Filderdialog zu Stuttgart 21 Die Zimbeln versöhnen nicht alle beim Filderdialog

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Bürger und Experten haben ähnliche Ziele beim Filderdialog. Doch bei der Frage der Umsetzung brechen die alten Konflikte wieder auf.

Zwanzig runde Tische sollen den Dialog befördern. Foto: Achim Zweygarth 62 Bilder
Zwanzig runde Tische sollen den Dialog befördern. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Als Ludwig Weitz seine tibetanischen Zimbeln zum letzten Mal geläutet hatte, war alle Anspannung aus ihm gewichen. In der einschlägigen Literatur wird dieser Art von Klangschalen nachgesagt, dass sie perfekt sei zur energetischen Raumreinigung, weil ihr hoher Ton den Anwesenden Klarheit und Wachheit gäbe. Und tatsächlich: diesem Ziel, Klarheit und Wachheit zu erzeugen, wähnte sich der Moderator des Filderdialogs zu Stuttgart 21 am Samstagabend nach einer siebenstündigen Sitzung in der Filderhalle von Leinfelden erstaunlich nahe.

„Was wir geplant hatten, ist aufgegangen“, sagte Weitz und verwies auf einen Stapel von Kärtchen, auf denen die Teilnehmer ihr „Herzensresümee“ ziehen sollten. Überwiegend positiv waren die Sätze, die der Mediator aus Bonn verlas. „Demokratie ist erlebbar geworden“, hatte jemand geschrieben; „wir wurden gut informiert und hoffen, dass wir gehört werden“, ein anderer. Doch auch kritische Stimmen mischten sich in den Freudenchor. „Am Abend mehr Fragen als am Morgen“, konstatierte einer, ein anderer monierte, dass dieser Dialog „15 Jahre zu spät ist“.

Damals freilich war noch kein S-21-Projektpartner auf die Idee gekommen, mit knapp 150 Politikern, Vertretern von betroffenen Kommunen, Mitgliedern verschiedener Bürgerinitiativen und etlichen Dutzend zufällig ausgewählten Bürgern über die Anbindung des Flughafens an den Tiefbahnhof im Talkessel, nach Ulm und an die Gäubahn zu diskutieren. Und auch jetzt, bei der ersten Auflage dieses Bürgerbeteiligungsexperiments, lief längst nicht alles nach Plan. Erst mit drei Wochen Verspätung startete das Verfahren, weil zwar viele altbekannte Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 dabei sein wollten, aber sich nur fünf „Zufallsbürger“ gemeldet hatten. Am Samstag waren es immerhin 67 von 4500 angeschriebenen Personen, die den sonnigen Tag in der stickigen Halle verbrachten. Doch bei ihrem Zusammentreffen mit den alten S-21-Hasen kristallisierte sich schnell heraus, dass die Mehrzahl der Teilnehmer dem Umweltschutz und dem schonenden Verbrauch von weiteren Flächen die höchste Priorität bei der Planung auf den Fildern einräumten. Weitere wichtige Kriterien waren die Entflechtung des geplanten Mischverkehrs von Nah- und Fernverkehrszügen auf der Trasse zwischen der Rohrer Kurve und dem Flughafen, die Kostentransparenz und ganz generell die Zukunftsperspektiven der Planung.

Der Bahnbevollmächtigte legt den Finger in die Wunde

„Das kommt für mich nicht überraschend“, sagte der Konzernbevollmächtigte der Bahn, Eckart Fricke, zur Prioritätenliste, in der Bürger und Experten eine hohe Übereinstimmung erzielt hatten. In der weiteren Betrachtung der Varianten aber könne im Widerstreit dieser Prioritäten ein hohes Konfliktpotenzial stecken. „Es wird schwierig, wenn man zum Beispiel zwei getrennte Trassen für den Fern- und den Nahverkehr will, aber gleichzeitig keine zusätzlichen Flächen versiegelt werden sollen“, sagte Fricke.

Tatsächlich sollte sich rasch zeigen, wie emotional das Thema immer noch ist. Nachdem Markus Schubert, Geschäftsführer des Münchner Verkehrsberatungsbüros Intraplan, die Antragstrasse der Bahn und die sechs im Vorfeld des Filderdialogs erarbeiteten Alternativen vorgestellt hatte, stand Hannes Rockenbauch auf und erklärte, dass eine „vernünftige und vertiefende Diskussion unter diesen Umständen nicht möglich“ sei. Danach verließ der OB-Kandidat von SÖS/Linke den Saal – unter dem Applaus zahlreicher Stuttgart-21-Gegner, die rund um die Halle demonstrierten.

Vor der Tür warf Rockenbauch den Projektpartnern Bahn und Land vor, dass „keine Faktengrundlagen für die unterschiedlichen Varianten vorhanden“ seien. Lediglich für die Antragstrasse existierten vertiefte Untersuchungen, für alle anderen Varianten gäbe es nichts dergleichen. „Wenn wir auf dieser Grundlage diskutieren, fallen wir hinter Stresstest und Schlichtung zurück, das mache ich nicht mit“, schimpfte der frühere Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21.

Moderator Weitz bleibt diplomatisch

Ludwig Weitz reagierte diplomatisch auf den Abgang des prominenten Bahngegners. „Es ist schade, dass er geht. Er hätte bestimmt vieles zu dem Dialog beitragen können“, sagte der Moderator. Doch in einer so großen Gruppe gäbe es natürlich auch eine hohe Zahl an Unzufriedenen.

Tatsächlich fanden sich jene, die den Auftakt des Filderdialogs offiziell kritisierten, vorzugsweise in den Reihen der S-21-Gegner. Steffen Siegel, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder, wiederholte einmal mehr, dass auch er daran denke, den Dialog zu boykottieren. Walter Zuleger von den Juristen zu Stuttgart 21 war ebenso verärgert wie die grüne Kommunal- und Regionalpolitikerin Ingrid Grischtschenko, die darauf hinwies, dass der von der Bahn geplante dauerhafte Mischverkehr von Fern- und Nahverkehrszügen durch Leinfelden-Echterdingen nur mit einer Ausnahmegenehmigung des Eisenbahnbundesamtes erfolgen könne.

Dietrich erwartet wertvolle Hinweise der Bürger

Dagegen spöttelten die S-21-Befürworter vorzugsweise leise und im kleinen Kreis über den Filderdialog. Offiziell aber intonierten sie ein einstimmiges Loblied. Erfreulich sei, dass die Bürger „in hohem Maße deckungsgleiche Kriterien formuliert“ hätten, sagte Flughafen-Geschäftsführer Walter Schoefer. „In guter und konstruktiver Atmosphäre“ sei der erste Tag des Filderdialogs verlaufen; es zeige sich, „dass wir daraus wertvolle Hinweise gewinnen, um besser auf die Sorgen der Bürger eingehen zu können“, sekundierte der S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich. Obwohl er sich schon lange mit dem Thema ­beschäftige, habe er jetzt noch manches gelernt, meinte der Stuttgarter Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD).

Nur Thomas Kiwitt, der Chefplaner des Verbands Region Stuttgart, getraute sich, eine leise Septime in den Dur-Akkord zu setzen. Bei allen Vorteilen, „dass jetzt auch die eine Stimme bekommen, die bisher nicht gehört wurden“, sehe er die Gefahr, „dass über eine solche Bürgerbeteiligung auch ein Kirchturmdenken in große Planungen einziehen könnte“.

Das wäre dann wieder ein Fall für Ludwig Weitz. „Sagen Sie, was Sie denken und fühlen; bleiben Sie bei sich“, hatte er den Teilnehmern am Morgen zugerufen – und seine tibetanischen Zimbeln geläutet.