Herr Huber, Sie gehören mit Ihrem Bruder zu den besten Bergsteigern der Welt. Sie klettern am Limit. Kennen Sie überhaupt Angst?
Wer ist völlig ohne Angst unterwegs? Das sind meistens Kinder, weil ihnen noch die Kompetenz fehlt, Gefahren zu erkennen. Angst ist für uns alle eine wichtige Überlebenskompetenz. Von außen schaut vieles bei mir angstbefreit aus, aber angstbefreit ohne Seil würde man abstürzen.
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Wie gehen Sie mit Angst am Berg um?
Die Angst teilt mir in jedem Moment mit, was ich machen soll. Der alte Spruch „Die Angst ist ein schlechter Ratgeber“ stimmt nicht. Wenn die Angst mich aufmerksam macht, meine Sinne schärft, ist die Angst mein bester Freund. Nur ein Hasardeur begibt sich in Gefahrensituationen, die er nicht einschätzen kann. Mein Credo ist: Schau der Angst in die Augen. Die Frage ist ja immer: Habe ich die Kompetenz, die Gefahr zu meistern? Habe ich alle Kletterwege im Griff? Kann ich sie mit hoher Präzision ausführen? Wenn ich da das Selbstvertrauen habe, hilft mir die Angst, höchste Konzentration zu verspüren.
Nicht immer gelingt es, Angst zu überwinden.
Es gibt natürlich die schwarzen Gedanken: Was, wenn ich es nicht im Griff habe? Wenn ich in eine nicht mehr handelbare Situation hineinkomme? Dieses Paralysiert-Sein in so einem Moment, muss man in seinen Gedanken vorher durchspielen. Und wenn ich die schwarzen Gedanken nicht wegkriege, muss ich es lassen. Wenn die Angst mich nervös macht, muss ich absteigen, mein Können erhöhen, und es dann wieder probieren.
In den Bergen schauen Sie der Angst in die Augen – im Alltag ist Ihnen das nicht immer gelungen. Was ist passiert?
Als Student habe ich es an die Weltspitze geschafft – mit spielerischer Leichtigkeit bin ich zum Profi geworden. Ich bin einfach mit Vollgas kraxeln gegangen und immer mit ein paar wunderbaren Geschichten vom Bergsteigen zurückgekommen. Und habe für meine Vorträge immer mehr bekommen. 1000, irgendwann 2000 DM für einen Vortrag, mehr als ich als Doktorand an der Uni verdient habe.
Was ist dann passiert?
Ich habe meine Doktorandenstelle aufgegeben, wollte nur noch Bergsteigen. Aber als Profi lebst du auf einmal von den Erfolgen. Wenn du keine Erfolge hast, kommt keiner zu deinen Vorträgen. Dann kommst du unter finanziellen Druck, die Bank will Geld, das Finanzamt will die Steuernachzahlung, und auf einmal blickst du in einen finanziellen Abgrund. Da habe ich den Kopf in den Sand gesteckt. Ich habe einfach nicht mehr mit den Leuten von der Bank gesprochen. Ich habe nicht mehr gewusst, wohin. Und dann kam noch viel Kritik von Kollegen dazu, die schlimmste Kritik von anderen ist ja die, die nicht gerechtfertigt ist. Einfach nur negativ, böse gemeinte Kritik. Die trifft dich in der Mitte, und du kannst nichts aus ihr lernen.
Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Hilfe brauchen?
Als ich am Berg gestanden bin und nur noch gedacht habe: I muss da nauf. Und mit der Verpflichtung „I muss da nauf“ hab ich die Freude am Bergsteigen verloren. Da habe ich gespürt: Ich brauche Hilfe. Das war die wichtigste Entscheidung in meinem Leben, dass ich erkannt habe: Ich brauche Hilfe. Und ich kann immer nur mein Credo nach außen tragen: Horcht’s in euch rein. Wenn ihr das Gefühl habt, das ihr Gefahr lauft, die innere Mitte zu verlieren, probiert es nicht selbst, sondern sucht euch professionelle Hilfe. Weil wenn die Hütte erst einmal brennt, ist es ganz schwer, eine gute Hilfe zu finden. Nicht jeder Therapeut passt auf jeden Patienten. Ich hatte da Glück, dass ich gleich den richtigen gefunden habe.
Wie hat die Therapie Ihnen geholfen?
Der Therapeut hat irgendwann zu mir gesagt: „Erkenne die Gefahr – wie beim Bergsteigen. Bist doch a Profi mit der Angst.“
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Angststörungen sind weit verbreitet. Welche Tipps würden Sie anderen geben?
Wie mache ich es beim Bergsteigen? Ich weiß, ich darf eine Gefahrensituation nicht links liegen lassen. Mein Rat ist daher: Setz dich damit auseinander. Wenn man grade schlecht aufgestellt ist, muss man manches vielleicht hinten anstellen, aber darf es nicht auf die lange Bank schieben. Das ist dann wie beim Bergsteigen: Irgendwann musst mit dem Aufsteigen anfangen. Wenn du immer nur um den Berg umme laufst, kommst nie zum Ziel, weil auf der Rückseite der Berg immer noch genauso hoch ist wie von vorne. Und wenn mein Ziel ist: Ich möchte den Berg hinauf – dann muss ich den Berg erst einmal anschauen. Wie ist der Weg? Welcher ist der beste? Das muss ich alles analysieren: Wetter, Sturz, Verletzungen. Damit muss ich mich beschäftigen, sonst komme ich nicht zum Gipfel. Bergsteigen ist nicht anders wie das Leben. Probleme holen dich immer wieder ein.
Wie lange hat es gedauert, bis es Ihnen wieder besser ging?
Es ist ja ein langer Prozess. Man rutscht ja langsam in so eine Krise hinein. Es ist nie ein einzelnes Ereignis, dass dich destabilisiert, sondern immer die Summe von negativen Ereignisse, die man macht. Und dann ist es nur eine ganz kleine Sache, die dich zum Umkippen bringt. Ich bin aus dieser fulminanten Krise relativ flott wieder rausgekommen – nach drei Monaten hatte ich die Freude am Bergsteigen zurück. Aber es hat schon ein halbes Jahr gedauert, bis ich meine Selbstsicherheit wiedergefunden habe, fünf Jahre bis ich nachhaltig genesen war. Aber das ist ein Ereignis, das ist in mir immer noch so präsent, das vergesse ich mein Leben lang nicht. Aber es hat mich auch reifer gemacht, ich habe viel über meine Psyche und über mein Leben gelernt. Am Ende habe ich für mich erkannt: Du musst es nicht jedem recht machen.
Durch Corona haben Sie 80 Prozent Ihres Einkommens verloren. Kommt die Existenzangst zurück?
Das ist natürlich eine existenzielle Bedrohung in meinem Leben als Bergsteiger. Das ist bei mir das Problem: Ich bin offiziell nicht Kulturschaffender, ich bin Berufssportler. Deshalb falle ich wie viele andere in der Kultur und in der Gastro hinten runter. Der überwiegende Teil meines Einkommens wird bei den Coronahilfen übersehen. Und das ist etwas, was unsere Gesellschaft gespalten hat: Was wird gefördert vom Staat? Wer bekommt Hilfe? Wer darf arbeiten, und wer nicht? Mir bereitet diese Coronasituation große Sorgen, obwohl ich nicht so sehr Angst habe zu erkranken. Ich mache mir Sorgen über die Zukunft unseres Zusammenlebens. Es wird nachhaltigen Schaden anrichten in unserer Gesellschaft, weil letztlich die ganzen Maßnahmen nur dann funktionieren, wenn sie Angst in der Bevölkerung erzeugen. Ich habe jetzt schon das Gefühl, die Gesellschaft ist schwer paralysiert – von der Angst vor Corona.