommen hat, er wirkt wie einer, der einen soliden Rotwein bevorzugt, den er in Frankfurt und an seinem Zweitwohnsitz in Spanien genießt.

Auch zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise treibt ihn die Frage um, warum sich so viele seiner Ex-Kollegen auf die oft windigen Spielchen eingelassen haben. Für Voss ist das Bankgeschäft eher ein Fangbecken für schwache Charaktere. Zwar hatte der Prozess der Entkoppelung von Finanz- und Realwirtschaft aus seiner Sicht schon 1986 begonnen, doch erst Ende des Jahrhunderts hat er an Fahrt aufgenommen. „Wir hatten damals in Deutschland die Finanzmarktreform, alle waren völlig verrückt nach Aktien, jeder Taxifahrer war mit dabei. Dieser Kapitalismus, diese Durchdringung bis in die letzte Phase unserer Existenz, hat damals Früchte getragen.“ Und die Banker wurden nach Erfolg bezahlt, kein Wunder, dass sie dabei alles daransetzten, den letzten Sparer hinter dem Ofen hervorzulocken.

Verschuldungsprobleme der Welt bereiten ihm Sorgen

Noch schlimmer aber waren die Geschäfte, die die Banker unter sich machten, die weltweite Vermarktung von Kreditderivaten und Ähnlichem. „Wir haben über eine Million Finanzprodukte heute, wer soll da den Durchblick behalten?“, fragt Voss. Es geht ihm nicht darum, die Finanzbranche als solche zu verteufeln, er wolle auch niemanden an den Pranger stellen. Aber man müsse überlegen, was man verantwortungsvoll tun kann oder lieber lassen sollte. Bei gut einem Viertel, so schätzt er, habe aber die Gier krankhafte Züge angenommen, selbst die in den vergangenen Jahren beschlossenen ­Regulierungsmaßnahmen könnten da nur begrenzt Abhilfe schaffen.

Er glaube nicht, dass sich eine ähnliche Krise wiederholen wird. Aber die gigantischen Verschuldungsprobleme auf der Welt bereiten ihm Sorgen. „Und wir haben heute weniger Banken als 2008. Und das heißt: Diese ganze Too-big-to-fail-Problematik, dass also der Steuerzahler im Falle einer Liquiditätskrise der Bank einspringen muss, die ist drängender als zuvor.“

Die Vita von Rainer Voss

Karriere: Der gebürtige Wuppertaler Rainer Voss (Jahrgang 1959) ist ein ehemaliger deutscher Investmentbanker. Nach der Schulzeit an einem humanistischen Gymnasium machte er eine Banklehre, worauf ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln folgte. Von 1986 bis 2008 war er bei mehreren europäischen Investmentbanken, unter anderem bei der Dresdner Bank, später bei der Deutschen Bank in Leitungsfunktionen tätig. Seine Schwerpunkte waren die institutionelle Platzierung und der Handel mit festverzinslichen Wertpapieren.

Ausstieg: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise verließ er mit gerade einmal 48 Jahren die Deutsche Bank. Geld hatte er bis dahin genug verdient, um sich ein weiteres Leben als Privatier zu ermöglichen. Da er mit einer Journalistin liiert ist, versteht er es aber auch, auf dem Medienklavier zu spielen. Seine Gedanken und Erfahrungen hat er in diversen Interviews und Fernsehdokumentationen mitgeteilt. Große Öffentlichkeit erzielte er 2013 mit dem Film „Master of the Universe“ von Marc Bauder, der auch in Kinos lief.