Fernsehkoch Nelson Müller Kässpätzle und Maniokbrei

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Er steht als Fernsehkoch am Herd. Nebenbei macht er erfolgreich Soulmusik. Groß geworden ist Nelson Müller in einer Stuttgarter Pflegefamilie.  

Ganz oben: Nelson Müller, der in Stuttgart groß wurde, auf einem Berg Grombiera. Foto: Zabert Sandmann/Mario Andreya
Ganz oben: Nelson Müller, der in Stuttgart groß wurde, auf einem Berg Grombiera. Foto: Zabert Sandmann/Mario Andreya

Stuttgart - Wenn man Nelson Müller fragt, was er mit Stuttgart verbinde, braucht der Sternekoch und Sänger nicht lange nachzudenken. "Viele schöne persönliche Erinnerungen", sagt er. Außerdem gebe es ein unheimlich hohes Niveau in etlichen Bereichen. "Die Schwaben wollen halt immer das Beste, die lassen nicht nach."

Müller sitzt bei einer Tasse heißem Kräutertee in einem Lokal am Frankfurter Mainufer, im Hintergrund proben schon die Musiker, mit denen er an diesem Abend eine Veranstaltung des Kollegen Alfons Schuhbeck untermalt. Und danach will er ja auch noch sein eigenes Kochbuch präsentieren. So locker und hochkonzentriert eben, wie er in Sendungen wie "Die Küchenschlacht" oder "Lanz kocht" als Entertainer auftritt, während er gleichzeitig handwerklich perfekt eine gefüllte Entenbrust zubereitet.

Leibliche Familie zog zurück nach London

Er ist in Plieningen aufgewachsen. "Mit der U3 und U6 konnte man gut über Vaihingen in die Stadt fahren, andererseits waren da die Fildern, wo noch Trecker durch die Dörfer gerollt sind", sagt er. Aber vor dieser Stadtrandexistenz, die begann, als er vier Jahre alt wurde, hatte er bereits ein anderes Leben hinter sich. In dem hieß er Nelson Nukator und kam mit seinen Eltern von Ghana über Rom und London an den Neckar. Beide Erfahrungswelten zusammen machen den 33-Jährigen wohl heute aus, er hat sich dieser komplizierten Konstellation immer wieder stellen müssen. Vielleicht spricht er deshalb auch oft von Klarheit, die ihm wichtig sei, in der Küche und anderswo, von Authentizität, und, ja, von Dankbarkeit.

"Meine Eltern mussten sich damals erst zurechtfinden", sagt er, "sie haben in Deutschland ein neues Leben angefangen." Ihren Sohn gaben sie in Tagespflege und dann für unbestimmte Zeit zu Familie Müller. Dort bleib er schließlich auf Dauer, während die leibliche Familie zurück nach London zog. Inzwischen sucht Nelson Müller wieder den Kontakt, eine langsame Annäherung in einer nicht unkomplizierten Eltern-Sohn-Beziehung. Nelsons sicherer Hafen in einer unruhigen Kindheit wurde die Familie Müller - die warmherzige, patente Mutter aus Norddeutschland, der einfühlsame Vater aus Franken sowie drei ältere Schwestern. "Das war nicht immer nur einfach. Irgendwann haben die Kinder im Kindergarten mir halt klargemacht, dass ich anders aussehe. Und ich wünschte mir durchaus manchmal, auch weiß zu sein."

Dass er trotz allem eine große Ruhe in sich spüre, habe mit der Liebe und Unterstützung zu tun, die er von seiner Pflegefamilie bekam, "vor allem von meiner Mutter", sagt er und lächelt. "Ihr Dasein, ihr Immer-für-mich-da-Sein" habe ihm einen Boden für sein Leben geschaffen. Ein Glücksfall sei das wohl für beide Seiten gewesen: "Meine Pflegeeltern sagen immer: ,Wir sind froh, dass du unser Sohn bist."' Und er ist froh über alles, was er mit ihnen erleben durfte. Die Müllers besuchten Theater, einmal in der Woche ging es zum Einkaufen in die Markthalle. "Ich bin glücklicherweise in eine Familienkultur aufgenommen worden, in der die kleinen und die positiven Dinge des Lebens eine wichtige Rolle gespielt haben." Stäffele steigen, lange Spaziergänge im Körschtal oder zur Solitude - "das sind Dinge, die eine Schönheit haben, und wenn man das seinen Kindern vermittelt, dann ist das glaube ich Reichtum".


Reichtum, das war in der christlich geprägten Familie auch, mit dem Vater frisches Gemüse im Schrebergarten zu ernten, neben dem türkischen Nachbarn Atif, der Riesenradieschen kultivierte. Reichtum war, mit der Mutter das Essen zuzubereiten, im Wettstreit mit der jüngsten Schwester, die es auch schon früh an den heimischen Herd drängte. Natürlich gab es Lob, wenn der Junge für alle kochte und backte. Viel Applaus bekam er auch, wenn er zur Gitarre seine Pfadfinderlieder sang. Die Musik, daheim die Domäne von Vater Müller, zu dessen Klavierspiel Nelson noch heute manchmal die Flöte bläst, ist neben dem Kochen seine zweite große Liebe geworden. Soul, die Seele, spiele beim Musizieren wie auch beim Kochen eine sehr wichtige Rolle für ihn, sagt er. Ebenso Werte wie "Durchhaltevermögen" und "Verantwortungsbewusstsein", das habe er in seinem schwäbischen Umfeld gelernt.

Was in seinen Jugendjahren schnell dazu führte, dass er von der Lehrstelle, die er zunächst im Stuttgarter Hotel Fissler Post angetreten hatte - "mich hat gleich die kreative Seite fasziniert, das Anrichten" -, weiterempfohlen wurde in Holger Bodendorfs Sylter Lokal Veneto. "Das war nicht leicht mit 17 Jahren, ich war wirklich verwurzelt in Stuttgart. Ich ging nach der Arbeit in die Clubs und war in der Hip-Hop-Szene unterwegs, da waren Max Herre und Die Fantastischen Vier, eine tolle Gemeinschaft", erinnert er sich. Aber an der Nordsee habe er dann die Grundlagen seines Handwerks gelernt, die Geheimnisse der mediterranen Sterneküche, die seine Arbeit bis heute prägt.

Er will mit seinen Gerichten Geschichten erzählen

Von dort aus ging es über Lutz Niemanns Orangerie am Timmendorfer Strand in Henri Bachs Essener Résidence. Schon während dieser Zeit hatte er begonnen, nebenbei in Bands zu singen, und so gestattete er sich nach sechs Jahren in der Sternegastronomie eine Pause, trat auf Festivals auf, organisierte Partys in Clubs und musikalische Abende. 2007 kehrte er wieder zurück an den Herd, wurde das erste Mal in die Sendung "Kerner kocht" eingeladen. Der Auftakt für seine Fernsehkarriere. Als 2008 ein Freund einen Partner für seine neu gegründete Kochschule suchte, sprang er ein und organisierte so erfolgreich Kochevents für Erwachsene und Kinder, dass er bald in Essen sein erstes eigenes Lokal Die Schote eröffnen konnte. "Das", sagt er, "gibt mir ein Gefühl von Stolz, das habe ich immer noch nicht ganz realisiert."

Gerade hat er für seine Arbeit einen Michelin-Stern zugesprochen bekommen, obwohl er auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzt, "da fehlt einem vielleicht manchmal die Leichtigkeit zum Kreativsein". Aber er möchte das schaffen, "ich lege ja jetzt die Grundlagen für mein weiteres Leben", sagt er. Und wie das aussehen wird, hängt ganz sicher auch von der Besonderheit seines Essens ab.

Was seine Küche prägt? Sein erstes Kochbuch, in dem er auch Persönliches, Erinnerungen und Fotos preisgibt, hat er jedenfalls nach den Stationen seines Lebens aufgebaut. Auf Kindheitsleibgerichte wie Reisauflauf folgen die afrikanische Chicken Light Soup mit Okraschoten und Maniokbrei und einige Schote-Highlights wie Wolfsbarsch mit Linsen, Artischocken und Salbei. "Bei mir", sagt er, "ist ja von allem so ein bisschen drin. Ich habe klassische Küche gelernt, bin aber auch für moderne Sachen zu haben." Mit seinen Gerichten versuche er, Geschichten zu erzählen, sagt Müller. Kässpätzle ("des gohd richtig guad nei") sind nach wie vor sein Leibgericht, und auch die Maultaschen aus dem Kochbuch - mit Spinatfüllung, geschmälzten Zwiebeln und Morchelrahmsauce - gehören unverkennbar zu seiner schwäbische Ära. Als Dessert könnte sich dazu geeister Grog mit roter Grütze und Windbeutel mit Akazienhonigsahne fügen, eine typische Nelson-Müller-Komposition "mit allen geschmacklichen und texturmäßigen Komponenten - norddeutsch wie meine Mutter".

Nelson Müller: Meine Rezepte für Body and Soul. Zabert Sandmann Verlag, München. 160 Seiten plus CD mit drei selbst komponierten Liedern, 19,95 Euro.

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