FDP und Grüne punkten bei Erstwählern Die Wähler der Zukunft

FDP-Chef Christian Lindner kommt bei Jungwählern glänzend an. Foto: Imago-Images

Erstwähler haben überwiegend für FDP und Grüne gestimmt. Das ist kein Zufall. Die anderen Parteien sind überaltert. Politblogger erklären, wie man jüngere Menschen anspricht.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Berlin/Stuttgart - Die Attraktivität der FDP bei Erstwählern hat ein Gesicht. Und das ist ausnahmsweise nicht das Gesicht des Parteichefs. Obwohl auch Christian Lindner bei jungen Menschen sehr populär sei, meint der Hamburger Blogger Bendix Hügelmann (politicalinfluencers.de). Er habe als erster Politiker entdeckt, dass man sich für diese Zielgruppe als persönliche Marke etablieren müsse. „Experimentierfreudigkeit und eine optimistische Nutzung sozialer Medien zahlen sich da aus“, sagt Hügelmann. „Das hat Schule gemacht. Robert Habeck ist heute ähnlich unterwegs.“

 

Ein älterer Ex-Manager geht viral

Die bekannteste politische Marke bei dem Videoportal Tiktok ist der Liberale Thomas Sattelberger, seit 2017 für die FDP im Bundestag und eben wiedergewählt. Der Mann ist schon 72, hat aber unter Kollegen aus allen Parteien die meisten Follower: fast 150 000. Er hat knapp drei Millionen Likes verbucht. Sattelberger, aufgewachsen in Stuttgart, hat früher als Spitzenmanager bei diversen Konzernen gearbeitet, für die Telekom die Frauenquote eingeführt. Entscheidend sei es, die „Dynamik“ der Kommunikation mit jungen Leuten zu verstehen, sagt er: „Dazu musst du Musik- und Bewegungstrends früh aufspüren.“ Seit 2016 lässt er sich von Jugendlichen beraten, trifft sich einmal wöchentlich mit ihnen zu neuen Aufnahmen. Sein Podcast „Schräg im Stall“ hat mehr als 10 000 Abonnenten. Da streitet er mit dem Klimaaktivisten Fabian Grischkat, der aussieht wie Rezo – seine Haare sind auch blau gefärbt. „Wenn du nicht mutig unbekannte Territorien betrittst“, sagt der FDP-Mann, „sind deine Chancen null.“

Zu langweilig: die Accounts der großen Parteien

2,8 Millionen Bundesbürger durften am vergangenen Sonntag zum ersten Mal wählen. Jeweils 23 Prozent haben für die FDP und die Grünen gestimmt. Das hat auch strukturelle Gründe. Grüne und FDP sind die jüngsten Parteien. Der Altersdurchschnitt der Mitglieder beträgt bei den Grünen 48, bei der FDP 51 Jahre. Bei Union und SPD liegt er über 60. Nur 5,6 Prozent der CDU-Mitglieder sind unter 30. Bei den Grünen sind es 17,8 Prozent, bei den Liberalen 17,2. Der offizielle FDP-Account bei Instagram hat 147 000 Abonnenten, der der Grünen sogar 213 000 – mehr als doppelt so viele wie der der CDU. Auf dem schwarzen Kanal werden aber auch Botschaften versendet, die junge Leute kaum interessieren dürften. Zum Beispiel: „Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag, lieber Edmund Stoiber!“

„Sehr viel langweiliges Zeugs“ findet der Blogger Hügelmann bei den Accounts der Parteien. Damit ließen sich Erstwähler nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Dabei hätten soziale Netzwerke wie Instagram den Parteien „völlig neue Möglichkeiten der Wahrnehmung von Politik“ eröffnet.

Es gehe dort allerdings darum, „in verständlicher Sprache den persönlichen Alltag mit politischen Botschaften zu vermengen und sich so selbst zu kultivieren“. So wie Thomas Sattelberger. „Damit schaffen sie ein niedrigschwelliges Kommunikationsangebot“, sagt Bendix Hügelmann, „das anschlussfähig an die Erlebniswelt junger Menschen ist.“

Die meisten Parteien nutzten diese Möglichkeiten nur ungenügend. Der politische Influencer warnt: „Eine auf junge Leute ausgerichtete Kommunikationsstrategie gleicht einem Marathon. Das ist nichts, was sich mal kurz vor der Wahl hochfahren lässt.“

Muss Spaß machen: Politarbeit auf Tiktok

Die Attraktivität von FDP und Grünen beim Wählernachwuchs ist für Tomma Profke keine Überraschung. Sie hat mit ihrem „Team Tomorrow“, einer überparteilichen Organisation, Veranstaltungen für Jungwähler in Stuttgart organisiert. „Das Thema Klima haben alle auf dem Schirm“, sagt sie. So erklärt sich der Zuspruch der Grünen.

Bei Juniorwahlen für Schüler unter 18 habe die FDP am besten abgeschnitten. „Das scheint für Jugendliche eine interessante Partei zu sein“, sagt Profke. Sie gelte als „nicht so verbrannt“. Die FDP betreibe eine jugendgerechte Arbeit mittels sozialer Medien. Da müsse die Kommunikation über Politik „kurzweilig und niederschwellig“ sein.

So wie in Thomas Sattelbergers Videoschnipseln bei Tiktok. Ein Geheimtipp des Politbloggers im Pensionsalter lautet: „Ohne Spaß kannst du’s bleiben lassen. Die müssen merken, dass du selbst wirklich Freude an dieser Kommunikation hast.“ Im Wahlkampf hätten ihn viele junge Leute an seinem FDP-Stand angesprochen: „Ah, Sie sind doch der Tiktoker!“

Weitere Themen