Was soll denn das für eine taktische Finesse sein? „Viererkette mit Libero.“ Ein System, das auf Fußballplätzen eigentlich nie zu sehen ist, abgesehen davon, dass der freie Mann hinter der Abwehr seit dem Ende der Ära Franz Beckenbauer nicht mehr existiert. Das Motto für den Experten-Talk der Kreissparkasse Waiblingen offenbart dennoch einen gewissen Pfiff: Denn um den Moderator, den Ex-Profi und heutigen Fernsehjournalisten Thomas Helmer hat sich ein illustres Quartett versammelt.
Fünf Nationalspieler und insgesamt 192 Länderspiele
Neben Helmer sind mit Markus Babbel und Thomas Strunz zwei weitere Europameister von 1996 dabei, zudem Mario Basler und Horst Heldt. In der Summe kommen sie auf 192 Länderspiele. Außer Basler haben auch alle eine VfB-Vergangenheit. Geballte Fußballkompetenz mithin, die nicht mal der „Doppelpass“ des Fernsehsenders Sport 1 am Sonntag zur Mittagszeit bieten kann.
Konkretes Thema ist auf den Podium der VfB Stuttgart. Der sei doch gerade auf Suche nach einem Sportdirektor beziehungsweise Sportvorstand, meint Moderator Helmer – ein Job für Horst Heldt, oder? Der Angesprochene räumt ein, dass es Gespräche gegeben habe, der Ball liege aber nun bei den Entscheidungsträgern im Verein. Ansonsten offenbart der 53-jährige Heldt reichlich Detailwissen über jenen Verein, in dem er bereits Spieler („beim 2:1 gegen Manchester United war ich dabei“) und Manager (2006 bis 2010) war. Er würdigt die Kaderreduzierung und die aktuelle Euphorie und dass man nun hoffentlich wieder auf eigene Talente aus der Region setze. Helmers lässiger Kommentar nach Heldts Fachvortrag: „Ich habe nicht das Gefühl, dass Horst noch nicht beim VfB unterschrieben hat.“
Auch die anderen Experten sind Feuer und Flamme. „Der VfB macht derzeit Riesenspaß“, schwärmt Basler. „Der größte Unterschied ist, dass endlich Ruhe eingekehrt ist“, urteilt Strunz, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Stuttgart müssten mehr hergeben, als dass man nur um den Klassenerhalt mitspielt. Entscheidend ist für Babbel „die Rückkehr von Alex Wehrle“ sowie das Ende von Sven Mislintat: „Er meinte, er ist der Sonnenkönig von Stuttgart.“
„Deutschland hat keine Weltklasseabwehr“
Zur Berufung von Nationaltrainer Julian Nagelsmann gibt es, trotz seiner erst 36 Jahre, wenig Vorbehalte in der Runde, „aber der Zeitpunkt war falsch“, so Heldt. „Der Cut“, ergänzt Strunz, hätte nach der verkorksten Weltmeisterschaft in Katar erfolgen müssen. „Ich traue ihm unheimlich viel zu“, lobt auch Basler den im März überraschend bei Bayern München geschassten Trainer, „die Qualitätsprobleme sehe ich bei der Mannschaft.“ Strunz: „Wir haben keine Weltklasseabwehr.“ Babbel hat aber leichte Hoffnung: „Andere Nationen sind besser aufgestellt, aber vielleicht überperformen sie und holen das Publikum mit ins Boot.“
Schnell geht’s ins Grundsätzliche: „Die 54 Leistungszentren hier haben es nicht geschafft, einen neuen Mittelstürmer hervorzubringen“, so Strunz: „In den Spielsystemen wird alles vorgegeben, die Flexibilität, die Kreativität, eigene Lösungen zu finden, ist abtrainiert worden.“ Wichtig ist für Babbel die Rückbesinnung auf „die deutschen Tugenden, also Robustheit, Wettkampfhärte, sich gegen Niederlagen stemmen“.
Auch die „unfassbaren Summen“ (Babbel) aus Saudi-Arabien sind ein Thema. „100 Millionen Euro pro Jahr, da leben die Kinder der Kindeskinder noch davon“, sagt Basler. Seine Prognose: „Die Saudis kaufen bis in drei Jahren den Markt hier leer, die wollen das durchziehen.“ Immerhin, so Babbel: „Endlich ist die Heulsuse Neymar weg, jetzt kann man Paris-Spiele wieder anschauen.“
Basler Blutwerte? „Bei mir wäre man auf 3,9 Promille gekommen“
Sprüche sind die besondere Würze an diesem Abend. „Die falsche Neun – ich weiß bis heute nicht, was das ist“, gesteht Babbel. Belastungssteuerung? „Wir haben auch 70 Spiele in der Saison gehabt.“ Und die heutige Analyse durch Blutstropfenabnahme? Basler: „Bei mir wäre man auf 3,9 Promille gekommen.“ Und seine Abwehrfähigkeiten? „Ich habe mich selbst verletzt, als ich einen Gegenspieler abgrätschen wollte.“ Helmers treffende Feststellung hierzu: „Bei Bayern haben wir damals meistens zu zehnt gespielt“, wenn Basler mit auf dem Feld war.
Einer im Quintett tippt auf Leverkusen als Meister
Ein Spiel dauert 90 Minuten (plus Nachspielzeit), der Talk in Waiblingern nähert sich am Ende inklusive Pause gar der Drei-Stunden-Marke. Doch dem zu geschätzt 95 Prozent männlich besetzten Publikum gefällt’s. Samt der unvermeidlichen Schlussfrage: Wer wird diesmal Deutscher Meister? Viermal lautet die Antwort Bayern, nur Strunz setzt auf das Tempo und den Spielwitz von Leverkusen.