Stuttgart und die Region Das ist die Feinstaub-Bilanz der Saison 2017/2018

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Seit einem halben Jahr wertet unsere Redaktion die Daten von hunderten Feinstaub-Messgeräten in der Region Stuttgart aus. Das sind die Ergebnisse.

Hunderte selbst gebaute Geräte messen permanent den Feinstaub in der Region Stuttgart. Foto: Opel
Hunderte selbst gebaute Geräte messen permanent den Feinstaub in der Region Stuttgart. Foto: Opel

Stuttgart - „Das Thema Feinstaub am Neckartor könnt ihr euch langsam abschminken“, hat der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn jüngst im Interview mit unserer Zeitung gesagt. Tatsächlich wurde der EU-Grenzwert an Deutschlands feinstaubstärkster Kreuzung zwischen Mitte Oktober und Mitte April „nur“ 23-mal überschritten, wie Messungen der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) ergeben haben. Zugleich war die am 15. April zu Ende gegangene Feinstaubalarm-Saison die erste, in der dank des Feinstaubradars unserer Zeitung flächendeckend auch abseits der besonders belasteten Hauptstraßen gemessen wurde. Können sich die Bürger der Region Stuttgart das Feinstaubproblem tatsächlich abschminken?

Rund 250 der vom OK Lab Stuttgart entwickelten und von Bürgern an ihren Wohnhäusern angebrachten Sensoren in der Stadt und mehr als 500 in der Region ermitteln minütlich die Feinstaubbelastung. Sie tun dies bei Weitem nicht so genau wie die Geräte der LUBW, aber dafür hängen sie fast überall: 42 Stück in Stuttgart-West, 16 in Ludwigsburg und 12 in Stuttgart-Mitte, unweit des Neckartors. Die Daten werden im Feinstaubradar unserer Zeitung gespeichert und live veröffentlicht. Das Ergebnis: Ja, man kann sagen, dass das Feinstaubproblem weitgehend gelöst ist – zumindest wenn man auf die Grenzwertüberschreitungen schaut. Selbst die Geräte in Stuttgart-Mitte haben nur an wenigen Tagen im Winterhalbjahr mehr als die von der EU erlaubten 50 Mikrogramm je Kubikmeter Luft gemessen.

Außerdem im Video: Was ist Feinstaub eigentlich? Wo liegt der Unterschied zu Stickoxid? Sehen Sie die zehn wichtigsten Fakten im Video.

Zwar sind die von den Sensoren gemessenen absoluten Feinstaubwerte mit Vorsicht zu genießen, wie eine am Leipziger Institut für Troposphärenforschung durchgeführte Vergleichsmessung der OK-Lab-Sensoren mit einem Referenzgerät ergab. Größere Ausschläge der Feinstaubbelastung bilden die Geräte aber weitgehend zuverlässig ab, wie der Abgleich mit den LUBW-Messgeräten am Neckartor und am Arnulf-Klett-Platz ergibt. Somit darf angenommen werden, dass die Luft etwa im Kernerviertel ­bereits wesentlich weniger mit Feinstaub belastet ist als am Neckartor selbst.

Als Argument für einen neuen Standort des LUBW-Sensors an der Feinstaubkreuzung, wie er immer wieder von Politikern gefordert wird, taugt dieses Ergebnis allerdings nicht. Denn während die LUBW vorschriftsgemäß an der Stelle mit der dreckigsten Luft zu messen hat, hängen die einfachen Geräte da, wo interessierte Bürger wohnen – und die messen nicht mit amtlichem Auftrag, sondern in eigener Sache.

Saharastaub nicht erkannt

Die günstigen Messgeräte Marke Eigenbau sind auch keineswegs perfekt. Wenn vor allem relativ große Staubpartikel in der Luft sind, versagt der Sensor. Als Ende November Saharastaub in der Stuttgarter Luft war und nicht gleich nicht weggeblasen wurde, wies die Messstelle am Neckartor einen Feinstaubwert von (sehr hohen) 74 Mikrogramm aus. Auch am Arnulf-Klett-Platz schoss der Wert nach oben. Die OK-Lab-Sensoren im Stadtbezirk Mitte konnten diese Stäube nicht erkennen und meldeten sehr niedrige Werte.

Eine Erkenntnis: Im Stuttgarter Norden und Osten häuften sich im Winterhalbjahr die relativ hohen Werte. Auch wenn man eine gewisse Ungenauigkeit mitdenkt, meldeten die OK-Lab-Sensoren hier Werte, die in Richtung jener 20 Mikrogramm Feinstaub lagen, die von der Weltgesundheitsorganisation als gerade noch unbedenkliche langfristige Belastung eingestuft werden. Auch in Leonberg, Esslingen und im Kreis Göppingen wurden diesen Winter um die oder mehr als 20 Mikrogramm beobachtet. Dass diese Werte nicht völlig danebenliegen, zeigt der Abgleich mit den LUBW-Stationen in Bernhausen, Ludwigsburg und Bad Cannstatt. Diese messen wie die OK-Lab-Geräte in Wohngebieten und ermittelten im Winterhalbjahr jeweils einen Mittelwert von knapp 16 Mikrogramm Feinstaub.

Nach einem halben Jahr Feinstaubradar lässt sich sagen, dass die Luft in Stuttgart im Großen und Ganzen in Ordnung ist. Manch einer mag das geahnt haben; dank der Millionen Messdaten, die in den vergangenen sechs Monaten angefallen und von unserer Zeitung aufgezeichnet und analysiert worden sind, besteht darüber nun etwas mehr Gewissheit. In diesem Zeitraum erhöhte sich die Zahl der Feinstaubmessgeräte in der ­Region Stuttgart übrigens von 300 auf jetzt mehr als 750. Sie messen auch nach dem ­Ende der Feinstaubalarm-Saison weiter, die Werte veröffentlichen wir weiterhin im Netz.

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