Experte zur AfD „Es überrascht nicht mehr, wenn der Nachbar AfD-Wähler ist“

Zweistellige Wahlergebnisse für die AfD gibt es nun auch in westdeutschen Bundesländern. Foto: imago//Revierfoto

Immer mehr Menschen wählen die AfD. Wie kommt das? Ein Politikwissenschaftler erklärt, was Ost- und Westwähler unterscheidet – und warum eine Zusammenarbeit mit der AfD aus seiner Sicht nicht gänzlich ausgeschlossen werden sollte.

14,6 Prozent in Bayern, 18,4 Prozent in Hessen: Früher erreichte die AfD solche Ergebnisse nur in ostdeutschen Bundesländern. Thomas Pogunkte ist Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ordnet die Wahl ein.

 

Die AfD hat derzeit sehr starke Umfrage- und Wahlergebnisse. Was weiß man über die Menschen, die die AfD in Hessen und Bayern gewählt haben?

Die Wählerschaft ist recht heterogen. Manche stehen vollständig hinter dem AfD-Programm, andere können als rechtsextrem eingestuft werden. Viele haben jedoch aus einer Mischung von Unzufriedenheit mit der jetzigen Bundesregierung und auch aus Protest die Partei gewählt. Es fällt aber auf, dass in Hessen und Bayern relativ viele junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren die AfD gewählt haben. Teilweise lässt sich das dadurch erklären, dass junge Menschen oder Erstwähler in ihrer Parteineigung weniger stark festgelegt sind, sie sind für die AfD leichter zu erreichen. Bürgerinnen und Bürger, die älter als 70 Jahre alt sind, haben die AfD seltener gewählt. Sie bleiben meist der Partei, die sie seit 30 oder 40 Jahren wählen, treu.

Von den Arbeiterinnen und Arbeitern in Bayern wählt inzwischen fast ein Drittel die AfD und nur noch fünf Prozent die SPD. Woran liegt das?

Dass weniger gut gebildete Menschen von einer Arbeiterpartei zu einer rechtspopulistischen Partei wechseln, kennen wir auch aus anderen Ländern – zum Beispiel aus Frankreich. Wer körperlich arbeitet, zum Beispiel in der Industrie, im Lager oder auf der Baustelle, hat eher traditionelle Werte. Die sozialdemokratischen Parteien haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr identitätspolitischen und kulturellen Themen wie Gleichberechtigung oder neuen Familienbildern zugewandt. Das sind Themen, mit denen die traditionelle Wählerschaft eher wenig anfangen kann. Deshalb ist die AfD genau für diese Gruppe attraktiv.

Gibt es Unterschiede zwischen den AfD Wählern im Osten und im Westen?

Sicherlich. Viele Ostdeutsche sehen sich auch heute noch als Bürger zweiter Klasse. Sie fühlen sich ungerecht behandelt oder nicht richtig anerkannt im vereinten Deutschland. Und da ist die AfD eine attraktive Option, weil sie sozusagen gegen die restlichen Parteien antritt.

Thomas Poguntke forscht zu Parteien in Deutschland und Europa. Foto: Pruf

Sie hat im Osten in gewisser Weise die Nachfolge der Linkspartei angetreten, die lange Zeit so etwas wie eine ostdeutsche Regionalpartei war und mit der Zeit immer schwächer wurde. In vielen ostdeutschen Bundesländern ist die AfD bei Wahlen inzwischen so stark, dass es normaler geworden ist, sie zu wählen. Man wird dafür nicht mehr stigmatisiert. Es überrascht nicht mehr, wenn der Nachbar AfD-Wähler ist.

Und die Westdeutschen?

Auch dort hat die Bundesregierung katastrophale Popularitätswerte. Und das hat bei den Wahlen in Hessen und Bayern ganz klar durchgeschlagen. Jede Partei hat Stimmen an die AfD verloren. Dabei waren einige Themen besonders ausschlaggebend.

Die Migrationskrise zum Beispiel?

Absolut. Keine Partei, ob in der Regierung oder in der Opposition, hat aus Sicht dieser Wähler eine glaubhafte Lösung für die Migrationskrise. Auch nicht die CDU, die immer noch mit der Willkommenskultur der Merkel-Ära identifiziert wird und parteiintern zerstritten ist. Selbst bei den Wählern der Grünen ist ein relativ großer Anteil der Wähler mittlerweile der Ansicht, man sollte die Zuwanderung reduzieren. Der AfD glauben hingegen viele Leute, dass sie die Zuwanderung begrenzen könnte – auch wenn sie in Wahrheit keine tragfähigen Lösungsvorschläge dafür hat.

Und auch im Hinblick auf die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung sowie bei den Themen innere Sicherheit oder Energie sind die Menschen unzufrieden. Bei der Diskussion um das Heizungsgesetz konnte jeder sehen, dass die Ampelregierung nicht an einem Strang zieht. Solche großen Einschnitte, die auch die Menschen finanziell betreffen, müssen künftig besser kommuniziert und vorbereitet werden.

Sachsen, Thüringen und Brandenburg wählen im nächsten Jahr, laut Umfragen könnte die AfD in allen Ländern die stärkste Kraft werden. Welche Konsequenzen hätte das?

Je nach Wahlergebnis könnten die Parteien gezwungen sein, sich auf bisher ungewohnte Koalitionen einzulassen. In Thüringen sehen wir das heute schon. Linke, SPD und Grüne können hier nur die Regierung stellen, weil die CDU zugestimmt hat, sie in bestimmten Bereichen zu stützen.

Dass sich notfalls alle demokratischen Parteien zusammentun sollten, um eine AfD-Regierung zu verhindern, wie es kürzlich Alt-Bundespräsident Gauck geraten hat, wäre allerdings eine sehr gefährliche Strategie. Das könnte das Narrativ verstärken, dass die AfD mit aller Macht aus der Politik ausgeschlossen werden soll.

Könnten sich die Parteien eventuell doch auf eine Zusammenarbeit mit der AfD einlassen?

Unter Umständen ist es sinnvoller, eine Minderheitsregierung zu bilden und die Zusammenarbeit mit vernünftigen Teilen der AfD bei einzelnen Gesetzesvorhaben nicht auszuschließen. Doch das hängt von den Bundesländern ab. In Ländern wie Thüringen oder Brandenburg, in denen die AfD radikalisierter ist, wäre das wahrscheinlich nicht möglich.

Besser wäre, wenn es so weit gar nicht kommt und die Werte wieder sinken würden. Dafür müssten die Parteien und Regierungen in Bund und Ländern aber bessere Politik machen. Dass die AfD wieder komplett aus den Parlamenten verdrängt werden kann, ist sehr unwahrscheinlich. Die Partei und ihre Politiker haben sich etabliert und ihre Wähler gefunden.

Könnte die Gründung einer neuen Partei durch Sahra Wagenknecht dazu führen, dass die AfD Wähler verliert?

Die Partei von Sahra Wagenknecht könnte durchaus Wähler von der AfD anziehen, vor allem im Osten. Besonders gilt das für jene, die von der Linken zur AfD abgewandert sind. Angesichts der sehr schlechten Popularitätswerte der Regierungsparteien könnten aber Wähler aller Parteien eine neue Partei durchaus attraktiv finden. Wie sich die Neugründung auf das Parteiensystem tatsächlich auswirken wird, lässt sich schwer sagen.

Thomas Poguntke

Parteienforscher
Thomas Poguntke ist Professor für Vergleichende Politikwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Unter anderem forscht und publiziert er zu Parteien in Deutschland und Europa.

PRUF
Poguntke ist Co-Direktor des Instituts für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung (PRUF), an dem die Entstehung und die Entwicklung der Parteienlandschaft erforscht wird.

Weitere Themen