Magirus in Ulm Defizitäre Feuerwehrsparte soll verkauft werden
Der Fiat-Konzern will sich von der defizitären Produktion von Feuerwehrautos in Ulm trennen. Unter den 1000 Beschäftigten bei Magirus herrscht Unruhe.
Der Fiat-Konzern will sich von der defizitären Produktion von Feuerwehrautos in Ulm trennen. Unter den 1000 Beschäftigten bei Magirus herrscht Unruhe.
Juni 2014, im Ulmer Industriegebiet Donautal lädt die Magirus GmbH zum Medien- und Kundentag. Gefeiert werden die 150-jährige Firmengeschichte und der Start in eine vermeintlich rosige Zukunft. Aus Turin ist der damalige Fiat-Konzernchef Sergio Marchionne angereist, Redner preisen das neue „Excellence Center“ mit angeschlossener „Fire Fighter Academy“ und kündigen eine neue Produktoffensive an.
So gut wie geheilt schienen an diesem Tag die Wunden, die der Abzug der traditionellen Lastwagenproduktion im Donautal zwei Jahre zuvor geschlagen hatte. Die Ivecos wurden per Verfügung aus Italien kostengünstiger in Madrid gebaut, Tausende Stellen in Ulm gestrichen. Als der damalige Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner im Juli 2012 seine traditionelle Schwörrede hielt, ließen empörte Beschäftigte schwarze Luftballons über den Dächern der Stadt aufsteigen. Nun aber sollte die verbliebene Brandschutzsparte neue Zukunftsfelder öffnen.
Neun Jahre nach der großen Jubiläumsfeier ist von Aufbruchstimmung im Magirus-Werk mit seinen rund 1000 Beschäftigten, das zur Iveco Group und damit weiterhin Fiat gehört, nichts mehr übrig. Fiat plant offensichtlich den Verkauf der Feuerwehrabteilung.
Zuerst hatten Ende Juli italienische Gewerkschaften per Pressemitteilung gewarnt, Anfang August bestätigte der Iveco-Chef Gerrit Marx bei der Präsentation der Halbjahreszahlen, es gebe Gespräche mit verschiedenen Interessenten in Sachen Magirus. Grund sollen rote Zahlen beim Traditionsunternehmen sein, dem Vernehmen nach in jährlicher zweistelliger Millionenhöhe. Fiat jedoch, heißt es in Branchenkreisen, braucht frisches Geld für die Transformation seiner Pkw-Flotten.
Magirus hat Anfragen unserer Zeitung zum Stand der Verkaufsgespräche und der Stimmung innerhalb der Belegschaft nicht beantwortet. Michael Braun, Geschäftsführer der IG Metall Ulm und Erster Bevollmächtigter der Gewerkschaft, weiß jedoch: „Die Leute sind verunsichert. Sie wollen wissen: Wie wird der Laden in Zukunft gesteuert?“ Braun begleitet das Unternehmen schon seit mehr als zwei Jahrzehnten, hat miterlebt, wie das Lkw-Werk mit früher mehr als 4000 Beschäftigten rapide schrumpfte, wie dann die Magirus-Werke im sächsischen Görlitz und in Weisweil im Kreis Emmendingen dicht gemacht wurden, zur Aufwertung der Löschzugproduktion in Ulm.
Magirus ist in erster Linie für seine hochtechnisierten Drehleitern bekannt, hat auf dem Weltmarkt nur wenig ernst zu nehmende Konkurrenz. Anders sieht es jedoch bei den reinen Löschfahrzeugen aus, hier gibt es durchaus billigere Konkurrenz aus Osteuropa oder Asien.
Praktisch jedes Fahrzeug mit seinen vielen Staumöglichkeiten und Kabinenvarianten wird an die Wünsche von Feuerwehrkommandanten angepasst, das macht eine weitgehende Automatisierung der Herstellung unmöglich. Da außerdem Kommunen ihre Bestellungen europaweit ausschreiben müssen, liegen zwischen dem Vertragsabschluss und der letztendlichen Auslieferung von Feuerwehrfahrzeugen viele Monate.
Erst die Coronakrise, dann der Riss der Lieferketten, seit vergangenem Jahr die Inflation haben wohl die letzten Margen aufgefressen. Denn die Kaufverträge mit den Rathäusern sind in der Regel nicht nachverhandelbar. „Das ist für alle deutschen Anbieter hochproblematisch“, sagt Gewerkschafter Braun. „In diesem Feld ist es unglaublich schwierig, Geld zu verdienen.“ Unter Beschäftigten heißt es, Iveco habe schon lange nichts mehr in die Entwicklung des Werks, in Digitalisierung oder Robotik investiert.
Unter den Namen potenzieller Kaufinteressenten ist derzeit am häufigsten der Name Morita zu hören. Der japanische Feuerwehrfahrzeughersteller übernahm auch schon den finnischen Hubarbeitsbühnenhersteller Bronto Skylift. Auch von der Naffco-Gruppe mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist zu lesen. Gewerkschaftschef Braun sieht Magirus aber noch nicht vollständig in andere Hände gehen, er hofft auf den Einstieg eines engagierten Investors oder eine sinnstiftende Beteiligung in Ulm.
So oder so werde die Marke Magirus nicht verschwinden. Die Drehleitern aus Ulm blieben auch weiter ein „Topprodukt“, dessen Name „auf der ganzen Welt bekannt ist“. Die anstehende Zäsur im Donautal könnte am Ende auch eine Chance sein. Für Anfang Oktober habe das Iveco-Management intern weitere Informationen angekündigt.
Beginn
Im Jahr 1864 lässt Conrad Dietrich Magirus erstmals in Ulm Feuerwehrleitern und -spritzen nach seinen Entwürfen fertigen. Die „Ulmer Leiter“ wird dann 1873 sogar bei der Weltausstellung in Wien gezeigt.
ZäsurDer Fiat-Konzern verlegt die Ulmer Nutzfahrzeugproduktion 2012 nach Madrid, am 3. August des Jahres wird im Donautal der letzte Lastwagen gebaut. Die Lkw-Hallen werden zum Brandschutzzentrum umgerüstet.