Ein Mensch liegt wochenlang tot in seiner Wohnung, weder von Verwandten noch Nachbarn vermisst. Eine Frau wird nach sechs Tagen noch lebend gefunden. Die Feuerwehren sind immer häufiger mit solchen Situationen konfrontiert.

Ditzingen - Nach sechs Tagen kam die Rettung: Fast eine Woche lang hatte eine alte Dame in ihrer Wohnung auf dem Boden gelegen. Allein, irgendwann unfähig, um Hilfe zu rufen. Die Seniorin wurde letztlich gefunden. Nachbarn hatten in dem Mehrfamilienhaus in Ditzingen Verdacht geschöpft, nachdem ein Päckchen tagelang unberührt vor der Tür der 85-Jährigen gelegen hatte.

Immer häufiger müssen Feuerwehren hilflose Personen retten

Die Frau lebte, sie sei von den den Einsatzkräften gerettet worden „wie ein rohes Ei“, sagt der Sprecher der Ditzinger Feuerwehr, Andreas Häcker. Im höheren Lebensalter sei die Situation für eine Person schon ernst, wenn sie zwei Tage in der Wohnung liege. Unter anderem, weil sie in dieser Zeit nichts trinke und völlig austrockne.

Dreimal binnen weniger Tage war die Ditzinger Feuerwehr in diesem Monat zu Personen in hilfloser Lage gerufen worden. Laut Häcker werde die Ditzinger Wehr im Schnitt zwei bis drei Mal im Monat aus diesem Grund alarmiert. In zwei Drittel der Einsätze bestätige sich der Verdacht. Für drei Menschen war laut Häcker 2021 jede Hilfe zu spät gekommen.
In Ditzingen steigt die Zahl der Notfalltüröffnungen. Die ersten zehn, 15 Jahre seiner nunmehr 40-jährigen Tätigkeit für die Feuerwehr, hätte es keine Türöffnung gegeben, sagt Andreas Häcker.

Monatlich etwa 60 Einsätze im Kreis Ludwigsburg

Eine deutliche Sprache sprechen auch die Einsatzzahlen für den Landkreis Ludwigsburg: Im Oktober waren es 65, im November 75, im Dezember wurden bisher 24 Einsätze registriert. Bei zehn bis 15 der im Schnitt monatlich 60 Einsätze der Notfalltüröffnung käme jede Hilfe zu spät, sagt der Kreisbrandmeister Andy Dorroch.

„Der Trend ist eindeutig erkennbar“, sagt Häcker – ungeachtet vom sozialen Status, ungeachtet auch der Größe der Kommune. Ähnliches berichtet der Hemminger Feuerwehrkommandant – wenngleich laut Marco Spera die Zahl der Notfalltüröffnungen in der Gemeinde in den vergangenen Jahren stabil sei: im Schnitt 15 pro Jahr. Spera sagt, es sei vorstellbar, dass im ländlichen Raum das Nachbarschaftsgefüge zum Teil enger sei als in größeren Kommunen.

Nachbarn werden misstrauisch wegen unerledigter Kehrwoche

In mehr als 90 Prozent der Fälle benötigt die Person laut Spera dann auch Hilfe. Das gehe vom Pflasterkleben bis zur Reanimation. Zwei Menschen waren in den vergangenen drei Jahren bereits tot. „All das gab es schon immer“, sagt der Feuerwehrmann, der aber feststellt: Ältere Menschen gehen pandemiebedingt nicht mehr so oft raus. Das merke man zum Beispiel daran, dass sich der Papiermüll stapele. Gleichwohl würden in diesen Zeiten viele Menschen ihre Kontakte reduzieren. Doch auch schon vor Corona sei es vorgekommen, dass nach einem medizinischen Notfall der Patient bis zu einer Woche daliege, ehe Hilfe eintreffe.

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Und manchmal vergehen auch in Kleinstädten Wochen, bis jemand Alarm schlägt. In einem Fall habe ein Mann vier Wochen in seiner Wohnung gelegen, sagt der Feuerwehrmann Häcker aus Ditzingen. Nicht immer ist es der überquellende Briefkasten, der durchdringende Geruch, der Nachbarn aufmerksam werden lässt. Der Kreisbrandmeister Dorroch erinnert sich an einen Fall aus seiner Stuttgarter Dienstzeit, als Nachbarn misstrauisch wurden, weil die Kehrwoche nicht gemacht worden war.

So sehr sich die Einsatzkräfte auf eine Notfalltüröffnung vorbereiten können, so unvorhergesehen kann sein, was sie hinter der Tür erwartet: „Man hat über acht Varianten gesprochen, aber vielleicht ist es heute die neunte“, beschreibt Andreas Häcker ein gewisses Gefühl der Machtlosigkeit unmittelbar vor dem Öffnen der Tür.

Die Polizei hat bei einer Notöffnung präsent zu sein

Deshalb ist die Präsenz der Polizei in diesen Momenten nicht nur bloße Vorschrift. Die Polizei muss bei der Türöffnung wenigstens auf der Anfahrt sein, zumal die Türöffnung ein Eindringen in fremdes Eigentum darstelle, sagt Häcker. Ungeachtet dessen bietet die Polizei der Feuerwehr aber auch Schutz. Schließlich schreie nicht jeder um Hilfe, deshalb bleibe die Situation in vielen Fällen unkalkulierbar, sagt der Ditzinger Wehrsprecher Andreas Häcker. „Wer weiß, ob nicht kriminelle Energie Schuld daran ist, dass die Tür nicht geöffnet wird?“

Wie erfahren die Feuerwehrleute auch sind: Eine Notfalltüröffnung bleibe belastend, macht der Leonberger Feuerwehrkommandant Wolfgang Zimmermann deutlich. Auch das, was man hinter der Tür dann erlebe „muss man verkraften können“. Viele Einsätze können einem nichts ausmachen, „und dann gibt es den einen, der wirft einen aus der Bahn“, sagt Zimmermann.

Laut Andy Dorroch spielt dabei auch immer die tagesaktuelle Konstitution der Einsatzkräfte eine Rolle. Nicht nur er, auch Häcker, Spera und Zimmermann sind deshalb froh über die Existenz der Einsatzkräfte-Nachsorgeteams. Sie gibt es sowohl im Landkreis Böblingen als auch Ludwigsburg. „Sie haben eine andere Ausbildung“, sagt Zimmermann, „sie können ganz anders mit den Themen umgehen.“ Diese Hilfe sei wichtig, denn manch Einsatz werde nach Hause mitgenommen, in die Familien. Deshalb, so Zimmermann, werde die Familie inzwischen teilweise in die Ausbildung eingebunden.

Die Situation gar nicht erst entstehen lassen

Die Feuerwehr hilft und doch weiß sie auch, dass manche dramatische Situation gar nicht erst hätte entstehen müssen, wenn Nachbarn untereinander auf sich achten würden, im Zweifel mal an der Wohnungstür klopfen, an der Haustür klingeln würden.

Die Seniorin in Ditzingen wurde rechtzeitig gefunden. Einen Hausnotruf habe sie mit ziemlicher Sicherheit nicht gehabt, sagt Häcker. Diese Form der Unterstützung sollte man bedenken, wenn man allein lebt, sagt er. Die Rettungskräfte kämen sicher – auch dann, wenn sich herausstellt, dass der Knopf versehentlich beim Rasenmähen gedrückt worden war.

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