Fahrverbot in Stuttgart Nahverkehr ohne Feinstaub-Reserve

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Wenn tatsächlich Fahrverbote für Autos kommen, haben die Stuttgarter Nahverkehrsbetriebe ein Problem: SSB und Bahn können kaum noch mehr Pendler befördern.

Einfahrt verboten: Wenn viele Autofahrer draußen bleiben müssen, um die Feinstaubwerte zu senken, dann braucht der Nahverkehr  mehr Busse und Bahnen. Foto: dpa
Einfahrt verboten: Wenn viele Autofahrer draußen bleiben müssen, um die Feinstaubwerte zu senken, dann braucht der Nahverkehr mehr Busse und Bahnen. Foto: dpa

Stuttgart - Die von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) für 2017 angekündigten Fahrverbote wegen zu hoher Feinstaubwerte stellen die Nahverkehrsunternehmen vor große Probleme. Wie berichtet, soll der Autoverkehr in der Landeshauptstadt an schadstoffträchtigen Wetterlagen halbiert werden. Mal sollen dann nur Wagen mit geraden, mal nur Fahrzeuge mit ungeraden Kennzeichen in die Stadt fahren dürfen. Die ausgesperrten Autofahrer sollen mit Bus und Bahn zum Ziel kommen. Nach der jüngsten Zählung der Stadt passieren täglich 827 000 Fahrzeuge die Gemarkungsgrenze.

Hermann hat die Verkehrsunternehmen mit seinem Plan kalt erwischt. „Für ein solches Szenario fehlen uns im Berufsverkehr die Kapazitäten“, heißt es bei der Bahn. Morgens und abends seien alle Regionalzüge und S-Bahnen voll. Auch bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) gilt der Fahrverbotsplan als eine riesengroße Herausforderung. „Dafür brauchen wir zusätzliche Stadtbahnen und Linienbusse“, sagt SSB-Sprecherin Susanne Schupp. Diese Fahrzeuge könne man auf keinen Fall selbst bezahlen und unterhalten. „Eine solche Feinstaubreserve darf die SSB in keiner Weise betriebswirtschaftlich belasten“, betont die Sprecherin der städtischen Nahverkehrstochter. Den konkreten Bedarf könne man erst abschätzen, wenn genauere Informationen seitens des Verkehrsministeriums vorlägen. „Wir müssen wissen, wie viele zusätzliche Fahrgäste wir bei einem Fahrverbot befördern müssen“, sagt Schupp.

VCD fordert längere Regionalzüge

Im Verbotsfall müssten Regionalzüge länger werden und öfter fahren, meint der Verkehrsclub Deutschland (VCD). „Die Züge sollten aus acht statt aus fünf Doppelstockwagen bestehen“, sagt der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb. Dafür müsse die Bahn wohl zusätzliches, modernes Wagenmaterial beschaffen. „Den Umsteigern soll es ja so gut gefallen, dass sie dauerhaft auf der Schiene bleiben“, so Lieb. Alle wichtigen Stadtbahnlinien sollten im Fünf- statt im Zehn-Minuten-Takt fahren, um die am Hauptbahnhof ankommenden Pendler rasch zu ihren Zielen in der Stadt zu bringen.

In einer Erklärung vom Freitag betont Verkehrsminister Hermann, dass in Sachen Fahrverbot noch nichts entschieden sei. Erst nach einer zweijährigen Phase mit freiwilligen Schritten werde geprüft, ob in der zweiten Stufe Fahrverbote greifen müssten. Bis jetzt handele es sich um Expertenvorschläge, die nach Ansicht des Ministeriums Erfolg versprechend seien. „Über Zusammensetzung und Zeitplan der Maßnahmen ist noch nicht entschieden“, so Hermann. Man werde mit Verbänden, der Wirtschaft und der Stadt diskutieren und sich in der Landesregierung abstimmen.

Umsteiger sollen einen Kinderfahrschein lösen

„Die möglichen Fahrverbote werden in den neuen Luftreinhalteplan aufgenommen, den das Stuttgarter Regierungspräsidium bis Anfang 2016 erstellt“, sagt Babett Waschke, die stellvertretende Sprecherin des Verkehrsministeriums. Dabei werde auch geklärt, welchen zusätzlichen Bedarf es beim Nahverkehr gebe. „Das gilt auch für die Kontrolle des Verbots und den Preis für die Tickets“, so Waschke.

Zum Thema Ticketpreis hat VVS-Geschäftsführer Horst Stammler bereits einen konkreten Vorschlag parat: „Die Umsteiger von der Straße sollten einen Kinderfahrschein lösen.“ Dieser koste für zwei Zonen 1,30 Euro – etwa halb so viel wie ein Einzelticket – und liege damit in etwa auf dem Preisniveau von Monats- und Jahreskarten. Wegen der Einnahmenausfälle werde man mit der öffentlichen Hand zu reden haben.

Auf der Chefetage des Stuttgarter Rathauses äußert man sich nicht zum Stichwort Fahrverbot. „Wir arbeiten an Lösungen, um Feinstaub und Stickoxide zu minimieren und den Anforderungen der EU in Brüssel zu genügen“, sagt Pressesprecher Andreas Scharf. Die vorgeschriebenen Grenzwerte sollten spätestens bis 2021 eingehalten werden. Am 27. Juli solle es ein Spitzengespräch mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Verkehrsminister Winfried Hermann und Regierungspräsident Johannes Schmalzl geben.