Für elf Tage bestimmen die Jazz Open den Rhythmus der City. Das Festival ist mehr als ein Spitzentreffen der Stars. Ein Rundgang zwischen Musikpavillon und Altem Schloss, wo man Politiker und Legenden trifft.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Den aus London angereisten Mann mit der Brille und den wenigen Haaren auf dem Kopf kennen nur die Insider der Musikbranche. Im oberen Arkadengang des Alten Schloss sitzt Paul Loasby auf einem weißen Hocker an der Balustrade und ist begeistert von dem, was er sieht und hört.

 

Der Manager etlicher Weltstars wie David Gilmour und einst Pink Floyd gerät ins Schwärmen. „What a place!“, ruft er begeistert aus, „i love the venue.“ Er liebt den Veranstaltungsort der Jazz Open, den einstigen Fürstensitz. Mit dem britischen Pianisten Jools Holland, der mit dem Rhythm & Blues Orchestra im ausverkauften Schlosshof das Publikum verzaubert, ist Loasby angereist.

Die steinerne Festung, in der noch bis Montag der Jazz seine Vielfalt präsentiert, entspricht äußerlich weitgehend dem Residenzschloss der Reformationszeit. Jürgen Schlensog, der Promoter des Festivals, bespricht mit dem legendären Musikmanager, ob dieser seinen nun 77-jährigen Schützling David Gilmour nicht noch mal nach Stuttgart entsenden mag. Das wäre nicht nur musikalisch ein Gewinn. Bevor der einstige Pink-Floyd-Gitarrist und -Sänger 2016 bei den Jazz Open spielte, waren alle Karten online nach zehn Minuten weg.

Roland Baisch überzeugt bei seiner Jazz-Open-Premiere

Doch auch mit heimischen Künstlern kann Schlensog im Alten Schloss sein fachkundiges Publikum begeistern. Roland Baisch aus Korntal feiert vor Holland seine Jazz-Open-Premiere mit seiner Band Count Baischy. All die Jahre hat er von einem Auftritt bei diesem Festival geträumt, jetzt endlich wird’s möglich im „Schlossinnenhof“, was er als Genderwort entlarvt. Nebenbei erzählt der 67-Jährige einen Witz. Kommt ein Jazzmusiker zum Arzt. Dieser eröffnet ihm, dass er nur noch drei Monate zu leben hat. Der Jazzer schreit auf: „Wovon denn?“

Gute Leute sollen gut leben! „Wir haben in Stuttgart und in der Region ganz tolle Musikerinnen und Musiker“, sagt Schlensog. Die will er bei den Jazz Open in den Fokus stellen. Das Festival feiert für elf Tage die Urbanität – die Bühnen befinden sich auch dort, wo man sie nicht vermutet und wo der Eintritt frei ist. Free Jazz ist das nicht unbedingt, aber Jazz für free allemal.

Das private Festival finanziert sich ohne einen Cent an Zuschuss auf den Hauptbühnen selbst. Öffentliche Förderung gibt’s für die Eintritt-frei-Konzerte im Musikpavillon an der Königstraße, im Kunstmuseum, in der Kirche St. Eberhard und im Stadtpalais. Talente freuen sich, Teil der Jazz Open zu sein – und Menschen, die nie Karten fürs Festival kaufen würden, werden herangeführt an den Zauber dieser Musik. Die Brass Brothers aus Tübingen hau’n voll rein – mit dem Herz in der Hand und dem Blech im Mund. Vor dem Pavillon der Einkaufsmeile bleiben immer mehr Passanten stehen, tanzen, klatschen, filmen mit dem Handy. Gute Laune steckt an.

Eine Ministerin und ein Minister waren schon da

Die Jazz Open sind mehr als Jazz und mehr als Superstars, für die stets erst die teuren Karten verkauft werden. Stehplatzkarten dagegen gibt es noch für den Ehrenhof (von Deep Purple am 18. Juli bis zu Simply Red am 23. Juli). Im Alten Schloss sind alle 1200 Plätze stets ausverkauft. Auch die Politik schaut gern rein. Unter den Gästen waren bisher Kunstministerin Petra Olschowski und Innenminister Thomas Strobl.

Beim Heimspiel der Fantastischen Vier am Mittwoch gibt’s eine Premiere: Cindy Klink wird die Songs für Gehörlose in Gebärdensprache interpretieren. Das Ereignis wird für Arte aufgezeichnet. Jetzt bestimmt das Festival den Rhythmus der Stadt.