Grüner kam nicht zu Wort Liberale singen Loblied auf E-Fuels

Pochen in vollem Haus auf „Fakten statt Fantasie“ (v.l.): Friederich Haag (FDP), Thomas Koch (KIT), Michael Ziegler (ZDK) und Norbert Haug (früher Mercedes-Benz). Foto: /Stefanie Schlecht

Auf einer Podiumsdiskussion der FDP-Landtagsfraktion in einer Böblinger Oldtimer-Werkstatt preisen prominente Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft synthetische Kraftstoffe als Heilmittel für die hiesige Autoindustrie. Kritische Nachfragen waren nicht erwünscht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Man sei als FDP gerne dort, wo es ein wenig nach Motoröl und Schweiß riecht, sagte der Landtagsabgeordnete Christian Jung zum Auftakt der Podiumsdiskussion rund um E-Fuels in Böblingen. Die Veranstaltung fand am Montagabend in der Classic Car Lounge des Unternehmers Klaus Hagenlocher auf der Hulb statt. Deutlich über 100 Zuhörer nahmen in den Stuhlreihen Platz neben Oldtimern der Marke Jaguar, Aston Martin und – natürlich – Mercedes. Automobile Prunkstücke der Vergangenheit standen Pate für die Debatte um mögliche Treibstoffe der Zukunft.

 

Wobei die Debatte keine so richtige war, denn bei den Diskutanten herrschte weitgehend Einigkeit, dass synthetische Kraftstoffe die Lösung vieler Probleme seien, die die deutsche Automobilindustrie derzeit so plagen. Auf dem Podium saßen der Ex-Motorsportchef von Mercedes-Benz, Norbert Haug, der Wissenschaftler Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Michael Ziegler vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) und der FDPler Friederich Haag.

Haug fordert „Verständnis für Mehrheiten“

Der Journalist Haug, der von 1990 bis 2013 die Motorsport-Aktivitäten von Mercedes-Benz leitete, legte gleich zu Beginn den Grundton fest, als er sagte: „Wir brauchen in unserer Gesellschaft ein Verständnis für die Mehrheiten und nicht nur für die Minderheiten.“ Schließlich seien nach wie vor weit über 90 Prozent aller Fahrzeuge auf den Straßen Verbrenner und nicht für jeden seien Elektroautos eine Alternative.

Am KIT forscht Thomas Koch seit Jahren intensiv an synthetischen Kraftstoffen und sieht diese zu Unrecht als „Champagner der Energiewende“ verunglimpft. Diese sogenannten E-Fuels verwandeln in aufwendigen Verfahren Kohlenstoffdioxid und Wasserstoff in Treibstoff. Sie können fossile Brennstoffe ersetzen und ohne Umbauten in herkömmlichen Verbrennungsmotoren zum Einsatz kommen. Nachteil: Noch ist die Herstellung sehr teuer. Die Bundesregierung schätzt den Literpreis momentan auf 4,50 Euro.

Düsteres Bild von deutscher Autoindustrie

Rechnerisch klimaneutral sind sie zudem nur, wenn der Strom zur Erzeugung aus erneuerbaren Energien stammt. Bisher existieren nur Pilotanlagen. ZDK-Vorstand Michael Ziegler zeichnete ein düsteres Bild von der deutschen Autoindustrie: „Im Jahr 2017 wurden in Deutschland noch 5,7 Millionen Fahrzeuge produziert, 2024 waren es noch 4,1 Millionen.“ Sei Volkswagen vor wenigen Jahren noch Marktführer in China gewesen, rangierten die Wolfsburger dort jetzt gerade noch auf Platz acht. Ziegler: „Nach einem E-Auto-Boom in Deutschland hat sich die Lage gedreht, die Aufträge für E-Autos gehen zurück.“ Er forderte eine stärkere Ausrichtung an den Kundenbedürfnissen, viele bräuchten ein Auto für unter 30 000 Euro. „Der durchschnittliche Listenpreis eines deutschen E-Autos liegt bei 50 060 Euro“, sagte er.

Norbert Haug sah die Diskussion im Land gar „von Dogmen gesteuert“. Wer nicht dem grünen Mainstream folge, werde in die Ecke gestellt. Er sei keineswegs gegen E-Mobilität oder das Fahrrad, wünsche sich aber, dass auch offen über weitere Zukunftstechnologien diskutiert wird. KIT-Forscher Koch ging noch weiter: „Ich halte es für eine echte Sauerei, dass es zu viele gibt, die es schaffen, gute Ideen zu zerreden.“ Gemeint war der synthetische Kraftstoff HVO100: Biodiesel, der aus Speiseöl oder Fettresten gewonnen wird, aber einen schweren Stand habe.

Kritische Nachfragen nicht erwünscht

So einhellig die Forderung nach einer Technologieoffenheit bei den Liberalen war, so wenig offen waren sie allerdings selbst für kritische Nachfragen. Im Publikum saßen nicht nur FDP-Wähler, sondern auch einige aus dem politischen Lager der Grünen. Einer von ihnen war Philipp Schmid aus Sindelfingen. Er meldete sich zum Beginn und am Ende lautstark und kritisch zu Wort – erteilt wurde es ihm zu keinem Zeitpunkt.

„Ich hätte erwartet, dass es eine reale Diskussion ist, dabei war es eine reine Werbeveranstaltung für E-Fuels“, sagt er und bemängelt vor allem das Schlechtreden der E-Autos. Außerdem habe er Zweifel an der Skalierbarkeit der E-Fuel-Produktion. Auf die Kritik angesprochen, sagt FPD-Politiker Hans-Dieter Scheerer, der Abend sei nicht als Diskussion mit dem Publikum angelegt gewesen. „Mit Blick auf die Uhr haben wir dann versucht, den geplanten Schluss von 22 Uhr einzuhalten.“ Man wolle aber daraus lernen und bei künftigen Veranstaltungen dieser Art „mehr Raum für offene Fragen ermöglichen“, sagt Scheerer.

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