FDP-Spitzenkandidat Brüderle Keine Bewegung, so dicht am Abgrund

Rainer Brüderles vorsichtige Strategie gefällt nicht allen in der FDP. Foto: dpa
Rainer Brüderles vorsichtige Strategie gefällt nicht allen in der FDP. Foto: dpa

Rainer Brüderle sagt im Wahlkampf viel über die Grünen, wenig über die FDP. Hinter seinem Rücken werden schon wieder Posten verteilt – auch seiner.

Berliner Büro: Thomas Maron (tm)
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Kiel - Er stürzt. Was nicht geschehen darf, ist geschehen. Rainer Brüderle am Boden, am Ende der Treppe zur Bühne. Ein Raunen geht durch den Saal im Mainzer Schloss, wo die FDP sich vor der Wahl noch einmal selbst feiern will. Man hilft ihm auf, und schon muss es weiter gehen, weiter, immer weiter, hin zum Rednerpult. „Ist nichts passiert, ist nur ein bisschen glatt“, sagt Brüderle und lächelt grimmig. Nochmal gut gegangen. Diesmal noch.

Bloß kein Bild mit Krücken. Diese Maxime wäre ihm in Mainz fast zum Verhängnis geworden. Kein Bild will er zulassen, das den Verletzten zeigt, der noch immer mit Schmerzen zu kämpfen hat. Mitte Juni hat sich Rainer Brüderle bei einem Sturz den linken Oberschenkel und die linke Hand gebrochen. Eine komplizierte Sache ist das, für einen 68-Jährigen zumal, ein Fall für die Reha. Aber die Zeit hat Brüderle nicht. Es ist Wahlkampf. Und er ist Spitzenkandidat seiner Partei, an der er hängt, deren Haltung er verteidigt – trotz allem. Im Januar haben sie ihn nach vorne geschoben. Sein Auftrag: eben mal die FDP retten.

Brüderle traut so gut wie keinem mehr über den Weg

Ein Mann auf Krücken passt nach Ansicht Brüderles nicht ins Bild. Er ist seit 40 Jahren im Geschäft, man kann ihm nichts vormachen. Nach außen vermittelt er nach wie vor das Bild eines lebensfrohen Gesellen. Brüderle sei mit sich im Reinen, heißt es in seinem Umfeld. Er sei außerordentlich misstrauisch geworden, sagen sie hingegen in der FDP jenseits des inneren Zirkels rund um seinen Büroleiter Carsten Jäger. Es sei kaum möglich, an ihn heranzukommen.

Auf dem Wahlkonvent der FDP geben sich beide harmonisch. Foto: dpa
Egal, ob sie Philipp Rösler, Guido Westerwelle, Christian Lindner oder Daniel Bahr heißen: Brüderle traut so gut wie keinem mehr über den Weg. In der FDP harren so viele offene Rechnungen darauf, beglichen zu werden, dass man Bücher damit füllen könnte. Oft war Brüderle mit von der Partie, mal als Opfer, mal als Profiteur. Der alte Fuchs weiß von den Spielchen, die hinter seinem Rücken schon wieder gespielt werden, er hat seine Zuträger. Der Fraktionschef nimmt interessiert zur Kenntnis, dass ihn einige nach der Wahl bei nächster Gelegenheit offenbar wie einen gebrauchten Waschlappen entsorgen wollen. Im Hintergrund werden schon wieder Posten vergeben. Es werden weniger sein, selbst wenn es für Schwarz-Gelb reicht. Brüderle ist deshalb einigen offenbar im Weg. Er könne ja Bundestagsvizepräsident werden, ist zu hören. Es kursiert das Gerücht, dass der ewig lauernde Daniel Bahr, der bei einer Neuauflage der Koalition um seinen Posten bangen müsste, mit dem Fraktionsvorsitz liebäugelt. Kann sein, dass dies böswillige Unterstellungen sind, aber Brüderle wäre der Letzte, der seinen Parteifreunden derlei Grobheiten nicht zutrauen würde. Auf die Unterstützung Röslers wird Brüderle nicht setzen, von ihm fühlt sich Brüderle mehrfach hintergangen. Aber auch der Pfälzer wird nicht mit offenen Karten spielen. Wer wollte in der FDP schon ausschließen, dass Brüderle nach einem glimpflichen Ausgang der Wahl Parteichef Rösler nötigt, ihm als Lohn der Qual wieder das Wirtschaftsressort zu überlassen, das Rösler ihm 2011 gegen seinen Willen entwunden hat.

Mitgefühl, das hat Brüderle erfahren, ist keine politische Kategorie. Erst recht nicht bei der FDP, bei der nur der Erfolg zählt und körperliche Gebrechen bedauerlich, aber kein dauerhafter Schutz vor Angriffen sind: also bloß kein Bild mit Krücken. Stärke zeigen, Kampfkraft. Von den Medien erwartet Brüderle ohnehin keine Fairness mehr. Er ahnte, wie emsig recherchiert worden ist, ob er denn betrunken gewesen sei an jenem Abend, an dem er sich nach einem Restaurantbesuch so schwer verletzte. Wo doch das Theaterstück, das er zuvor besucht hatte, zu allem Überfluss auch noch „Der fröhliche Weinberg“ hieß. Er war nüchtern – und selbst wenn er beim privaten Abendessen mit Frau und Freunden ein paar Gläser Wein getrunken hätte, wer hätte es ihm verübeln wollen? Aber er kämpft nun mal seit Jahren in Berlin gegen das Klischee, ein weinkundiger Pfälzer, der als Landesminister den regionalen Gepflogenheiten folgend jede Weinkönigin abschmatzte, müsse zwangsläufig ein Trunkenbold sein. Er findet zwar, dass da die Maßstäbe verrutscht sind, aber er beklagt sich nicht. Er versucht damit umzugehen. Hilft ja nichts.




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