Fäkalbakterien im Böblinger Trinkwasser Ursache gefunden – Bürger müssen Wasser trotzdem noch abkochen

Böblinger Hochbehälter Brand: Darin stimmen die Wasserwerte, die Verunreinigung entsteht erst dahinter. Foto: Stefanie Schlecht

Wegen Bakterien im Trinkwassernetz in Böblingen und Dagersheim müssen Bürger das Leitungswasser abkochen. Nun äußern sich die Stadtwerke dazu, woher die Verunreinigungen kommen und wie lange das Gebot bestehen bleibt.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Seit der Verunreinigung des Trinkwassers und dem Abkochgebot steht der Alltag bei den Stadtwerken Böblingen Kopf. Täglich erreichen die Stadtwerke Hunderte E-Mails und Anrufe. Gefragt wird nach der Versorgung von Haustieren, ob man duschen und die Spülmaschinen benutzen könne und vieles mehr. Über die am häufigsten gestellten Fragen informieren die Stadtwerke auch auf ihrer Webseite, diese wird regelmäßig aktualisiert. Gesundheitsfragen beantworten die Stadtwerke grundsätzlich nicht – weil sie es nicht dürfen. Bei medizinischen Bedenken verweisen sie an den Hausarzt.

 

„Wir können zu 100 Prozent nachvollziehen, dass die Bevölkerung an ihre Grenzen kommt und deshalb auch sauer ist“, sagt die Pressesprecherin der Stadtwerke, Birte Engel. Immerhin sei Trinkwasser ein hohes Gut. Die Stadtwerke arbeiten Tag und Nacht an der Lösung des Problems – auch deshalb habe man sich teilweise über Tage hinweg nicht in der Öffentlichkeit gemeldet.

Seit vergangenem Mittwoch müssen Bürger ihr Wasser abkochen. Trinkwasser aus dem Hahn, Obst waschen, der Kaffee beim Bäcker – was sonst selbstverständlich ist, geht derzeit nicht oder erfordert zumindest deutlich mehr Aufwand als sonst. Denn seitdem gilt das Abkochgebot für bestimmte Teile des Trinkwassernetzes. Und es bleibt auch noch bis mindestens Freitag bestehen. Das teilten die Stadtwerke Böblingen unserer Zeitung auf Nachfrage mit.

„Jeden Tag werden zurzeit sechs bis acht Proben entnommen“, erklärt der Leiter des Wassernetzes, Tomislav Martincevic. Das geschehe in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt. Er sagt: „Aktuell ist das mein erster Anruf am Tag.“ Die Proben schicken die Stadtwerke Böblingen dann in ein Tübinger Labor. Nach frühestens 24 Stunden kommen die Ergebnisse zurück, teilweise dauert es auch bis zu 48 Stunden. Die Ergebnisse und deren Bewertung müssen dann noch mit dem Gesundheitsamt abgestimmt werden.

Keine Entwarnung vor Freitag

Erst wenn die Proben zwei Tage in Folge negativ sind, sei eine Entwarnung möglich. Vor Freitag sei damit nicht zu rechnen: Die Proben vom Montag, deren Ergebnisse am Dienstagnachmittag zurückkamen, seien erneut positiv auf die E.-coli-Bakterien (Escherichia Coli) gewesen. Nun hoffe man auf die Proben vom Dienstag.

Zusätzlich zum Abkochgebot wird dem Wasser im Moment Chlor zugefügt. „Impfen“, heißt das im Fachjargon. So wird das Wasser gespült. Warum man es dann trotzdem noch abkochen muss? „Das Chlor muss sich erst richtig entfalten“, sagt Pressesprecherin Birte Engel. „Das ist wie bei einem Antibiotikum: Es braucht Zeit, bis es wirkt.“

Selbst wenn das Abkochgebot aufgehoben wird, werde das Chlor noch mehrere Wochen lang ausgeschlichen. „Deshalb müssen die Bürgerinnen und Bürger noch mindestens vier Wochen mit Chlorgeschmack rechnen“, sagt Engel. Gerade testen die Stadtwerke regelmäßig an den entferntesten Leitungen, ob das Chlor auch überall ankommt. Schließlich verdünne sich das im Wasser. „Und zurzeit sind viele im Urlaub“, sagt Birte Engel. Da gebe es weniger Durchfluss, der das Chlor verteilt.

Inzwischen konnten die Stadtwerke die Herkunft der Verunreinigungen auf den Bereich Festplatz Flugfeld einschränken. Die E.-coli-Bakterien – Fäkalbakterien, die womöglich von Hunden oder Krähen stammen – seien dort ins Wassersystem gelangt. Wie genau das passieren konnte, ist unklar. Klar ist aber eines: „Die Keime vermehren sich nicht selbst“, sagt Alfred Kappenstein, Geschäftsführer der Stadtwerke Böblingen.

Hier gilt das Abkochgebot. Foto: Stadtwerke Böblingen

Also müssen sie von außen eingetragen worden sein. Wie, darüber könne man zurzeit nur spekulieren. Eine Verbindung zwischen Grauwasserleitung – Grauwasser bezeichnet gering verschmutztes Abwasser aus Bädern, Duschen oder Waschmaschinen – und Trinkwassersystem oder Baustellen könnten Erklärungen sein. Zur Aufklärung arbeite man mit dem Karlsruher Technologiezentrum Wasser zusammen, einem Institut, das sich mit Wasserverunreinigungen beschäftigt. Die Aufklärung werde noch eine ganze Weile dauern, so Kappenstein. „Vielleicht wissen wir es nie.“ Der Fall erinnert an eine ähnliche Situation in Sindelfingen vor eineinhalb Jahren – dort war eine kurze Zeit auf Insektenleichen in Hochbehältern als Ursache für eine Verschmutzung mit Enterokokken, die als gesundheitsgefährdend eingestuft wurden, getippt worden. Am Ende konnten die Verantwortlichen aber nicht zweifelsfrei klären, was die Ursache war.

Dass man auch in Böblingen im Dunkeln tappt, liegt vielleicht auch daran, dass Verunreinigungen dort noch nie vorgekommen seien. „Nicht einmal der frühere Wassermeister hat so etwas je erlebt“, sagt Alfred Kappenstein.

Zuerst harmlose coliforme Bakterien gefunden

Begonnen habe alles vor zwei Wochen mit dem Fund von coliformen Bakterien. Die habe jeder im Darm, sie seien unbedenklich. Trotzdem habe Tomislav Martincevic sofort Arztpraxen, Kitas und Pflegeheime am Flugfeld informiert, damit sie jeweils entscheiden konnten, wie sie mit den vulnerablen Gruppen am besten umgehen. Tage später habe man dann die E.-coli-Bakterien gemessen, die Magen-Darm-Erkrankungen auslösen können. Doch warum müssen auch Bürger außerhalb des Flugfeld-Areals das Wasser abkochen? Das Trinkwassernetz in Böblingen ist in abtrennbare Netze aufgeteilt. Das vom Flugfeld ist in einem Ringnetz mit den Leitungen von Stadtgebiet, Ost, West, Diezenhalde und Dagersheim verbunden. Deshalb gilt die Abkochregelung auch dort.

Böblinger Trinkwasser – woher kommt es?

Wie groß ist das Böblinger Trinkwassernetz?
 Das Trinkwassernetz in Böblingen ist mehr als 200 Kilometer lang und umfasst über 28 Millionen Liter Trinkwasser. Die Leitungen sind in verschiedene abtrennbare Netze aufgeteilt. Insgesamt versorgen vier Hochbehälter die Stadt Böblingen. Betroffen von den Verunreinigungen ist nur das Netz, das vom Hochbehälter Brand in der Diezenhalde versorgt wird. Das beinhaltet das Stadtgebiet, Ost, West, Diezenhalde und Dagersheim.

Wie viel Wasser nutzen die Böblinger?
 Zwischen 8000 und 10 000 Kubikmeter Wasser fließen jeden Tag durch die Böblinger Leitungen. 

Wo kommt das Böblinger Wasser her?
 Für die Trinkwasserversorgung im Landkreis Böblingen sind je zur Hälfte die Zweckverbände Bodensee-Wasserversorgung und Ammertal-Schönbuchgruppe verantwortlich, mit Bodensee- und Grundwasser. Insgesamt handelt es sich dabei um 3,7 Millionen Kubikmeter Wasser.

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