Feuerwerk-Unfälle in und um Stuttgart Was wird die Silvester-Böllerei diesmal anrichten?

Rückblick: Die Feuerwehr musste zu Neujahr 2023 in dieser Tiefgarage in Botnang löschen. Wer da unsachgemäß geböllert hatte, ist bis heute unbekannt. Foto: 7aktuell/Simon Adomat

Wieder drohen Brände und Verletzungen bei der Böllerei in der Silvesternacht. Wie hat die Region eigentlich den letzten Jahreswechsel überstanden? Die Fälle sind auch eine Lehre für das neue Jahr.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Es gibt tatsächlich eine Patentantwort darauf, wie sich größere Brände und schlimmere Unfälle mit Böllern und Raketen in der Silvesternacht vermeiden lassen. „Dreh- und Angelpunkt ist der verantwortungsvolle Umgang mit Feuerwerkskörpern“, sagt der Stuttgarter Feuerwehrsprecher Daniel Anand. Wenn sich da nur alle dran halten würden – dann gäbe es sicher keine Alarmfälle mit mehreren Hunderttausend Euro Schaden allein in der Region Stuttgart. So wie beim letzten Jahreswechsel. Ein Rück-, Aus- und Rundblick.

 

Wo startete 2023 am schlimmsten? 32 Bewohner müssen raus, werden vorübergehend in gemeindeeigenen Wohnungen untergebracht oder finden Unterschlupf bei Verwandten, der Bürgermeister spricht vom schlimmsten Brand der letzten 30 Jahre. Die Neujahrsnacht in Hildrizhausen (Kreis Böblingen) beginnt um 1.20 Uhr mit einem Inferno in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhaus-Komplexes. Sechs Autos und ein Motorroller werden ein Raub der Flammen, mehr als 100 Wehrmänner sind im Einsatz, ebenso ein Löschroboter, der die Hitzehölle letztlich bändigt. Der Schaden beträgt mehr als eine halbe Million Euro.

Großeinsatz für die Feuerwehr in Hildrizhausen am 1.1.2023. Foto: 7aktuell.de/Simon Adomat

Die Ursache: Ein Silvesterknaller. Brandermittler der Kripo stoßen auf eine Mülltonne als Ausgangspunkt, offenbar in Brand gesetzt von einem entsorgten, aber nicht vollständig erkalteten Feuerwerkskörper. Das bringt natürlich den Mülltonnenbesitzer in Verdacht. Die Polizei gibt im Sommer die Akte mit Ermittlungen wegen fahrlässiger Brandstiftung an die Staatsanwaltschaft ab. „Das Verfahren wurde im November mangels eines hinreichenden Tatverdachts eingestellt“, sagt Staatsanwaltssprecher Aniello Ambrosio. Damit gibt es amtlich weiterhin keinen Tatverdächtigen. Aber doch eine Lehre für alle: Abgebrannte Böller sollten nur vollständig abgekühlt in den Hausmüll geworfen werden.

Sind Tiefgaragen öfter gefährdet? Nicht nur in Hildrizhausen, auch in Stuttgart-Botnang wird eine Tiefgarage zum Alarmfall für die Feuerwehr. In einem geschlossenen Abteil geht um 0.25 Uhr ein Elektroroller samt anderer gelagerter Gegenstände in Flammen auf. Die Feuerwehr kann schlimmere Folgen verhindern. Auch hier soll eine Silvesterrakete gezündet worden sein. Die Stuttgarter Kripo muss den Fall aber im Februar als ungeklärt abschließen. „Ein Täter konnte nicht ermittelt werden, das Verfahren wurde eingestellt“, heißt es auf Anfrage bei der Staatsanwaltschaft.

Stuttgart hat eine leidvolle Geschichte von brennenden Tiefgaragen zum Jahreswechsel. Trauriger Höhepunkt war der Brand an Silvester 2015, als eine Feuerwerksrakete am Wildgansweg 1,5 Millionen Euro Schaden anrichtet. Zuletzt werden, 2017 in zweiter Instanz, zwei 17- und 18-Jährige wegen fahrlässiger Brandstiftung und Körperverletzung zu 120 Arbeitsstunden verurteilt.

Welcher Brennpunkt ist besonders auffällig? Der Balkon. Wer räumt diesen eigentlich in der Silvesternacht vollständig auf, entfernt Kartons, Abdeckungen oder Inventar? Und wer rechnet schon mit verirrten Silvesterraketen? Doch genau das sollte man durchaus tun. Vor allem an Hochhäusern – die beim letzten Jahreswechsel gleich zweimal zum Schauplatz von Großeinsätzen werden. In der Rostocker Straße in Bad Cannstatt kann die Feuerwehr kurz vor Mitternacht gerade noch ein Übergreifen auf weitere Balkone und Wohnungen verhindern. In der Sommerhofenstraße in Sindelfingen (Kreis Böblingen) brennt es auf einem Balkon im zwölften Stock, 120 Bewohner müssen das Haus verlassen. Die betroffene Wohnung wird durch Rauch und Ruß erst einmal unbewohnbar, der Schaden wird zunächst auf 80 000 Euro geschätzt. Eine Rakete soll das Mobiliar in Brand gesetzt haben.

Neujahr 2023 in Sindelfingen: 120 Bewohner müssen wegen eines Balkonbrands raus. Foto: SDMG/SDMG / Dettenmeyer

Was passiert mit einem Auto als Zielscheibe? Die Feuerwehr appelliert zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Böllern – allzu häufig passiert aber das Gegenteil. Immer wieder werden die Knaller auf Autos geworfen, dabei werden Schäden bewusst in Kauf genommen. In Plüderhausen (Rems-Murr-Kreis) brennt die Vorderseite eines geparkten VW. Dem Besitzer entstehen 20 000 Euro Schaden – und die Polizei findet niemanden, der die Verantwortung dafür übernimmt.

In Schwaikheim (Rems-Murr-Kreis) wirft ein unbekannter Täter einen Feuerwerkskörper gegen ein vorbeifahrendes Auto, um den Fahrer zu erschrecken. Der Ford fängt zwar kein Feuer. Doch durch die Explosion wird der Seitenairbag an der Fahrerseite ausgelöst. Die Polizei spricht in diesem Fall von 500 Euro Schaden.

Können auch Kühe zum Opfer werden? Die Begriffe Vorsicht und Rücksicht gelten auch für die Silvester-Böllerei. Nicht nur, weil die Stuttgarter Feuerwehr beim letzten Mal zu 72 Bränden ausrücken und 225 Anrufe unter Notruf 112 verzeichnen musste. In den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg waren es 46 Brände, in den Kreisen Esslingen, Reutlingen, Tübingen und Zollernalb zusammen 49, im Rems-Murr-Kreis 19 Brände.

Silvester-Opfer: Für den Stallbesitzer Horst Stegmaier gab es 2023 keinen erfreulichen Start ins Jahr. Foto: Werner Kuhnle

Manchmal wird es auch ohne Feuer brenzlig. Ein trauriger Fall aus Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg) sollte nicht ohne Lehre bleiben – zumindest Petitionen gibt es seither. Dort feierten einige Leute in der Nähe eines Kuhstalls – und hatten wenig Verständnis für die Bitte des Stallbesitzers, aus Rücksicht auf das Tierwohl dort kein Feuerwerk abzubrennen. Am Neujahrsmorgen dann die Bescherung: Nach einer Panik innerhalb der Herde haben drei Kühe schwere Verletzungen erlitten. So schwer, dass sie kurzerhand getötet werden müssen. Damit sich das nicht wiederholt, hat die Gemeindeverwaltung diesmal vier Böllerverbotszonen im Ort deklariert.

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