Ex-VfB-Profi Timo Hildebrand Herr Hildebrand auf Berg-und-Tal-Fahrt

Timo Hildebrand und der ganz entspannte Blick zurück aus der Zahnradbahn-Perspektive. Foto: Baumann 9 Bilder
Timo Hildebrand und der ganz entspannte Blick zurück aus der Zahnradbahn-Perspektive. Foto: Baumann

Im Zahnradbahn-Gespräch spricht Timo Hildebrand über die VfB-Meisterschaft vor zehn Jahren, aber auch über Tiefschläge wie seine EM-Ausbootung ein Jahr später. Am Sonntag will der 38-Jährige aber wieder in Stuttgart feiern.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
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Stuttgart - Noch ein letzter Kontrollblick zurück, alles klar, passt. Das Auto steht ordnungsgemäß am Straßenrand, der Parkschein liegt gut sichtbar auf dem Armaturenbrett. Ein Bußgeld wird sich Timo Hildebrand am Marienplatz heute nicht einhandeln und die Verwandtschaft deshalb auch kein entsprechendes Whats-App-Bild von ihm erhalten. „Wenn ich einen Strafzettel bekomme, fotografiere ich den ab und schicke ihn an meinen Bruder. Der kümmert sich dann um die Überweisung. Peinlich, ich weiß“, sagt der ehemalige Torwart und grinst: „Typisch unselbständiger Fußballprofi.“ Timo Hildebrands Bruder ist selbständig, und zwar als Finanzberater. In dieser Funktion kümmert er sich um die Geldgeschäfte des 38-Jährigen – um die kleineren ebenso wie um die etwas größeren. Dazu gehört Timo Hildebrands Einstieg als Gesellschafter bei der Berliner Firma Veganz, die entsprechende Lebensmittel anbietet. Zum Essen kommen wir aber erst später, bei der Nachbesprechung im Café Kaiserbau. Jetzt wartet die Zahnradbahn, in der der Ex-Torhüter des VfB Stuttgart auf der Fahrt nach Degerloch von den Höhepunkten seiner Karriere erzählen und auf der Rückreise über die Tiefpunkte Auskunft geben soll.

Abfahrt. Zunächst geht es genau zehn Jahre zurück – hinein ins Jahr 2007. „Die Saison hat ja für uns ganz schlecht angefangen“, beginnt Timo Hildebrand seine Meister-Ausführungen, „mit einer 0:3-Heimniederlage gegen Nürnberg.“ Bis zum vorletzten Spieltag habe auch niemand etwas Großes erwartet, erst als der VfB nach dem Sieg in Bochum plötzlich Tabellenerster war. „Es war das perfekte Drehbuch“, sagt Hildebrand, der eine überragende Saison spielt und dessen Transfer zum FC Valencia damals schon seit einiger Zeit feststeht. Nach dem 2:1-Abschluss gegen Cottbus verlässt er den VfB nach 13 Jahren - als Meister. Es sind für ihn Tage wie im Rausch. Zeitweise kann das Wort „wie“ auch gestrichen werden – nach dem Autokorso und der Party auf dem Schlossplatz. Zu dem Drehbuch gehört auch folgende These: „Ich bin mir sicher, dass wir nicht Meister geworden wären, wenn ich beim VfB verlängert hätte. Das ist einfach so ein Gefühl.“

Die VfB-Meisterschaft als krönender Abschluss

Für Timo Hildebrand fühlte es sich damals richtig an, Stuttgart zu verlassen, erst recht nach dem krönenden Abschluss Meisterschaft und dem anschließenden Pokalfinale, das gegen Nürnberg allerdings verloren geht. Er wechselt auch mit einer anderen Empfehlung nach Spanien. In den Jahren 2003 und 2004 bleibt er 884 Minuten am Stück ohne Gegentor, was bis heute Bundesligarekord ist. „Das finde ich schön, denke deshalb aber nicht, dass ich ein besonders toller Typ bin.“

Überheblich wirkt Timo Hildebrand wirklich nicht. Er redet leise und macht auch sonst kein großes Aufsehen um seine Person. Deshalb waren es in dieser Hinsicht oft ungleiche mannschaftsinterne Torwartduelle, in die er gehen musste. In Spanien trifft er zum Beispiel auf den extrovertierten Santiago Canizares, der entgegen anders lautender Aussagen beim FC Valencia geblieben war und seinen Stammplatz mit allen Mitteln verteidigt. Trotzdem spielt Hildebrand und erlebt auch hier große Momente. Er wird mit seinem neuen Club durch einen 3:1-Finalsieg gegen den FC Getafe spanischer Pokalsieger. Zuvor wurde sein Auftritt im Halbfinale gegen den FC Barcelona als beste Torhüterleistung der Saison ausgezeichnet. Die statistikversessene spanische Presse zählt beim 1:1 im Hinspiel 14 Glanzparaden.

Der Zahnradbahnwendepunkt in Degerloch ist gleich erreicht, weshalb sich Timo Hildebrand langsam die Tiefpunkte seiner Karriere in Erinnerung rufen muss. „Da können wir gleich in Valencia bleiben“, sagt er. Unter dem neuen Trainer Unai Emery, der auf Ronald Koeman gefolgt ist, sitzt er bald nur noch auf der Tribüne. Zuvor war er von Bundestrainer Joachim Löw nicht für die EM 2008 nominiert worden, was für ihn vollkommen überraschend kam, nachdem er bei der WM 2006 noch als dritter Torwart hinter Jens Lehmann und Oliver Kahn dabei gewesen war. „Nach dem EM-Schock bin ich in ein Loch gefallen.“ Hildebrand verlässt Spanien, landet 2009 als Stammtorhüter beim Bundesliga-Herbstmeister Hoffenheim. Trotzdem wird sein Vertrag 2010 nicht verlängert. Hätte er doch zuvor nur das Angebot von Borussia Dortmund, denkt er sich, als er plötzlich ohne Job dasteht. Statt in großen Stadien trainiert er mit dem befreundeten Torwartcoach Kai Rabe zu zweit auf Sportplätzen in der Pforzheimer Pampa. „Die Arbeitslosigkeit nagt am Selbstbewusstsein“, sagt er.

Es folgt einen Abstecher zu Sporting Lissabon, wo er nicht zum Zug kommt. Aber danach kommen gute drei Jahre auf Schalke. Den Abschluss bilden drei Aushilfseinsätze für Eintracht Frankfurt. 2015 beendet Timo Hildebrand seine Karriere, nachdem ihm eine hartnäckige Hüftverletzung den Traum von der letzten Fußballstation in den USA verbaut hat.

Hildebrands Säulen: Kinder, Umwelt, Ernährung

Auch wenn es nach seiner Zeit beim VfB nicht immer rund für ihn lief, schaut Timo Hildebrand – nun bei einer heißen Minze und Großmutters Apfelkuchen im Café Kaiserbau – zufrieden auf seine Laufbahn zurück. „Auch wenn es sich schwer nach Floskel anhört, ich habe überall etwas Positives mitnehmen können, oft waren es Freundschaften.“ Auf Vermittlungen eines Kumpels, der in der Stuttgarter Markthalle einen Stand hat, lernt er zum Beispiel in Valencia einen Obst- und Gemüsegroßhändler kennen. Er wird sein „spanischer Papa“. Timo Hildebrand ist mittlerweile selbst Vater. In seiner Zeit bei Schalke kommt Sohn Neo zur Welt.




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