Falschfahrer in Baden-Württemberg Mehr Geisterfahrer unterwegs – ein Alarmsignal

Damals im Juni 2013, Autobahn-Anschlussstelle Esslingen: Landesverkehrsminister Hermann lässt die richtige Richtung mit Farbpfeilen markieren. Foto: PPFotodesign/Max Kovalenko

Die Zahl der Falschfahrten im Südwesten hat um zehn Prozent zugenommen. In Sachen Prävention sehen zwei Landesminister aber keinen zusätzlichen Handlungsbedarf.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Verwirrt, verirrt, verrückt? Am Autobahndreieck Leonberg sind Autofahrer vor dem gesperrten Engelbergtunnel auf verbotenen Pfaden und in falschen Richtungen unterwegs. In Leutenbach (Rems-Murr-Kreis)  wenden  drei  Fahrer im  gesperrten B-14-Tunnel und fahren als Falschfahrer zurück. In Eislingen (Kreis Göppingen) verursacht ein Geisterfahrer auf der B 10 eine Karambolage mit drei Verletzten. Auf der A 8 am Albaufstieg bei Mühlhausen (Kreis Göppingen) kollidiert ein Falschfahrer mit einem Lkw, wird schwer verletzt, einer seiner vier Hunde verendet. Alles Unfälle aus den vergangenen Wochen und Monaten, die zeigen: Falschfahrten werden wieder ein drängenderes Problem.

 

Das zeigen auch Zahlen des baden-württembergischen Innenministeriums: Im letzten Jahr wurden 391 Falschfahrten im Südwesten registriert – ein Plus von 9,5 Prozent. Und fast 20 Prozent mehr als im Jahr 2020. Freilich: Zu dieser Zeit gab es pandemiebedingt ein geringeres Verkehrsaufkommen. Die Zahl der Unfälle 2022 durch Geisterfahrer stieg landesweit von 24 auf 33. Dabei kamen drei Menschen ums Leben, es gab 17 Schwer- und 23 Leichtverletzte.

Rüttelstreifen sind gut, aber mehr gibt’s nicht

Innenminister Thomas Strobl (CDU) sieht allerdings keinen weiteren Handlungsbedarf. Die Unfallkommissionen hätten alle Anschlussstellen im Land in Augenschein genommen – und sämtliche Präventionsmaßnahmen seien umgesetzt worden. „Beschilderung, Markierung und Wegweisung wurden auf einwandfreien Zustand, Sichtbarkeit und Verständlichkeit überprüft und erforderlichenfalls ergänzt“, stellt Strobl fest. Besonders lobt er das Projekt von 2017 an der B 29 bei Schwäbisch Gmünd und Lorch – mit gefrästen Rüttelstreifen für 27 000 Euro. Eine Ausweitung der Maßnahme, so Strobl, sei aber nicht beabsichtigt.

Allerdings: Die von Strobl erwähnte Umsetzung der Präventionsmaßnahmen ist in die Jahre gekommen – genauer gesagt: sie ist inzwischen zehn Jahre alt. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) höchstpersönlich hatte im Juni 2013 die frisch aufgemalten Richtungspfeile an den Auf- und Abfahrten mit einem Gasbrenner schnellgetrocknet. Eine Maßnahme, die anschließend als Vorbild für alle 151 Anschlussstellen von Autobahnen und Bundesstraßen im Land angeordnet wurde.

Doch mit den Jahren ist sozusagen der Lack ab. Die Pfeile sind vielerorts nicht mehr zu erkennen. Etwa an der A-8-Anschlussstelle Neuhausen oder  an der Auffahrt der B-27-Anschlussstelle Filderstadt-Ost Richtung Stuttgart. Hat das Verkehrsministerium etwa nicht auf die Instandhaltung der Pfeilmarkierungen geachtet?

Abgenutzte Pfeile: Verzögerungen bei Erneuerung

„Sämtliche Aufgaben der betrieblichen Unterhaltung von Autobahnen des Landes sind gesetzlich auf die Autobahn GmbH übergegangen“, erklärt Ministeriumssprecher Edgar Neumann. Und die Pfeilmarkierung an den autobahnähnlich ausgebauten Bundesstraßen würden von den unteren Verwaltungsbehörden, sprich Landratsämtern, verantwortet. Bei Streckenkontrollen würden Defizite dokumentiert. „Es kann aber zu Verzögerungen bei der Erneuerung kommen“, so Sprecher Neumann. Dies sei häufig auf die hohe Auslastung der Fremdfirmen zurückzuführen.

Das Thema drängt. Laut einer Studie der Unfallforschung der Versicherer sind 48 Prozent der Falschfahrer älter als 65 Jahre, immerhin 41 Prozent älter als 75. Doch Gefahren durch Falschfahrer sind nicht nur eine Frage hohen Alters. Für Unfallforscher Siegfried Brockmann ist nicht weniger alarmierend, dass 40 Prozent, und da vor allem Jüngere, ganz bewusst falsch fahren. Etwa mit Wendemanövern bei Staus oder Sperrungen, wie in Leonberg oder Leutenbach.

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