Fehlende Erntehelfer wegen Coronavirus Bei frischem Gemüse drohen Engpässe

Von und Christiane Rebhan 

In den Läden sind die Gemüseregale leergeräumt. Nun sorgen sich die Bauern um die nächste Ernte – wegen der geschlossenen Grenzen. Die Landwirtschaftsverbände fordern für die Erntehelfer kurzfristige Ausnahmen.

In den vergangenen Jahren beschäftigten die Spargelbauern im Südwesten – hier im nordbadischen Hockenheim – viele Erntehelfer aus Ost- und Südosteuropa Foto: dpa/Silas Stein
In den vergangenen Jahren beschäftigten die Spargelbauern im Südwesten – hier im nordbadischen Hockenheim – viele Erntehelfer aus Ost- und Südosteuropa Foto: dpa/Silas Stein

Hardthausen am Kocher - Noch am Dienstag hat Ingo Ehrenfeld versucht, seine wichtigsten Mitarbeiter einzufliegen, aber selbst dabei hat ihm Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht: Die rumänischen Erntehelfer durften nicht mehr nach Deutschland reisen. Der Obst- und Spargelbauer ist ratlos, in spätestens einer Woche braucht er 30 Erntehelfer auf den Spargelfeldern rund um Hardthausen (Kreis Heilbronn) – zum Ernten, Abdeckungen prüfen und um die Ernte vor Frost zu schützen. „Wir brauchen diese Leute unbedingt.“

Alle seine Stammmitarbeiter wollen gerne kommen, die Arbeitsverträge liegen bereit. Doch die Kernbelegschaft sitzt in Rumänien in Quarantäne – sie wurden abgefangen als sie aus Deutschland zum Urlaub nach Hause gereist sind. „Ich überlege jetzt selbst zu fahren mit einem Kleinbus über Slowenien, aber da ist die Unsicherheit, ob ich einreisen dürfte, um sie abzuholen“, sagt Ehrenfeld. Die Sorgen des Hofinhabers gehen über seine eigene Existenz hinaus: „Wenn ich ein Jahr keinen Spargel absetze, wird das schwierig, aber ich kann es überleben. Aber meine Kollegen haben dasselbe Problem.“ Wenn die Kunden keinen Spargel bekämen, wichen sie auf anderes Gemüse oder Obst aus, was eine Kette in Gang setzen würde, weil dann das nächste Produkt knapp werden würde. „Die Essensmenge pro Tag bleibt ja gleich“, prognostiziert der Landwirt.

Klöckner will Beschäftigte aus der Gastronomie auf die Felder schicken

Den Vorschlag von Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU), Beschäftigte aus der Gastronomie auf die Felder zu schicken, findet er nicht schlecht, gibt aber zu bedenken: „Unsere Erntehelfer wohnen in zwei Häusern, sind zum arbeiten in Deutschland und bleiben in ihrer Gruppe“, das sei aus der Sicht des Infektionsschutzes besser als Gastromitarbeiter, die jeden Abend zurück in ihre Heimatorte fahren würden. Ehrenfeld hofft auf schnelle Lösungen aus dem Bund, damit „nicht nach der Coronakrise eine Nahrungsmittelknappheit folgt“.

Der Deutsche Bauernverband hat auch am Mittwoch eine für die Bevölkerung beruhigende Mitteilung veröffentlicht: „Unsere Bevölkerung kann auch in schwierigen Zeiten mit hochwertigen Lebensmitteln versorgt werden. Hamsterkäufe sind nicht notwendig“, twitterte der von Joachim Rukwied geleitete Verband. Gleichwohl befürchten auch der Bauernverband und Agrarverbände wegen des Ausbleibens von ausländischen Saisonarbeitern, dass es in Zukunft bei der Ernte Ausfälle geben und das könnte zu Engpässen bei frischem Obst und Gemüse aus Deutschland führen könnte – wenn die Politik nicht handelt. In einem Brief an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) verlangen sie am Mittwoch „kurzfristige Ausnahmen“ bei einigen Regeln. Sie seien notwendig, „um dringende, für die Lebensmittelversorgung erforderliche Arbeiten erledigen zu können.“

Konkret wird eine Anpassung des Arbeitszeitgesetzes mit einer Verlängerung der täglichen und wöchentlichen Höchstarbeitszeiten und einer Verkürzung der Ruhezeiten verlangt. Außerdem solle es eine Anhebung der Entgeltgrenze für eine geringfügig entlohnte Beschäftigung geben. Zudem mahnt die Branche auch eine Verbesserung der Hinzuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslose, Asylbewerber, Bezieher von Kurzarbeitergeld oder einer vorzeitigen Altersrente an. Diesen Personenkreis wollen die Gemüse- und Obstbauern ersatzweise als Helfer gewinnen. Auch solle es einen „erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt für Arbeitskräfte aus Drittstaaten“ sowie eine Lockerung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes geben, um Zusammenarbeit zwischen Betrieben zu erleichtern.

In Baden-Württemberg werden für die Spargelernte fast 6000 Helfer benötigt

Die Verbände wandten sich außerdem an Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) mit der Bitte, die Anreise der ausländischer Saisonarbeiter vor allem aus Rumänien und Polen sicherzustellen – etwa durch Transitkorridore. In Baden-Württemberg werden allein für die Spargelernte fast 6000 Helfer benötigt, für die Erdbeerernte sind es 27 000. Ein Drittel habe schon abgesagt, ob der Rest komme, das wisse man nicht, hieß es aus Verbandskreisen.

Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) betont unterdessen das Bemühen der Politik, Erntehelfern weiter eine Einreise zu ermögliche: „Es gibt hier spezielle Formulare, die die Betriebe den Helfern aushändigen können, damit diese problemlos einreisen können“, sagt Kaniber am Mittwoch. Die ausländischen Arbeiter treibt dabei aber auch die Sorge um, dass sie nach ihrem Einsatz in Deutschland nicht mehr in ihre Heimatländer einreisen dürfen.

Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeerbauern sagte, dass bei vielen Betrieben „die pure Existenzangst“ bestehe. Und er widersprach den Äußerungen von Agrarministerin Julia Klöckner, dass es keine Engpässe geben werde: „Das mag für Mehl und Nudeln zutreffen, bei frischem Gemüse stimmt es absolut nicht.“