Filderklinik Was der Geburtenboom mit sich bringt

Die Filderklinik hat ein Alleinstellungsmerkmal. Foto: picture alliance/dpa/Fabian Strauch

Die Filderklinik in Filderstadt reiht einen Geburtenrekord an den anderen. Werdende Eltern kommen auch von weiter her. Warum das so ist, und welche Folgen es hat.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Filderstadt - Es gibt Räume, die müssen den verschiedensten Ansprüchen gerecht werden. Ein Kreißsaal gehört dazu. Hier geschehen Momente von großer Freude, wenn der Nachwuchs erstmals das Licht der Welt erblickt. Das kann aber auch ein Ort von großen Schmerzen und Bangen sein, wenn nicht alles wie erwartet abläuft, sei es bei der Mutter, sei es beim Kind.

 

Solche Orte müssen deshalb auf besondere Weise gestaltet sein. „Vertrauen“ ist ein Stichwort, das gerne verwendet wird von den Verantwortlichen des Perinatalzentrums der Filderklinik, und das hat auch mit „heimelig sein“ zu tun oder mit „geborgen sein“. Begriffe, die einem nicht so ohne Weiteres einfallen, wenn man an ein Krankenhaus denkt.

Über 2400 Geburten im Jahr

Und da gelingt der Filderklinik in vieler Hinsicht Erstaunliches. Mit mehr als 2400 Geburten im Jahr rangiert sie weit vorne – deutschlandweit. Das bedeutet: Wer hier ein Kind zur bringen möchte, kommt längst nicht mehr nur aus Filderstadt, Stuttgart oder Umgebung. Der Radius der Interessenten geht zunehmend über die Region hinaus.

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Familien kommen aus ganz Baden-Württemberg, aber auch zunehmend aus Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz oder sogar Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg in die Filderklinik nach Filderstadt-Bonlanden. Eine Entwicklung, die etwa dem Standesamt der Stadt Filderstadt Probleme bereitet: Da kommt man zum Teil nicht mehr hinterher mit dem Ausstellen der Geburtsurkunden.

Erweiterungsbauten sind notwendig

Für die Filderklinik bedeutet das: Sie muss anbauen. Zwei Kreißsäle zuletzt etwa, sowie sechs zusätzliche Betten für die Neonatologie, die Intensivstation für Neu- und Frühgeborene. Und das musste schnell gehen: Die Erweiterungsbauten wurden in modularer Bauweise erstellt, werden jedoch den höchsten medizinischen Ansprüchen gerecht.

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Doch was bedeutet es für werdende Mütter, für Lebenspartner, die hier die Geburt ihres Kindes erleben? Der erste Eindruck der neuen Kreißsäle als auch der neuen Neonatologie: Große Fenster lenken den Blick ins Freie, in grünes Buschwerk beziehungsweise in den Garten. Die Wände sind nicht im Einheitsweiß, sondern ihr Farbspektrum meliert zwischen Rot- und Gelbtönen. Und Messgeräte, Infusionsständer oder andere Medizingerätetechnik sucht man hier zunächst vergebens. Aber klar, alle Utensilien und Apparate, die denkbar notwendig sein können bei einer Geburt, sind jederzeit griff- und einsatzbereit in den Regalen und Schränken untergebracht.

Hightech-Medizin trifft Naturheilkunde

Die Farbe der Wände, die dimmbare Beleuchtung , überhaupt die Grundarchitektur der Klinik –ist angelehnt an die Lehren von Rudolf Steiner. Wer sich privat für Therapien der integrativen Medizin interessiert, der findet hier geschultes Personal. „Wenn sich jemand bisher zu Hause mit naturheilkundlichen Medikamenten bestens therapiert hat, setzen wir dies hier gerne fort“, so Hauke Schütt, Leitender Arzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

„Die anthroposophische Medizin ist eine moderne integrative Medizin. Hightech-Medizin und die sanften Methoden der Komplementärmedizin lassen sich hervorragend miteinander kombinieren“, erklärt Jan Vagedes, Leitender Arzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des Forschungsinstituts ARCIM Institute. Er hat schon mehrere wissenschaftliche Studien zur Anthroposophischen Medizin unter anderem in Kooperation mit der Universität Tübingen geleitet und publiziert.

Der Dienst am Menschen

Das Verhältnis zu den Lehren von Steiner beschreibt Schütt so: „Den Begriff „Anthroposophie“ fassen wir vom Grundverständnis her auf. Antropos steht im Altgriechischen für den Mensch, Sophia für Weisheit. Es ist also der Dienst am Menschen, um alles zu tun, was für ihn gut und nützlich ist.“ Die Filderklinik lege Wert darauf, den werdenden Müttern ihren individuellen Geburtsweg zu ermöglichen, auch im Fall von Mehrlingsgeburten oder Beckenendlage.

Kommt ein Baby auf die Welt, erlebt es Mutter und Vater in einer harmonischen Umgebung. Gibt es Komplikationen, steht ein interdisziplinäres Team aus Hebammen, Fachpflegekräften sowie Ärztinnen und Ärzten der Geburtshilfe, Anästhesie sowie Kinderheilkunde und Neonatologie sofort zur Verfügung. „Ob es Probleme bei den Neugeborenen gibt oder nicht, entscheidet sich oft in den ersten Lebensminuten“, erklärt Vagedes.

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Gibt es welche, stehen im an den Kreißsaal unmittelbar angrenzenden Behandlungsraum Medizingeräte zur Verfügung, um die Vitalfunktionen des Neugeborenen zu prüfen, zu überwachen und zu stabilisieren. „Wir sind technisch auf dem absolut neuesten Stand“, erklärt Vagedes. „Für die Beatmung, das Monitoring und die Pflege der Neu- und Frühgeborenen in Inkubatoren haben wir in unseren Neonatologie Hightech der neuesten Generation.“

Falls notwendig, werden zu früh oder krank geborene Babys dort intensivmedizinisch weiterbetreut. „Gleichzeitig haben wir auch die neuen Räume der erweiterten Neonatologie farblich und atmosphärisch so gestalten können, dass sich die Eltern unmittelbar sicher, wohl und geborgen fühlen“.

Natürliche Geburten

In der Filderklinik sind Geburten auf natürliche Weise möglich, die andernorts nur per Kaiserschnitt realisiert werden. „Da verzichten wir auch auf Einnahmen“, so Schütt, „denn je mehr Medizingerätetechnik zum Einsatz kommt, desto höher wird ein Eingriff vergütet “. Aber da greift nicht nur das anthroposophische Weltbild, sondern auch ein Alleinstellungsmerkmal.

„Vielerorts verfügt das Personal in der Geburtshilfe nicht mehr über entsprechendes Know-how, um auch kompliziertere Geburtsverläufe natürlich begleiten zu können“, erklärt Alexandra Sperling, Hebamme und Pflegerische Leitung des Perinatalzentrums. „Bei uns werden diese Fähigkeiten noch gelehrt und gefördert. Unsere Hebammen erhalten eine herausragende Ausbildung.“ Und sind rund um die Uhr im Einsatz: „Natürliche Geburten sind nicht planbar wie Kaiserschnitte. Bei uns kommen auch noch Sonntagskinder auf die Welt“, so Sperling.

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